Buntes Familienleben mit drei fröhlichen Mädchen, das jüngste mit Down Syndrom.

Freitag, 1. Juni 2012

Zum Muttertag - Teil 2

"Test ermöglicht risikofreie Diagnose von Down Syndrom" - so lautete der Titel eines Zeitungsartikels, der genau zum Muttertag erschienen ist. Ich sass im Auto auf dem Beifahrersitz und wir fuhren gerade los zu meinen Eltern zum fröhlichen Muttertag-Kuchen-Essen, als ich das Blatt aufschlug. Passender könnte der Zeitpunkt des Artikels nicht sein... Denn das Muttersein beginnt mit sehr wichtigen Fragen und Entscheidungen: Wie viele pränatale Tests lasse ich machen? Wie weit kann ich mich auf dem Glatteis bewegen? Wie stehe ich zum Leben? Wie kann ich das Kind annehmen, habe ich Bedingungen? Wie steht mein Partner dazu?

Ich las den Artikel interessiert durch und bemerkte am Ende, dass er mich überhaupt nicht betrifft. Diese Tests haben nichts mit mir oder Calista zu tun. Diese Stufe haben wir überschritten, wir wussten, welchen Weg wir gehen wollten und beschritten ihn, ohne je eine Sekunde reuig zu sein.
Als ich aber das erste Mal von diesem risikofreien, sicheren Bluttest hörte, da war Calista gerade eben geboren, lag unberührt und unschuldig in meinen Armen, da traf mich diese Neuigkeit mitten ins Herz. Jetzt wird noch weiter geforscht und Geld investiert, um diese liebevollen Menschen aufzuspüren und abzutreiben? Ich nahm es persönlich, ich nahm es gegen mich, gegen mein Kind, gegen meine süße Calista, die mir inniges Mutterglück schenkte. Es hinterließ in mir dieses schmerzende Gefühl, dass die Gesellschaft mein Kind nicht haben will, dass es nicht leben sollte.
Meine Haltung hat sich inzwischen geändert. Ich habe viel Distanz bekommen und lasse nicht nur andere Meinungen gelten, ich kann auch ihre Argumente verstehen. Jeder ist in erster Linie nur sich selbst Rechenschaft schuldig. Wenn man seine Werte und Haltung gut definiert hat und diese gut vertreten kann, so ist es das beste Rezept für's eigene Glück. Wie auch immer das aussehen mag. 

Smilla
Calista's Freundin

Dieses "risikofreie" am Test ist nur auf die mögliche Fehlgeburt bezogen. Wertefrei betrachtet ist er vor allem eine risikofreie Informationsbeschaffung. Wie sich die Eltern dann entscheiden, ist wieder ein anderes Thema. - Die Statistik zeigt aber, das 95% der Eltern mit der Diagnose Down Syndrom sich gegen das Baby entscheiden. Viele trauen sich diese Aufgabe nicht zu. Und ich frage mich: Auf welcher Grundlage konnten sich diese Eltern entscheiden, wie viele Informationen bekamen sie und woher?

Es geht nicht um den Test an und für sich, er bringt tatsächlich eine Verbesserung, denn er hilft, Fehlgeburten zu vermeiden. Entscheidend ist, was gleich danach geschieht. Wer bietet diesen Eltern, die plötzlich in Not geraten sind, hilfreich die Hand? Wer will sich mit ihnen auf dieses Glatteis wagen? Wie können sich diese Eltern ein Bild ihrer potentiellen Zukunft machen? Dort ist meiner Meinung nach die Schwachstelle.

Es gibt Menschen, für die es von Anfang an ganz klar ist, dass sie - aus welchen Gründen auch immer - kein Kind mit Down Syndrom haben wollen oder können. Für diese Eltern ist der Bluttest einen Segen. Dass es keine Garantie für andere Behinderungen ist, das weiss man, doch es ist der Versuch, nichts zu verpassen und sich später keine Vorwürfe machen zu müssen.

Dann gibt es Menschen (zu denen ich mich zähle) für die es von Anfang an ganz klar ist, dass sie ein Kind mit Down Syndrom behalten werden. Diese Menschen werden einen solchen Test nicht brauchen, es sei denn, dass sie darauf vorbereitet sein wollen.



