Montag, 27. März 2017

Spielhaushaus

Bei uns in den Bergen, da haben wir einige kleine Nebengebäude wie Ställe, Heuboden und Spycher. Ein Nebengebäude ist direkt angebaut ans Haupthaus. Klein und charmant, gerade die richtige Grösse für Kinder. Während wir im unteren Stock dieses Häuschens unsere neue Dörrmaschine untergebracht haben und Kisten mit Dingen, die wir nur saisonal brauchen, so kann man das Treppchen hoch steigen und kommt in ein "Spielhaus". Ich habe es für Calista eingerichtet. Ihr kleines Reich. 

Calista spaziert dann jeweils aus der Haustüre raus, läuft ein paar Schritte rüber zu ihrem Eingang und verschwindet. Manchmal schliesst sie die Türe hinter sich, manchmal bleibt alles weit offen stehen und ich weiss sofort, wohin sie sich verkrochen hat. Zur Sicherheit rufe ich noch Calista, sag - hier bin ich! Und dann höre ich hinter den Fenstern mit den weissen Vorhängen Da bin ich! antworten. Ich drehe mich dann um und gehe entpannt wieder ins Haus. Oder in den Garten.

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Kürzlich haben wir eine Familie aus der entfernteren Nachbarschaft zu uns zum Essen eingeladen. Sie kamen mit zwei kleinen Kindern, die sich zusammen mit Calista daran freuten, sich in ein eigenes Spielhäuschen zurück ziehen zu können. Den halben Abend blieben die drei verschwunden, während wir Erwachsenen Raclette assen, Weisswein tranken und über Renovation von alten Holzhäusern philosophierten.

Mögen sie bald wieder kommen, damit Calista wieder ihre eigenen Hausgäste haben darf!

Herzlich, Iren.

Freitag, 3. Februar 2017

Bäume - die ältesten Lebewesen

Es hat mich schon immer beelendet, wenn ich geschnittene Bäume sah. Wenn stolze, stämmige Riesen gefällt am Boden liegen. Sie sind unfähig sich zu wehren, unfähig, dagegen anzukämpfen. Ein Tier könnte wegrennen, sich verstecken, dem Menschen Mitgefühl hervorrufen. Aber ein Baum? 

Zu unserem Haus in den Bergen gehört ein alter Apfelbaum, gepflanzt vor vielen Jahren von meinem Urgrossvater. Der Baum hat viele saftige Äpfel hervor gebracht und damit geholfen, meine Ahnen zu ernähren. Leider wurde dieser stolze Baum kurz vor unserem Kauf regelrecht verstümmelt. Bei der ersten Hausbesichtigung war Herbst und er stand da in vollem Fruchtstand; ich freut mich. Doch kurz vor der Überschreibung haben die damaligen Besitzer alle seine dicken, grossen, tragenden Äste abgeschnitten im Glauben, das sei Baumpflege. Ich kann keine anderen Worte finden als: Eine dilettantische Freveltat. Ich stand unter Schock, als ich den Baum später in seinem Elend dastehen sah. Es geht ihm seither auch entsprechend schlecht. Und mir auch. Ich versuche nun, ihm zu helfen, mich zu informieren. Dazu habe ich mir ein Buch von Peter Wohlleben gekauft, das für mich vielversprechend klang: Bäume verstehen: Was uns Bäume erzählen, wie wir sie naturgemäss pflegen. Ein Handbuch eines Försters zur richtigen Pflege eines Baumes. Ich ahnte nicht, was für eine Trouvaille ich für mich da gefunden habe. Er, der jahrelange Erfahrung als Förster gesammelt hat, bestätigt mir genau das, was ich schon lange auch so empfand: Bäume sind Lebewesen. Bäume haben Gefühle. Bäume kommunizieren. 


Aufmerksam lese ich seine Worte: Bäume sind rätselhafte Wesen.(...)Sie sind die mächtigsten Lebewesen unseres Planeten, weisen die grösste Lebensspanne auf, und doch wissen wir sehr wenig über diese Giganten. Manchmal ahnen wir, dass da noch mehr sein muss, dass unter der rauen Rinde Geheimnisse verborgen sind, die sich uns auf den ersten Blick nicht erschliessen. (...) 


