Dienstag, 23. April 2013

Frühling? Früüühling!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer! hat der junge Mann im blauen Hosenanzug letzte Woche gesagt und mir die Autotüre aufgehalten. Ich nickte und sagte Danke, gleichfalls! Ich setzte mich hinein, startete den Motor und schaltete die Scheibenwischer an und drückte auf den Heizungsknopf. Die Sommerreifen sind nun montiert, doch es regnete anhaltend stark und ich fror. - Einen schönen Sommer, darauf hoffen wir nun alle, nicht? Nach all diesen kalten und nassen Tagen sieht man inzwischen wenigstens das frische Grün aus den braunen Ästen sprießen und die Bäume sind aufgeblüht. Ich habe dieses Wiedererwachen der Natur schon lange nicht mehr als solch ersehnte Wohltat erlebt wie dieses Jahr. Richtig ausgehungert fühle ich mich.

Thalia macht sich nicht viel daraus, denn die Schnecken sind aus dem Winterschlaf erwacht und mit der Nässe munter unterwegs. Thalia ist im Schneckenparadies. Jeden Tag findet sie neue Schnecken und bringt sie mit nach Hause. Wie süss! Sie holte Teller und Schälchen aus der Küche und legt sie hinein. Jeden Tag nimmt sie frische Salatblätter aus dem Kühlschrank und verköstigt ihre Lieblinge. Ab und zu büxst eine aus und dann wissen wir: irgendwo in der Küche muss nun eine Schnecke sein... Sie hat die erste gefundene Schnecke des Jahres mit einem Glitzerherzchen beklebt und ihr den Namen "Herzchen" gegeben. Jede neue Schnecke bekommt einen eigenen Namen. Thalia liebt ihre Schnecken. Sie beobachtet sie, nimmt sie auf die Hand und trägt sie mit sich herum. Und wenn Cosima beim Essen aufschreit und verlangt, dass Thalia nun sofort ihre Schnecke vom Schoss nehmen soll, weil es sie ekle, eine Schleimschnecke während dem Essen neben sich zu haben, kann Thalia darob ganz unglücklich und verständnislos in die Welt schauen. 



Auch Christian bringt nicht mehr viel Empathie auf und verlangte gestern, dass Thalia nun alle Schnecken wieder frei setzen müsse. Cosima stimmte gleich mit ein und schalt Thalia als Tierquälerin, die dann für den Tod der Schnecken verantwortlich sei. Heulend kam sie zu mir ins Badezimmer gerannt, als ich eben aus der Dusche stieg und ich musste sie in die Arme nehmen und versichern, dass ich ihre Schnecken ganz toll fände und sie eine gute "Schneckenmama" sei und die Tierchen es bei ihr nicht so schlecht haben wie Cosima es behauptet.











Ich bin ehrlich gesagt fasziniert von Thalias Freude an den Schnecken. Ihr Herz geht richtig auf dabei und sie lebt mit den Tierchen mit. Sie legte sie kürzlich auf einen Glastisch und legte sich neugierig darunter. Sie kreischte vor Vergnügen, als sie die kriechende Schnecke von unten beobachten konnte. Und wenn dann die Dinger übereinander kriechen, dann ist sie sich sicher, dass das Mama und Kindchen sind. Oder Mama und Papa, wenn sie sich "küssen". Eigentlich sollte ich einen Kurzfilm darüber drehen...hätte ich das Know-how dazu.








Vergangene Woche durfte Cosima ihre Erst-Kommunion feiern und wir waren alle super glücklich, dass wenigstens an diesem Sonntag die Sonne warm und gütig vom Himmel schien. Was gibt es Schöneres für kleine und schon größere Mädchen, als in einem hübschen Kleidchen ohne Jäcklein und langer Unterwäsche herum hüpfen zu dürfen? Cosima genoss es, für einen Tag unsere Prinzessin zu sein. 




Ein grosses Dessertbuffet ist für mich wichtig, wenn ich ein Fest organisiere. Ich halte nicht viel von einem einzigen Desserteller. Nein, es muss zu viel des Guten sein. So viel zu viel, dass man noch ein paar Tage davon essen kann, nachdem man allen Gästen noch Kuchenstücke, selbst gemachte Meringues und Schokoladenmousse mit nach Hause gegeben hat. Beim Dessert soll man schlemmen können.





Ich liess mich für die Dekoration und das Dessert von Cosima's Kleid inspirieren: weiss, romantisch und mit Spitzen verziert. Und ich fand im Brockenhaus eine kleine, weisse Porzellantaube. Sie musste mit auf den Desserttisch, als Symbol für die Präsenz Christian's Eltern. Sie haben zwei Täubchen auch auf ihrem Grab und für uns sind das Sinnbilder ihrer Seelen.