Smilla mit ihrer glücklichen Mama


Und dann gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich im Graubereich bewegt. Menschen, die sich der ganzen Sache nicht so sicher sind, die sich vielleicht noch zu wenig konkrete Gedanken dazu gemacht haben, die vielleicht einen Partner haben der unsicher ist etc. Für diese Menschen kann ein solcher Test einen Segen sein, genauso aber auch einen Fluch, wenn er "positiv" ist. Plötzlich kommt man in einen Strudel von ärztlichen Ratschlägen, Angst, Unsicherheit... von himmelhochjauchzend über eine neue Schwangerschaft fällt man runter auf zutodebetrübt über die Diagnose. Man erhält von seiten des Arztes eine nicht-enden-wollende-Liste aller möglichen Risiken und Zusatzbehinderungen aufgezählt und verliert darob leicht den Mut, sich dennoch für ein solches Kind zu entscheiden. Der Arzt selbst unternimmt alles, um sich gegen spätere Anschuldigungen abzusichern. Er will nicht vor's Gericht gezogen werden von Eltern, die ihm mangelnde Aufklärung vorwerfen. Er macht seinen Job. Für mich ist das aber nur eine Seite der Informationen, die man als werdende Eltern in einer solchen Situation braucht. Nebst all den medizinischen Risiken, die vielleicht auftreten könnten, sollten die Eltern auch die Möglichkeit haben, sich ein Bild machen zu können, wie das Leben konkret aussehen kann mit einem solchen Kind. Wie viele haben Bilder von früher im Kopf, die meistens eher abschreckend wirken? Da braucht es Aufklärung, Vorbilder und leicht zugängliche Informationsquellen. Und ihr wisst schon und kennt mich, was jetzt kommt: genau deshalb habe ich angefangen, meinen Blog zu schreiben. Das ist mein Beitrag zu diesem Thema.

Wenn werdende Eltern die Diagnose Down Syndrom bekommen, verändert sich ihr Leben für immer, egal wie sie sich entscheiden. Es gibt kein Ungeschehen-machen... Und ich habe, nach über zwei Jahren Zusammensein mit Calista, die Überzeugung, dass es sich genau entgegengesetzt verhält: Wer sich für Down Syndrom entschieden hat, der hat in der ersten Zeit, vor allem im ersten Jahr, viele Gefühle der Trauer, des Schmerzes und des Ausgeschlossen-seins zu verarbeiten. (Im Post "viele Stimmen" habe ich darüber schon geschrieben.) Es wird aber immer leichter und die Freude, die diese Kinder jeden Tag schenken, versöhnen einen rasch mit seinem neuen Schicksal. Und ich bin überzeugt, dass es aufs Leben hinaus gesehen noch unbeschwerter wird, wenn diese Kinder dann auch in ihre, für sie mögliche, Selbstständigkeit gehen, in einer Werkstätte oder sonst wo Arbeit finden und nicht mehr zu Hause leben. Sie sind keine Pflegefälle und ihre Entwicklung läuft meistens nach den gleichen Grundsätzen ab wie bei allen Kindern. Jenen aber, die sich gegen Down Syndrom entscheiden, fällt anfangs bestimmt ein großer Stein vom Herzen. Sie fühlen sich entlastet und schauen mutig vorwärts. Ich kann mir aber vorstellen, dass es einige gibt, die es doch nicht mehr los lässt. Dass es tief verborgen in ihnen rumort und dass es mit den Jahren, wo es jenen Eltern mit Down Syndrom leichter wird, den anderen eher schwerer werden kann. Ich weiss es nicht, doch das ist mein Gefühl. Es soll nun nicht moralisierend daher kommen, was ich schreibe. Ich weiss, dass es schwierige Familienkonstellationen gibt, wo ein Kind mit Behinderung keinen guten Platz findet. Es ist gut, dass man sich heute bewusst für oder gegen etwas entscheiden kann. Keinem Kinde ist es gedient, wenn es so, wie es ist, nicht willkommen ist und dies tagtäglich auf irgend eine Weise zu spüren bekommt.