Anscheinend haben Forscher in den 1970er Jahren heraus gefunden, dass Akazien sofort Bitterstoffe in ihr Laub einlagern, sobald  Gazellen oder Giraffen daran knabbern. Mehr noch, sie strömen gleichzeitig das Gas Ethylen aus, um damit die Nachbarsbäume zu alarmieren, die dann ebenfalls sofort Bitterstoffe einlagern. Diese Tiere wissen das und laufen, sobald die Blätter ungeniessbar werden, nicht zum Nachbarsbaum, sondern 50-100m weiter, weil dort die Bäume den chemischen Alarmruf nicht mehr empfangen können. - Wie spannend! Ich lese angeregt weiter.


Wahrscheinlich haben die meisten Pflanzen ein chemisches Kommunikationssystem, und wir sind umgeben von einer munter plaudernden Pflanzenwelt. (...) Da die Forschung erst am Anfang steht, darf vermutet werden, dass Bäume ein umfangreiches Vokabular an "Duftwörtern" besitzen. Das Problem für unsere wissenschaftlich rational geprägte Gesellschaft ist, dass wir den Pflanzen seit dieser Entdeckung weitere Fähigkeiten zugestehen müssen. Gefühle zum Beispiel. Bohrt sich ein Insekt in die Rinde, so muss der Baum den Eindringling fühlen, es muss schmerzen, damit er mit Abwehrstoffen und der Warnung seiner Nachbarn reagieren kann. Bäume Gefühle zuzugestehen, geht sicher vielen von uns zu weit.



Peter Wohlleben schreibt weiter: Dass dennoch Land- und Forstwirtschaft, ja unsere ganze Gesellschaft Pflanzen mehr als Gegenstände denn als Lebewesen sehen, macht den rücksichtslosen Umgang mit ihnen viel leichter. Würde man den aktuellen Forschungsstand berücksichtigen, so müsste der Forderung nach artgerechter Tierhaltung auch ein Appell nach einer entsprechenden Behandlung der Pflanzen folgen. Doch so weit ist unsere Gesellschaft noch nicht.


Wenn Bäume nicht durch die Forstwirtschaft bevormundet würden, wenn ein Wald ganz naturbelassen und nach eigenen Regeln leben könnte, so würde er ganz anders aussehen. Und es gäbe auch ein ungestörtes "Sozialleben" unter den Pflanzen. Doch wir verstehen die Forstwirtschaft ironischerweise als eine Waldpflege, als "wir-meinen-es-gut-mit-den-Bäumen." Aber eigentlich wollen wir Menschen nur nutzen und kontrollieren.

Es berührt mich zu lesen wie Bäume sogar so was wie Elternschaft pflegen: Die Vorgänge, auf die wir in ursprünglichen Wäldern treffen, sind von einer unfassbaren Langsamkeit geprägt. (...) Schon die winzigen Sämlinge werden von ihren Baumeltern im Wachstum gebremst. Die Resthelligkeit, welche durch die mächtigen Kronen bis zum Boden durchdringt, beträgt nur noch drei Prozent des Tageslichts - zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Um den Kleinen über das Schlimmste hinwegzuhelfen, knüpfen die Mutterbäume zarte Bande über die Wurzeln - und versorgen den Nachwuchs mit Zuckerlösung. Derart gebremst, aber auch gefördert, mickern die Jungbäume viele Jahrzehnte vor sich hin. Der biologische Sinn: Das ganz langsam gebildete Holz des Stämmchens ist äusserst dicht, damit sehr pilzresistent und flexibel. (...) Der Lichtmangel ist natürlich kein Zufall: Er zwingt die Schösslinge dazu, gerade zu wachsen. (...)Der lotrechte Wuchs wird erreicht, indem der Nachwuchs in regelrechten Kindergärten aufwächst. Diese Gruppen "streiten" sich um jeden Sonnenstrahl.

(...) Die meisten Arten brauchen, wie zuvor beschrieben, den Schutz und die Erziehung durch die eigenen Eltern. Vertreter dieser Kategorie sind beispielsweise Buchen, Eichen, Weisstannen oder Fichten. Notfalls genügen auch Stiefeltern, also fremde Bäume. Für einen gesunden Wuchs müssen aber in jedem Fall Altbäume über den Schösslingen stehen. "Nesthocker" haben daher in der Regel schwere Samen, die direkt neben dem Mutterbaum zu Boden plumpsen, damit die Kleinen schön bei der Mama bleiben.


