Freitag, 21. November 2014

Bäume hören

Thalia, gibt dieser Pflanze bitte regelmässig Wasser, denn wenn sie Durst hat, schreit sie. Du kannst es nicht hören, aber es ist wahr. Thalia schaut mich mit grossen Augen an. Hää? Wie meinst du, sie schreit? - Sie hat natürlich keinen Mund, aber es gibt Geräusche in ihr drin, die nur entstehen wenn sie Wassermangel, also Durst, hat. Es klingt wie poppende Pop-Corn. Ich stelle ihr das Farnkraut wieder auf den Fenstersims, einzelne Wassertropfen laufen noch runter, und schnappe mir den daneben stehenden Blumentopf. Ich schaue Thalia von der Seite an: Diese Blume hier hat auch Durst, fühl mal an der Erde. Thalia möchte Pflanzen im Zimmer haben, doch sie vergisst zu giessen.

Thalia, die jedem Ding und Gegenstand ein Leben und eine Seele einzuhauchen vermag, sogar einem müden, schrumpeligen Luftballon, hört mir interessiert zu und will mehr wissen. Eine Pflanze macht Geräusche? Das findet sie wunderbar - und ich auch. Ich nahm Thalia zu mir an den Computer und liess sie Aufnahmen einer Waldföhre hören. "Die leise Symphonie der Bäume" heisst die Arbeit von zwei ganz unterschiedlichen, sich wunderbar ergänzenden Forschern. Sie haben das stille Innenleben der Bäume nicht nur hörbar gemacht, sondern sie haben auch gelernt, die Geräusche zu verstehen. Sie lernen die Sprache des Baumes zu deuten und erhalten so wertvolle Informationen über ihr Wohlbefinden.

Wir sind fasziniert und demütig. Und auf die Frage von Thalia, ein paar Stunden später, ob es Engel und Zwerge und Feen gäbe, da meinte ich nur: Ich habe noch nie welche gesehen, aber das heisst nichts.

Ja, Thalia, nur weil wir etwas mit unserem beschränkten Hirn nicht wahrnehmen können, heisst es noch lange nicht, dass es nicht existiert. Denn bis vor kurzem wussten wir ja auch nicht, dass eine Pflanze nach Wasser ruft, wenn sie Durst hat. Jetzt haben wir es aber dank Mikrophonen und Technik hören können. Du weisst ja, dass Hunde viel, viel besser riechen als wir. Oder Fledermäuse mit Ultraschalllauten fliegen. Davon merken wir, ohne technische Hilfe, auch nichts.

Mit diesem Wissen, dass unser Hirn und unsere Sinne eigentlich arg beschränkt sind, fühle ich mich wohl. Es ordnet mich ein in die Natur und gibt mir einen Platz, der bescheidener ist, als wir es vielleicht manchmal gerne hätten. Das tut gut, nicht?

Herzliche Grüsse von Iren