Für mich persönlich geht es um die Gruppe im Graubereich. Ich finde es wichtig, dass es verschiedene Informationsquellen gibt, dass man auf einer guten, ausgeglichenen Grundlage diese lebenswichtige Entscheidung treffen kann. Und ich sehe es als die Aufgabe aller Eltern mit einem Kind mit Down Syndrom, dass sie mit ihren Kindern "raus" gehen in die Welt, sie öffentlich lieb haben, stolz auf sie sind und zeigen, wie normal es sich mit ihnen leben lässt. - Denn für Calista stehe ich in jeder Lebenslage ein.
Ich grüsse Euch mit den Worten von Cosima: Mama, ich möchte auch gerne ein bisschen Down Syndrom haben... 


Iren x.

Freitag, 25. Mai 2012

und so war's

Claudia, meine Perle, fragte mich am Montagmorgen, wie er gewesen wäre, unser Kurzurlaub mit dem VW-Bus. Ich guckte sie schweigend an und überlegte, was ich nun antworten soll. Ich schmunzelte dann und meinte: Halb - halb.

Halb schön. Halb nicht schön.

Unser Ziel war der Campingplatz "Les Horizonts Bleus" am See in Villeneuve, gleich neben Montreux.
Auf dem Weg dahin erinnerten wir uns, dass wir vor 16 Jahren das erste gemeinsame Abenteuer nach Montreux unternahmen, Christian und ich. Wir fuhren damals gemeinsam mit Freunden ans Jazz Festival und übernachteten dann freestylemässig am See. Wir waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht zusammen, waren aber schon ineinander verliebt... Wir kennen diese Gegend auch aus unseren Studien. Christian hatte mal ein Semester in Lausanne studiert und ich ein Jahr an der Kunstschule in Sion. Das war aber noch viel länger her, wo wir noch nichts voneinander wussten. Und nun fuhren wir mit einem kinderreichen VW-Bus wieder an den Genfersee, diesmal durch Montreux hindurch zum Campingplatz. Es war bereits vorgerückter Abend, als wir ankamen. 

Die Kinder freuten sich riesig und waren total hibbelig und zappelig. Endlich campieren! Wir packten unser Hab und Gut aus und zündeten gleich die Laternen an. Sind sie nicht wunderhübsch, diese romantischen Lichtlein? Eine kleine Flasche Prosecco haben wir auch eingepackt und wir freuten uns auf den Moment, wenn die Kinder schliefen und wir noch ein ruhiges Stündchen zusammen draußen sitzen und zur Feier unseres ersten VW-Bus-Abenteuers am Glas nippen konnten. Wie kriegt man aber drei, vor Freude und Aufregung hüpfende und qietschende, Mädchen ins Bett?
Es wurde spät. Für die Kinder, dann auch für uns. Und pünktlich um sechs Uhr morgens wurden Calista und Cosima wach. Auch wieder vor Aufregung und Freude. Cosima zog dann bald mal los mit der Idee, Brot zu kaufen. Und sie kam mit Baguette und Gipfeli zurück. Der nette Herr vom Camping, der ein paar Brocken Deutsch sprach, führte sie in die nächste Bäckerei. Christian und Thalia schliefen immer noch, als Cosima bereits auf dem großen Trampolin stand und hüpfte. Diese Energie!

Zu uns gesellte sich eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Ich habe sie schon lange gesehen, wie sie mit dem Kinderwagen ihre frühmorgentlichen Runden gedreht hat. Wir schauten uns beide müde und zerzaust an und kamen ins Gespräch. Auch sie haben die allererste Nacht in ihrem neuen VW-Bus verbracht. Auch sie haben fast kein Auge zugedrückt. Und auch sie waren irritiert über das kleine-heile-Welt-Biotop um uns herum. Es gab viele Permanent-Camper, die ihr XXL-Wohnmobil fix stationiert haben, mit großem Vorzelt und einem kleinen Gärtchen rundherum, einige mit Gartenzwergen. 


Haben wir doch geglaubt, mit unserem kleinen Bus eine große Freiheit erreicht zu haben. Wie Marlboroman, individuell und abenteuerlich unterwegs zu sein. Und wo sind wir gelandet? In einer Art Schrebergarten. Keine fünf Meter Abstand zum Nachbarn. Man hört und sieht alles. Jeder pflegt seine Ordnung und schaut, was der andere macht. Mir wurde ein bisschen flau im Magen. Es tat gut, mich mit Monique, dieser Mutter, darüber auszutauschen und über uns zu lachen. Der Morgen war grau verhangen, die Nacht saß uns noch in den Knochen und die Kinder hüpften vor unseren Augen hoch und runter.