Ohje! Ich glaube, ich könnte euch das ganze Buch hier abschreiben... Ich höre nun aber auf und wer nun auch Feuer gefangen hat wie ich, dem empfehle ich das Buch selbst zu lesen. Leider musste ich während der Lektüre auch erfahren, dass unserem Apfelbaum nicht mehr geholfen werden kann. Denn er wurde nicht nur dilettantisch gestutzt und verkrüppelt, sondern seine Wunden wurden auch nicht verarztet. Wenn man einen Ast abschneidet der einen Durchmesser grösseren als 5cm hat, dann muss man die Schnittstelle innerhalb der ersten 10 Minuten mit Wachs versiegeln. Ansonsten dringen Pilze in den Baum ein und fressen sich immer tiefer in den Stamm, bis dieser ausgehölt ist. Unser Apfelbaum hat viele grosse, unbehandelte Schnittstellen bekommen. Natürlich vor unserer Zeit. Ich bin traurig. Was kann ich noch für ihn tun? Die Pilze sind bereits eingedrungen und richten ihr Unheil an. Ich kriege sie nicht mehr raus. Nach den Erfahrungen von Peter Wohlleben, dem Buchautor, hat er noch eine Lebenserwartung von 10-15 Jahren. - Weiss jemand von euch, wie ich unserem Baum noch helfen kann? Ich habe Respekt vor jeder Pflanze, vor jedem Baum, aber dieser Apfelbaum bedeute mir besonders viel. Meine Urgrosseltern haben bereits seine Äpfel geerntet und damit Apfelkuchen gebacken. Meine Grossmutter ist mit ihm aufgewachsen und hat später, mit Äpfeln dann aus ihrem Garten, für meine Mutter auch oft Apfelkuchen gebacken. Apfelkuchen. Ein Traditionsessen in meiner Familie: Apfelkuchen mit Hefeteig und dazu trinken wir heissen Kakao. Ich wünsche mir so sehr, dass mein "Ahnenbaum", der seit zwei Jahren keine Äpfel mehr wachsen lassen kann, eines Tages wieder Kraft und Freude hat und mir ein paar Äpfel schenkt. So gerne würde ich die einmal kosten. Einen in den Händen halten und herzhaft reinbeissen. 

Herzliche Grüsse von Iren, die nun im Buch weiter lesen geht.

Freitag, 27. Januar 2017

Hey Pippi...!


Zwei mal drei macht vier
widdewiddewitt und drei macht neune!
Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ...


Als ich vor ein paar Wochen laut nach einem Motto für Calistas Kindergeburtstagsfest herum studierte, war Thalia's spontane Antwort: Pippi Party! 

Klar, Calista liebt Pippi und nichts passt besser zu ihr als ein selbstbewusstes Mädchen, das laut Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt...! singt und dazu wild und fröhlich herumhopst.



Aber lasst mich der Reihenfolge erzählen. Denn wir haben in drei Akten gefeiert, resp. Calista in vier. Akt eins war an ihrem Geburtstag selbst in der frühen Morgenstunde. Verschlafen und in den Pyjamas sassen wir am Geburtstagstisch, sangen, assen Kuchen und schauten mit vollem Munde zu, wie Calista ihre Geschenke auspackt. Natürlich war eine Barbie dabei, eine mit einem grossen, pink-glitzernden Herz auf der Brust. Calista und Barbie ist eine Freundschaft für sich und ich werde bald einmal einen Post darüber schreiben. 
Thalia hat sich für den Geburtstag einen Jokertag in der Schule genommen, damit sie Calista in den Kindergarten begleiten kann. Sie wollte mit ihrer kleinen Schwester zusammen sein und miterleben, wie sie im Kindergarten gefeiert wurde. Diese Feier ist Calista's zweiter Akt, über den ich abwesenheitshalber nicht schreiben kann. Ich habe ihr für den Kindergarten ein Smarties-Rosenbrot gebacken, den ich auf dem Blog Zaubersterne gefunden habe. Schokolade und Brot - wir lieben diese Kombination.