Der Zauber und Duft des italienischen Frühlings, den wir an Ostern in Ligurien erlebten, holte ich zur Erinnerung auf den Tisch. Und ich kochte ein Couscous mit Karotten, Orangen und Zitronen. 

Die Erstkommunion ist vorbei und der herein geholte Frühling ist inzwischen wunderschön verblüht und verblasst. Jetzt warten wir langsam ungeduldig auf die Fülle der Natur vor unserer eigenen Haustür...





Wir haben Frühlingsferien und planen, bald nach Frankreich zu fahren. Wir hoffen auf zuverlässige Sonne und sichere Wärme.

Es grüsst Euch herzlich, 
Iren, die sich jetzt schon aufs Baguette freut!

Montag, 8. April 2013

Gedanken zu Beslim - oder: Eine Familie zu gründen ist und bleibt Privatsache.

Kürzlich habe ich von Beslim und seiner Familie erzählt. Seit ich sie in Österreich besucht habe, denke ich oft an sie und ihre Familiengeschichte. Schon viele meiner Gedanken sind um sie gekreist und ich habe mich an viele Sätze und Augenblicke dieses Besuches wieder und wieder erinnert. Ich bin sehr dankbar, dass ich sie kennen lernen durfte. Nebst dem, dass es eine sehr schöne, warmherzige Begegnung war, hat es auch viel in mir ausgelöst und zum Nachdenken angeregt. 

Einige meiner Gedanken möchte ich hier gerne mit Euch teilen: 

Mich fasziniert es, dass Beslim den Fluss weiter fließen lässt. Damit meine ich den Fluss der Familiengeschichte. Denn Beslim und seine Frau wären im Familienstammbaum normalerweise eine Sackgasse. Ein Name, der alleine steht, ohne Ehepartner und ohne Kinder, weil sie "behindert" sind. Es ist noch nicht so lange her, da hat man Menschen mit Behinderungen kein Recht auf erfüllte Liebe und Sexualität zugesprochen. Zwangssterilisation wurde von Ärzten und Psychiatern breit verordnet, in Heimen hatte freie körperliche Zärtlichkeit und Liebe kein Platz - sexuelle Übergriffe dafür umso mehr...

Beslim, der in Kosovo bei seiner Mutter und Geschwistern aufwuchs (sein Vater starb als er noch klein war) sehnte sich aber hartnäckig nach dem gleichen Glück wie seine Geschwister es erfahren durften: Das Glück einer Partner- und Elternschaft. Auch in seiner Familie stieß er nicht sofort auf Verständnis, denn man hatte Angst vor den Reaktionen des Umfeldes. In seinem Heimatland wurden und werden immer noch, Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft nicht aufgenommen. Viele Familien halten diese Kinder, auch heute noch, "unter Verschluss". Seine Familie stand immer hinter Beslim und suchte schließlich nach einer Möglichkeit, Beslim zu verheiraten. Mit Remzie aus dem Nachbardorf fanden sie eine passende Partnerin, in die er sich auf den ersten Blick verliebte.



Beslim's Mutter Time, die acht Kinder alleine groß gezogen und  einige Balkankonflikte miterlebt hat, erklärte sich bereit, ihren Sohn und dessen Frau bei ihrem Kinderwunsch zu unterstützen. Dafür bewundere ich sie sehr; sie ist eine mutige, großherzige Frau. Sie ist mit ihrer Entscheidung gegen einen starken Strom geschwommen. Ihr "behinderter" Sohn und dessen "behinderte" Frau dürfen Vater und Mutter werden, mit ihrem Einverständnis und ihrer Hilfe. Mutig! 
Es galt zudem nicht nur ein weiteres Kind aufzuziehen, nein, dieses hätte auch grosse Chance gehabt, mit Down Syndrom zur Welt zu kommen. Sie alle vertrauten dem Leben und wollten annehmen, was kommt. Was kam? Zwei auffallend hübsche und sehr intelligente Kinder ohne Down Syndrom.