Nein, so haben wir uns Campieren nicht vorgestellt. Das war nicht der Ort unserer Träume, so wollten wir keine Ferien verbringen. Ich brauche mehr Luft zum Nachbarn. Ich habe keine Lust, der älteren Frau mit den auberginen-gefärbten, kurzen Haaren zuzuschauen, wie sie über den Brillenrand blickend die gegrillten Crevetten ihrem pensionierten Mann auf den Teller knallt, um ihm dann ein paar Sekunden später lieblos zuzuzischen, dass er bitte die Gabel benutzen soll. Auch mag ich nicht die ganze Zeit den Herrn mit bluthochdruckrotem Gesicht hinter uns beobachten, wie er in seinen Shorts und dem zu kurzen T-Shirt schwerfällig ein paar Schritte zu seinem Platikstuhl geht, sich wieder hinein plumpsen lässt und sich die nächste Zigarette anzündet, während seine Frau den Abwasch macht und den Hund spazieren führt. 

Und wenn ich dann kurze Zeit später das Kochwasser abgieße und den Kindern draußen zurufe, zum Essen zu kommen und nachfrage, ob sie die Pasta mit Sauce essen wollen und wer noch Käse darauf mag, dann beobachte ich mich selbst mit kritischem Blick und winde mich in meiner eigenen Biederkeit. Auf meine tagtäglichen Handlungen fällt plötzlich ein anderes Licht. Ich halte das kaum aus.
 

Wir mussten raus aus dem Biotop und wanderten den See entlang Richtung Montreux. Wir wollten zum Schloss Chillon. Diese alte Burg war ein schönes Erlebnis! 
Chateau de Chillon, gemalt von Gustave Courbet
Wir sind die steilen Treppen hoch und runter, von Zimmer zu Zimmer gegangen. Haben immer wieder neue Winkel und Blickpunkte entdeckt, staunten und fanden es sehr aufregend. Trotz Schlafmangel zeigten die Kinder viel Interesse und Ausdauer und erst nach einigen Stunden standen wir wieder vor dem Kiosk am Eingang, wo wir für die Heimreise eine Tafel Schokolade kauften.









Rechts am Seeufer, nicht erkennbar, ist unser Camping gelegen. Eine wunderbare Lage...

In Villeneuve, einem hübschen, alten Städtchen, spazierten wir durch die Haupteinkaufsstraße und kauften uns in einem Laden, wo jeden Tag in grossen kupfernen Kochtöpfen mit viel Leidenschaft Marmelade eingekocht wird, Rosengelée für den nächsten Morgen. 


In einem VW-Bus zu erwachen ist lustig, weil da die Kinder so frech auf einen runter gucken können. 


Hallo, Mama! Hallo Papa! Hallo Calista!


Und von unten echot es freudig: Allo! 


Lasst uns frühstücken! Aber die ersten Sonnenstrahlen wurden bald von schweren Regenwolken überschattet und es begann heftig zu regnen. Etwa zeitgleich machte ich einen herzhaften Schritt aus dem VW-Bus, noch leicht geduckt, und - zack! Autsch! Sch...! Ich jaulte auf und hielt mir das Kreuz. Irgendwie hangelte ich mich wieder zurück und legte mich rücklings auf die Sitzbank. Das war's. Ich stand nicht mehr auf, das heißt nicht mehr richtig. Nur noch gebückt, unter starken Schmerzen. Hexenschuss. Eingeschossen von null auf hundert, noch bevor ich Rosengelée mit Baguette essen konnte.

Die Stimmung war endgültig am Nullpunkt. Es war Samstagmorgen und wir packten unter Protest der Kinder unsere Sachen zusammen, verstauten unsere romantischen Laternen wieder in der Sitzbank-Kiste und bezahlten die Rechnung. Wir wollten wieder nach Hause, wir wollten wieder in unserem Bett schlafen. Weich und warm.

Das war unsere erste VW-Bus-Reise. 

Halb - halb. 