Der dritte Akt war am Abend - schliesslich hatte Calista am Freitag den 13. Geburtstag - da haben wir die grosse Tafel gedeckt. Wir luden Pate und Patin mit ihren Familien zu einem fröhlichen Spaghettiessen ein. Spetti! ist sie zuverlässige Antwort von Calista, wenn man sie fragt, was sie gerne essen möchte. Es war einen seelenwärmenden Abend und ich mochte am nächsten Tag nicht zu schnell aufräumen und die Möbel nicht wieder an den richtigen Ort rücken. Ich wollte noch ein bisschen in den Erinnerungen hängen bleiben. Wie ihr langjährigen Leser bereits wisst, ist mir der Tag danach eines Festes genauso lieb und wertvoll. Ich räume am selben Abend nie auf, nicht mal den Tisch mit den schmutzigen Desserttellern. Ich stehe am Morgen auf und es sieht aus, als könnten wir gleich weitermachen. Als würden sich gleich alle Gäste wieder an den Tisch setzen und ihre Stimmen und ihr Lachen würden wieder den Raum erfüllen. Wie warm und reich sich das für mich anfühlt!







Der vierte und letzte Akt war dann die Pippi Party eine Woche später. Wie freute sich Calista darauf! Tagelang hat sie alle Namen der Mädchen immer wieder aufgezählt, die zu ihr ans Fest kommen werden.: Mira, Mila, Inessa, Nora, Smilla und Emma.
Wir haben schon einmal eine Pippi Party organisiert, das war Thalia's fünfter Geburtstag. Lang fühlt es sich her, als wir dieses Sommerfest veranstalteten. Schön war es und ganz anders. Was wir aber auch diesmal wieder machten, war eine Schatzsuche, bei der am Schluss Goldstücke gefunden wurden. Wir bauten einen Süssigkeitenladen auf und eine Popcorn-Bude und die Kinder konnten kommen und nach Lust und Laune einkaufen. Das kam gut an.






Die Idee zum bemalbaren Wandplakat bekam ich, als ich eine Illustration der tollen Zeichnerin Marisa Seguin entdeckte. Da kaufte ich mir zwei grosse Bögen Papier und während die Kinder an einem Abend schliefen und Christian mit einem Freund lange telefonierte, sass ich auf dem Boden, hörte seinem Gespräch zu und zeichnete die Villa Kunterbunt. Doch kunterbunt wurde sie erst am Geburstagsfest, als die Kinder mit den farbigen Stiften ihr Leben einhauchten... Die Smarties-Strumpf-Idee habe ich auch vom Internet, doch finde ich die Quelle nicht mehr. Aber geht mal auf Pinterest und gebt Pippi Langstrumpf oder Pippi Longstocking ein. Wie fröhlich und bunt und kreativ die Ideen da sind! Und eines wird einem schnell klar: Pippi ist nicht einfach eine Romanfigur. Pippi ist eine Lebenshaltung, welche die Kinder in die Welt bringen und nie verloren gehen sollte: Seid fröhlich und unangepasst.

Herzliche Grüsse von Iren, die noch sagen möchte, dass Calista sieben (!) Jahre alt wurde. Hipp Hipp - Hurra!




Dienstag, 27. Dezember 2016

kurzer Rückblick

Aus Tagen wurden Wochen und aus Wochen wurden Monate. Je weiter weg mein letzter Post war, desto weniger kam es darauf an, ob ich den nächsten nun heute oder morgen schreibe, ich war sowieso aus dem Rhythmus und aus der Gewohnheit raus geflogen. Obwohl ich viel an meinen Blog dachte, Geschichten und Posts in meinem Kopf entstanden und das Schreiben und der 'Austausch' mit Euch mir fehlte, so tat es gleichermassen auch gut. Und gleichermassen fand ich keine Kraft, mir die Zeit für Einträge zu nehmen. Sehr intensive Wochen und Monate liegen hinter mir, viel ist passiert und ich kann darüber nicht viel berichten, es gäbe wohl ein Buch.


Wenn ich nun Ende Jahr kurz inne halte und nachdenke, was mir das 2016 gebracht hat, wenn ich überlege, wer ich vor einem Jahr war und wer ich heute bin, so sind da ein paar wesentliche Unterschiede. Über zwei möchte ich schreiben: Der Anfang des Jahres begann mit schlaflosen Nächten. Ich habe dabei meinen ganzen Mut zusammen genommen, um zu meinen/unseren Bedürfnissen zu stehen und deswegen Mitmenschen mit einem ehrlichen "Nein" zu konfrontieren. Es hat mich und unsere Familie eine Freundschaft gekostet. Dennoch war es richtig, denn eine Freundschaft auf der Basis von Verleumdung eigenere wichtiger Bedürfnisse kann auf die Dauer sowieso nicht bestehen. - Hat man nicht deswegen oft keinen Mut, nahen Mitmenschen mit einem "Nein" zu Antworten, weil man Angst vor Ablehnung hat? - Ich wurde abgelehnt. Es war eine harte Standortbestimmung und doch hat sie mir Kraft gegeben, denn mit einem ehrlichen, verantwortungsvollen "Nein" sagt man in erster Linie "Ja" zu sich selber. Wer möchte nicht Freunde um sich herum haben, die dich annehmen können wie du bist? Die deine echten Bedürfnisse nicht verurteilen, sondern respektieren und ein "Nein" aushalten können?
Es war eine schmerzhafte und gleichzeitig wichtige Lektion die meine Kinder und Christian auch betroffen und geprägt hat und uns als Familie stärkte, weil wir gemeinsam für uns einstanden.