Mich berührt es sehr, wie Beslim und Remzie über ihre Kinder zeigen können, dass in ihnen viel mehr "gesunde", "normale" Anteile stecken als "behinderte". Denn "behindert" ist ein Adjektiv, das normalerweise über alles dominiert. Man sieht diese Menschen nur noch unter diesem Blickwinkel, darüber werden sie definiert. ABER an diesen Menschen ist der größte Teil, das heißt die allermeisten Gene und Körperfunktionen völlig normal und gesund. Und ihre Seele ist es auch. Wahrscheinlich ist bei ihnen nicht mehr "anders" oder "krank" als bei uns zu finden wäre. Nur haben sie ihre "Fehler" an Stellen, wo es sich viel klarer und folgeschwerer zeigt. Denn wer von uns läuft nicht mit genetischen Defekten oder Abnormalitäten herum? Manche wissen etwas darüber, manche nicht. Bei manchen hat es Konsequenzen, bei manchen nicht. Bei manchen bricht es aus, bei manchen nicht. Manche haben Glück, manche nicht. Aber wer weiß schon über sich, dass er genetisch völlig einwandfrei ist? An einen hundert Prozent perfekten Menschen, genetisch und medizinisch betrachtet, glaube ich nicht. Das waren auch Adam und Eva nicht. Aber solange wir "normal", das heisst genormt funktionieren können, solange wir nicht behindert werden im alltäglichen Leben, solange sieht man nur den gesunden Menschen. Sobald jemand nicht mehr "normal" funktionieren kann, wie das bei Remzie und Beslim zum Beispiel der Fall ist, so sieht man sofort nur noch den "behinderten" Teil als Ganzes. Aber sieht Euch diese Kinder und ihre stolzen Eltern an! Lange, nehmt Euch Zeit. Ich kann mich an diesem Bild kaum satt sehen. Es ist so kraftvoll, es löst in mir eine Kopfrevolution aus.


Ja, das ist möglich: "Behinderte" können genauso "gesunde" Kinder zeugen und gebären, wie "Gesunde" "behinderte". 

Warum dürfen gesellschaftlich gesehen die einen Kinder bekommen und die anderen nicht?! Das haben sich Cosima und Thalia auch immer wieder gefragt. Unvoreingenommene Kinderfragen, ehrlich und wahr. Dürfen sie nicht, weil sie unter Vormundschaft stehen, für sich selber kaum genug Geld verdienen und die erzieherische Verantwortung nicht voll übernehmen können? Ja, das stimmt. So sieht die Realität aus. Sie können ihre Kinder alleine nicht aufziehen. Sie brauchen Unterstützung. Aber wenn man beim Sozialamt nachfragt, dann erfährt man, wie viele "normale" Familien aus unterschiedlichen Gründen es nicht schaffen, ihre Kinder alleine groß zu ziehen und auf diverse Unterstützungen angewiesen sind. Wie viele Eltern auf dieser Welt misshandeln ihre Kinder, weil sie in der Überforderung sind? - Die Kinder von Beslim, Fitore und Arnis, wachsen in einem liebevollen Zuhause auf, geprägt von Lebensfreude und gegenseitigem Respekt.


Ich wünsche mir, dass die Geschichte von Beslim möglichst viele Menschen erfahren. Denn sie soll in unseren Köpfen Grenzen und Blockaden sprengen. Dieses Beispiel soll uns zwingen, umzudenken. Es darf Menschen mit Behinderung nicht per se abgesprochen werden, Kinder zu haben. Klar, es braucht dazu eine unterstützende Familie im Hinter- wie auch im Vordergrund. Ohne geht es nicht. Aber wenn sie da ist, was spricht noch dagegen?!




Weißt du, seine Frau und seine Kinder tun Beslim sehr gut, mit ihnen hat er so wirklich etwas für sein Herz. Er wäre sonst einsam. Denn kein anderer Mensch auf dieser Welt könnte ihm diese Beziehung ersetzen, die er zu Remzie und seinen Kindern haben darf. Dieser Satz von Blerina klingt immer und immer wieder in meinen Ohren nach. Und innerlich stimme ich immer wieder von Neuem zu. Genau so ist es. Und so etwas in dieser Richtung wünsche ich mir für Calista. Cosima war die erste, die mit mir die Kinderdiskussion bezüglich Calista's Zukunft führte. Das ist wichtig und gut, denn egal was kommen mag, es öffnet mental die Horizonte. Es befreit die Gedanken aus gesellschaftlichen Käfigen. Und das ist die beste Voraussetzung für einen glücklichen Weg, den wir gemeinsam mit Calista gehen wollen. Egal wie er aussieht, sie wird unsere Unterstützung haben. Heute mehr denn je.  

Wenn wir auf unseren Intellekt hören,
werden wir uns niemals verlieben,
wir werden niemals Freundschaften haben.
Wir werden niemals ein Geschäft eröffnen…
Doch das ist Unsinn.
Du musst von der Klippe springen,
immer wieder,
und deine Flügel auf dem Weg nach unten wachsen lassen.

(Ray Bradbury) 




Ich wünsche Euch allen für Euer Leben viel Mut um zu springen. Herzlich,
xxx iren.