Und wir haben gelernt:

> Campingplätze suchen, wo man nicht so eng aufeinander hockt.
> Am liebsten in Ländern, wo man für eine Nacht free camping machen darf.
> Nicht zu früh im Frühling campieren, weil es nachts zu kalt wird.
Zusätzliche Schlafunterlage besorgen, damit wir weicher liegen.
> Für Calista ein extra Bettchen kaufen.
> Vorhänge für die Windschutzscheibe vorne nähen. 
> Unbedingt ein "Abwaschbecken" kaufen.
> Schneidebrett und Wäscheklammern ins Inventar nehmen.
> Genug Feuchtigkeitstücher an Lager haben.
> Kassettengeräte mit Kopfhörern den Kindern hinten auf die Fahrbank geben, damit sie die längeren Fahrten im lauten Bus besser ertragen.
> Und wenn ich mich wieder motivieren will, diesen Link anklicken Lady Bonin's Tea Parlour. Es könnte sooo schön sein... ;-)

Claudia musste lachen über meine Erzählung und ich stand ächzend vom Bettrand auf. Am Sonntagnachmittag hat mir der Notarzt vier Spritzen in den Rücken gejagt, doch die halfen nicht wirklich.

Jetzt ist es dann bald eine Woche her und ich habe erst heute, nachdem ich zwei sehr effektive Shiatsu-Behandlungen von meiner lieben Brigit bekam, meine Schmerzmittel absetzen können. Ich war die ganze Woche körperlich ziemlich angeschlagen und von den Medikamenten sehr müde. Christian wollte bereits an diesen kommenden Pfingsten wieder los fahren und fragte mich heute Abend, wohin ich gerne möchte.

Ich?!


Es grüsst Euch iren, die bestimmt nirgends hin will an Pfingsten.

Montag, 14. Mai 2012

Zum Muttertag - Teil 1

Gestern war Friede-Freude-Eierkuchen-Muttertag. 
Und heute das Gegenteil. Am Mittag stritt ich mich mit Cosima, bis sie heulte, und heute Abend dasselbe mit Thalia. Ich könnte die Wände hoch gehen im Moment wegen mir selbst, denn ich fühle mich als Versagerin, ziemlich machtlos meiner Wut, Ungeduld und Verzweiflung gegenüber. Einfach weil der Tag nicht so verlief wie er sollte, weil die Kinder, selbst auch müde, sich verschiedenen Dingen gegenüber schwer taten, wie zum Beispiel die Hausaufgaben wie abgemacht erledigen oder rechtzeitig ins Bett gehen und problemlos einschlafen. Aber genau heute brauche ich meinen Feierabend. Genau heute habe ich keine Kraft für besondere Bedürfnisse. Und genau heute gab's grossen Krach. Und ich sehe glasklar, dass die Ursache und Verantwortung der Situation ganz alleine bei mir liegt. An meiner Stimmung, an meinem Gefühlsdurcheinander das ich im Moment habe, das mit meinen Kindern nichts zu tun hat. Es hat mit anderen grossen Entscheidungen zu tun, die gerade anstanden. Die Kinder spüren solche Dinge ganz genau, sie haben feine Antennen. Dessen selbst nicht bewusst, sind sie verunsichert und suchen Mama's Nähe. Meistens dann, wenn man gerade Luft und Raum für sich bräuchte. 
Schwere Kombination. So ist eben auch Muttersein. Nicht nur gemalte Herzen, schlanke Kinderärmchen um den Hals und liebevolle, schmatzende Küsschen. Gestern war alles rosig und heute habe ich Halsschmerzen, weil ich so laut geschrien hab vor Verzweiflung. Ich erzähl's Euch ganz ehrlich, denn auch das gehört dazu. Es gibt nicht immer Zuckerstreusel aufs Brot, manchmal ist es eine dicke Salzschicht und das Gesicht verzieht sich beim Dreinbeissen. 

Muttersein ist eine tägliche Herausforderung, der man sich nicht entziehen kann. Die Kinder spiegeln einen schnörkellos, direkt und ehrlich. Sie holen ans Tageslicht, was im Dunkeln gärt. Und das zu sehen, muss man aushalten können. Man erkennt nicht immer Harmonie und Liebe im Gespiegelten.