In diesem Jahr, das sich nun bald verabschiedet, habe ich zudem einen Schicksalsschlag abwenden können. Es bebt und zittert noch in mir, wenn ich mir vorstelle, was geschehen wäre, wenn... Wie hätte sich unser Leben verändert, wenn ich eine routinemässige Vorsorgeuntersuchung, die normalerweise ab 50 empfohlen wird, nicht um ein paar Jahre vorverschoben hätte. Der Arztbericht endete mit den Worten: Der Untersuch hat sich gelohnt. Es ist unglaublich, welche Bedeutung dieser einfache Satz für uns Betroffenen hat. Ich brauchte Zeit, um diese Worte zu Verarbeiten. Ich stand zum ersten Mal in meinem Dasein an einer Wegkreuzung der Leben oder Tod bedeutete. Der Arzt sagte mir: "Hätten Sie mit der Darmspiegelung gewartet bis Sie Beschwerden gehabt hätten, wäre es zu spät gewesen. Hätten Sie gewartet bis Sie 50 sind, wäre es zu spät gewesen, weil Sie nicht 50 geworden wären." Ich bin vor zwei Wochen 45 Jahre alt geworden...
Es war eine schwarz/weiss Situation, ein Wendepunkt. Ich habe weiss gewählt und es geht mir gut, ich bin gesund und "nichts" ist passiert. Nichts. Hätte ich den Untersuch zu lange vor mir her geschoben, hätte ich schwarz gewählt. Schwarz. Und dies in absehbarer Zeit. Ich glaubte bis anhin, dass ich unsterblich bin. Im Ernst. Natürlich hätte ich das nie so gesagt, aber unbewusst lebte ich, als ob es immer so bleiben würde. Als ob mir noch unendlich viel Zeit zur Verfügung stehen würde. "Es hat sich gelohnt" ist ein Satz, der mich nun jeden Tag begleitet. Das Wissen und Erfahren meiner Endlichkeit hat mich durchdrungen und beeinflusst meinen Alltag. Viele kleine Situationen mit meinen Kindern begegne ich mit mehr Liebe, Humor und Gelassenheit. Situationen mit meinen Mitmenschen bin ich klarer. Mit mir selber ehrlicher und fordernder: Was will ich? Tu' es! 


Ich schaue mein Leben an und bin dankbar für das, was ist. Ich schaue mein Leben an und konzentriere mich noch stärker auf das, was wichtig ist. Ich schaue mein Leben an und weiss, nichts ist selbstverständlich und nichts ist morgen gleich. Dieses Beben in mir, möge es mich noch lange begleiten, möge es mir den Blick schärfen für jene Dinge, die Wesentlich sind. Und gleichzeitig helfen, nie das Kleine aus den Augen zu verlieren, denn es ist das Gegenüber zum Grossen, das es braucht, damit die Balance stimmt.


Das ganz Grosse, ich habe es ausgelassen, denn was in der grossen Welt im 2016 alles geschah, kann ich nicht in einem kleinen Post kommentieren... Es ist das Gegenüber zu meiner kleinen Welt, weit weg und doch eng verstrickt. Aleppo... Ich höre immer noch in meinem inneren Ohr, wie mein Schwiegervater diesen Namen aussprach, wenn er von früher erzählte: Aleppo. Aleppo war für seine Familie der Ort der Zuflucht, der Sicherheit, des Neuanfangs. Damals, vor etwa hundert Jahren. Damals, als die Hälfte seiner Familie ermordet und der Rest aus der Heimat vertrieben wurde. Weil sie Christen waren, weil sie Armenier waren. Aleppo nahm seine Familie als Flüchtlinge auf. Damals, vor hundert Jahren. Eng verstrickt ist die Welt... Alles betrifft uns. Irgendwann, irgendwie. Im Rad der Geschichte hängen wir alle und die Balance ist nicht immer einfach zu finden, wenn das Tempo zu nimmt.