Thalia hat eben im Schlaf noch geseufzt. Arme Kleine, sie scheint sich auch noch vom Streit zu erholen. Und ich sitze, während ich das schreibe, noch bei ihr im Zimmer auf dem Boden, den Rücken an ihr Bett gelehnt. Im Dunkeln. Endlich ist sie auch eingeschlafen, endlich habe ich meinen Feierabend. Ich habe mich wieder weitgehend beruhigt. Wir haben uns noch fest umarmt zuletzt und ich habe mich für meine Schreiphase entschuldigt und ihr ins Ohr geflüstert, dass ich sie ganz fest lieb habe und ich sie immer liebe, auch wenn ich wütend bin. Die Liebe ist in meinem Herzen, und wenn ich schreie, dann ist das der Kopf, das hat mit dem Herzen nichts zu tun. Das Herz liebt trotzdem, sowieso und immer. Sie nickte verstehend, richtete sich nochmals vom Bett auf und küsste mich auch auf die Backe. Ein feuchtes, zartes Kinderküsschen. Ich schmelze.

Eigentlich wollte ich andere Gedanken zum Muttertag aufschreiben. Gedanken, die mir gestern und heute durch den Kopf gegangen sind. Aber es ging nicht, ich konnte nicht einfach so über ein Thema philosophieren, nachdem ich heute als Mutter so an meine Grenzen gekommen bin, resp. die Kinder meine inneren Vibrationen so gespiegelt haben. Eigentlich sollte ich mich auch dafür bei ihnen bedanken, und nicht nur für die gestrigen Überraschungen... Heute war mein inoffizieller Muttertag. Ein Muttertag der anderen Art. (Den gibt es mehrmals pro Jahr.)

Aber diese ursprüngliche Absicht des Posts folgen im Teil 2. Ich hoffe, ich schaffe es noch vor Donnerstagmorgen, weil wir dann mit dem VW Bus unsere erste kleine Reise unternehmen werden. Und davon - ja davon werde ich auch berichten!

xxx iren, die Friedliche.

Freitag, 11. Mai 2012

Zwei Jahre ist es nun her,

seit Calista's Herzchen lebensfähig gemacht wurde.

Genau vor zwei Jahren standen wir weinend vor Dankbarkeit und Ergriffenheit an ihrem Spitalbettchen auf der Intensivstation und strichen ihr sanft über das Köpfchen. Vorsichtig und zaghaft, um keines der vielen Kabeln zu berühren. Mit grossem Respekt, für die schwierigen Stunden, die sie hinter sich gebracht hat. Und mit tiefer Bewunderung für die unglaubliche Arbeit des Herzchirurgen.

Jetzt gerade liegt sie auf Christians Bauch und schläft; ein lebhaftes, neugieriges und charmantes kleines Mädchen ist zur Ruhe gekommen.

Jede Minute, in der Calista bei uns ist, macht sie uns glücklich. Ich bin sehr dankbar, dass sie zu uns gekommen ist und unendlich dankbar, dass sie bleiben durfte.
Calista ein paar Wochen vor der Operation
Eure Iren, mit Tränen in den Augen

Donnerstag, 10. Mai 2012

Die Heimreise

Franka aus Singen näht tausend Drachen.

Navigation nach Honduras scheint tatsächlich heiter reinzukommen.

Komm Mama, das schreiben wir auf, gibt mir bitte einen Stift und Papier! Wir sind gerade bei Monaco vorbei gefahren und etwa seit einer Stunde unterwegs, als Cosima unser beliebtes Autospiel vorschlug. Christian greift fahrend nach hinten in seine Tasche und holt das Gewünschte hervor.

Mit jedem Jahr kann Cosima besser mitmachen, sie versteht inzwischen das Spiel gut: immer der letzte Buchstabe eines Wortes muss der erste des kommenden Wortes sein. Und das Ganze sollte einen mehr oder weniger sinnvollen Satz ergeben. Nur im Wortschatz ist sie noch ein bisschen schwächer, sie kennt noch nicht so viele Wörter und Begriffe wie Christian und ich. Aber ein großer Wortschatz alleine genügt nicht, es muss einen noch in den Sinn kommen, das passende Wort. Und darin ist Christian sehr gut. Er hat immer lustige Einfälle. Ich auch, aber er mehr. Und zwischendurch überrascht uns Cosima mit ihren Ideen. Sie liebt dieses Spiel und kann fast nicht mehr aufhören damit. Nur zwischendurch hat sie mir den Block zugeschoben, weil sie nicht mehr schreiben konnte, da es ihr schlecht wurde. Und ich schrieb weiter, bis es mir übel wurde.

Känguru untersucht tiefgreifend die Essensresten.

Die mediterrane Landschaft zieht an uns vorbei, wir haben die Küste und den freien Blick aufs Meer nun verabschiedet. Ade, du großes, schönes Blau! Ade, du weiter, ferner Horizont! Wir haben Bilder gemacht, wir haben Erinnerungen!

Thalia will mir möglichst nassen Sand bringen.


Die Autobahn zweigt ab, wir wollen nicht bis nach Genua gelangen, wir fahren vorher hoch, der Poebene entgegen. (Obwohl es auch mal spannend wäre, mit den Kindern einen Abstecher einzuplanen um die großen Meerschiffe zu schauen. So einen Hafen wie Genua hat etwas Faszinierendes und lässt einen fast ein bisschen den Puls höher schlagen, beim Anblick daran, wie die große, weite Welt da auf dem Wasser zusammenkommt.) 

Papa, warum sagen wir eigentlich: wir fahren hoch in die Schweiz? Und runter nach Frankreich? Warum runter? Warum hoch? Autofahrten bieten Zeit, um nachzudenken, zu fragen und zu philosophieren. Christian macht Erklärungsversuche und hofft, dass sich Cosima einen Reim darauf machen kann.

In die Baumhütte hoch klettern ist körperlich logisch, das braucht kein Nachdenken. Man muss sich hoch ziehen, es geht vertikal aufwärts. Die Baumhütte sorgt auch immer wieder für schöne Ferienerinnerungen. Wie zum Beispiel Naschen mit Aussicht. 



Wenn Christian dabei ist, klettern sie manchmal zum Frühstück in den Baumwipfel hoch. Oder sie dürfen am Abend dort oben noch eine Geschichte hören.

Wildschwein nagt täglich herzhaft Tannenspitzen.

Eine Geschichte mit Wildschweinen, die im Wald um uns herum wohnen. Das ist besonders spannend, weil sie am Abend wirklich hervor kommen und wir sie sehen und hören können. Aber mit Papa auf der Baumhütte halten die Mädchen ihre Angst vor diesen Tieren aus. Papa ist stark.

Fensterladen nehmen nie einen nächtlichen Nachbarschlaf? fragt Thomas seine Eltern neugierig.

Manchmal ist Thalia etwas gelangweilt. Beim Wortspiel kann sie noch nicht gut mitmachen, sie darf aber immer das erste Wort nennen. Sie eröffnet jeweils die neue Runde.

Vollmond durchleuchtet Taschenbier's Schlafzimmer regelmässig genau um Mitternacht.

Die Kinder wünschen jedesmal, wenn wir im alten Haus sind, einmal draussen schlafen zu dürfen. Nicht auf der Baumhütte und nicht in einem Zelt, nein, sie wollen ins Taubenhaus. Dort träumen sie von ihrem kleinen Reich. Das Taubenhaus ist alt und romantisch, mit Rosen und Trauben umgeben. Ich liebe das Taubenhaus und wir gucken immer wieder zur verwitterten Tür ohne Schloss rein. Wir hören, wie es etwas schmutzig und leer, mit blauer Patina an den Wänden, von einer Zeit erzählt, als da noch Vögel wohnten. Als da noch andere Menschen ihren Alltag lebten, vor vielen, vielen Jahren. Als es nur Pferdekutschen gab und noch keine staatliche Briefpost. Waren es Brieftauben, die da wohnten? Meine Mutter hat das Häuschen letztes Jahr wieder frisch angestrichen und dem blassen Gelb seine intensive Ockerfarbe zurück gegeben. Aber innen, da lassen wir es so wie es ist. Diese Leere braucht es, denn es ist ein Ort zum Träumen, ein Raum, der kaum betreten wird und wo dennoch jeder darin wohnen kann, in seiner Phantasie.







In diesen Ziegelschalen haben die Tauben genistet. Sieht das nicht wunderhübsch aus, diese Farbkombination von Weiss, Erdtönen und Meeresblau?

Das war ihren Einschlupf, ihren Eingang ins Häusschen.




Bisher haben die Mädchen aber noch nie im Taubenhaus geschlafen, die Angst vor den Wildschweinen ist zu groß

Quark kommt türkisgrün nach China, aber ranzig gegen Nähhausratten.


Tunnelbeleuchtung gefällt Tagesschläfern nie, erfahrungsgemäss.

Die vielen kleinen Tunnels haben wir inzwischen hinter uns gelassen und die Poebene erreicht. Ich schaue mir auf dieser Strecke immer die gleichen alten, verlassenen Gutshöfe an und stelle mir vor, so einen zu bewohnen. Was natürlich nicht gerade toll wäre, weil die so nahe an der Autobahn gelegen sind. Aber sie sind wunderschön aus Stein gebaut, mit mehreren Gebäuden und teilweise noch mit einer alten Kapelle. Und am Verfallen. Ich habe beim Vorbeifahren kein Foto gemacht, hier hilft nur träumen...
Die Fläche der Poebene wurde in der Schweiz abgelöst von bergigen Regenlandschaften. Wie bergig es bei uns ist, das fällt einen erst wieder auf, wenn man von Italien her gekommen ist, nachdem man zwei Stunden lang nur flach geschaut hat. Die Berge sind schön und beengend zugleich. 
In Frankreich hatten wir auch einige Regentage. Es goss heftig vom Himmel herab und überschwemmte die Strassen. Aber es tut der Natur gut, die Trockenheit kommt bald und damit auch die grosse Gefahr des Waldbrandes. Noch ist es nicht soweit, noch darf man Feuer machen. Und wir haben die geschnittenen Olivenäste zusammen getragen, um sie zu verbrennen. Überall sah man immer wieder Rauchschwaden von den Gartenfeuern, die noch angezündet werden. Bald ist es wieder verboten.

Calista war überall dabei, schaute und half mit. Sowohl beim Ästchen zusammen tragen, beim Rosenpflanzen und beim Holzbearbeiten mit den Schwestern...
Fragt Euch nicht, was sie da machen. Sie hatten die Idee, Holzpuppen zu schnitzen...

Wir haben keinen Stau am Gotthardtunnel. Glück gehabt, die Heimfahrt geht ohne Verzögerung weiter.

Einmal im Jahr gehen wir nach St. Tropez. Das bisschen Glamour schnuppern muss sein. Wenn wir aber am Morgen das Hinterland verlassen und zur Küste fahren, verbringen wir zuerst einen entspannten Tag bei unserem Lieblings-Strandrestaurant. Mit Rosé. 

Wir fahren erst gegen Abend rüber nach St. Tropez. Dann hat es keinen Stau mehr und wir finden problemlos einen Parkplatz. Das ist unser Geheimtipp...


Wir flanieren dem Quai entlang, schauen die tollen, teuren Yachten und schlecken Eis. Wir gucken uns die Auslagen in den Schaufenstern an, ab und zu verschwinde ich in einer Boutique. Mit einem süss gehauchten "au revoir!" zurück lassend steh ich aber schnell wieder in den Gassen, wo Christian gutmütig auf mich wartet. So ist unser St. Tropez.

Hmm... Mögt ihr noch Bilder schauen? Ich habe so viele Fotos gemacht... und auf einer langen Heimreise bietet es sich so an, alle nochmals durchzuschauen und in den Erinnerungen zu schwelgen...

Wie der Abend, als wir in einer kleinen ländlichen Ortschaft in einer Dorfbar unser Feierabendbier tranken und den Einheimischen zuschauten, wie sie ein Indoor-Mini-Boule spielten.



Später dann in einer gespenstischen, atmosphärischen Landschaft heim kurvten.



Idyllische Momente zu Hause im Garten. Meine Mutter und Cosima spielen einen Walzer von Brahms. Nur für mich... Und für all die Pflanzen und Bäume um uns herum. Sie wiegen sich im Takt.
Und die Schwestern hören von der Hängematte aus zu, spielend mit Dingen, die ihnen zu Füssen lagen.

So, den Gotthardtunnel haben wir nun hinter uns gelassen. Wir fahren an den steilen Bergwänden der Innerschweiz vorbei. Das Wortspiel hat sich erschöpft und die Kinder sind zappelig. Wir schalten für die letzten zwei Stunden das Ipad ein und sie dürfen einen Film schauen. Bald sind wir zu Hause. Zurück im Alltag, den ich immer wieder freudig willkommen heisse.

Felswand der Rhonelandschaft tanzt tränentreibend durch Hirngespinste einer reichen Norwegerin.

Seid alle herzlich gegrüsst,
iren x.