Darum lass uns noch einmal still werden, ein paar Tage, bevor das neue Jahr kommt. Lass uns den Fokus auf Kleines richten, damit wir zur Ruhe kommen können.


Es grüsst Euch herzlich Iren, die Fotos einschob von Details, die sie immer sieht, wenn sie in der Küche steht und abwäscht. Wohltuend alltäglich. Balance.





Donnerstag, 16. Juni 2016

Nicht mähen!

Christian, bitte lass den grünen Heinrich stehen. Und hier, dieser ganze Hang darfst du nicht mähen. Stopp! Hier auch nicht, und dieser Wiesenfleck musst du auch stehen lassen... 

Wie schön diese Bergwiese war! Ein wahrer Schatz hat sich in den vergangenen Wochen rund um unser Haus entfaltet. Es summte und flog und kroch und roch. Beim näheren Hinschauen offenbarte sich vor einem ein Paradies für alle Sinne. Wiesensalbei, Kornblumen, wilder Thymian, Sauerampfer, Löwenzahn, Brennnessel, Bärenklau, Wiesenkerbel, Frauenmantel, Schafgarbe, Klee, Margariten, wilde Stiefmütterchen, Spitzwegerich,... ich konnte gar nicht alle beim Namen nennen! Aber alles abmähen? Nein. Dort tummelten sich Honigbienen, wilde Bienen, Wespen, Schmetterlinge, Käfer,... Es war ein grosses Fest! Ich konnte nicht zulassen, dass dies jäh ein Ende haben wird. Und Christian hat meinen Forderungen liebevoll gehorcht und nur das geschnitten, was ich erlaubt habe. Später dann, wenn die meisten Blumen verblüht und versamt sind, dann darf gemäht und geheut werden. Jetzt ernten wir noch etwas von den Köstlichkeiten. Hier ein bisschen grüner Heinrich pflücken und als köstlichen wilden Spinat gekocht servieren. Da den wilden, intensiv duftenden Thymian pflücken, mit Schafgarbe und Frauenmantel zusammen Teelein kochen. Und mit den wunderschönen roten Kleeblüten haben wir Knäckebrot gemacht. Noch lauwarm mit frischer Butter - eine Delikatesse! Sauerampferblätter schnitten wir in den Salat, zusammen mit der Schafgarbe. Wir haben Brennesselsuppe gekostet, Gänseblümchen paniert und knusprig gebraten, und das leckere Mousse au Chocolat hat Cosima mit zarten Blüten garniert. Wir haben in den Bergen eine Nachbarin, die frische Bioeier von glücklichen Hühnern verkauft. Weil Schokolade bei uns zum Grundnahrungsmittel gehört das stets vorhanden ist, bereiten wir öfters spontan ein Mousse au Chocolat zu, so wie ich es liebe - ohne Milchprodukte, mit nur drei Zutaten. Rezept erwünscht?

6 Eigelb verrührt
150g feine Schokolade (mind. 50% Kakaogehalt, wir nehmen 72%)im Wasserbad geschmolzen
6 Eiweiss steiff geschlagen, dann mit 1-2 Esslöffel Zucker versehen (je nachdem wie viel Kakaogehalt die Schokolade hat mehr Zucker, aber nach unserer Erfahrung max. 2 El).

Zuerst aufgeschlagenes Eigelb und geschmolzene Schokolade miteinander gut verrühren, dann das steiffe Eiweiss vorsichtig darunter ziehen. 2-4h kühlstellen. Mit essbaren Blüten wie wilden Stiefmütterchen und Wiesenglockenblumen dekorieren. Geniessen!


 






Das andere schlichte Rezept: Rote Kleeblüten sammeln, waschen und noch ganz feucht mit Mehl und einer kräftigen Prise Salz mischen. Die Menge Mehl und ev. Wasser so anpassen, dass es einen schönen Teig gibt. Ich gebe noch einen Schuss feines Olivenöl dazu. Zwischen zwei Backpapieren dünn ausrollen und im Ofen bei 180°C knusprig backen. Ca. 30-40 Minuten braucht es dazu.



Herzliche Grüsse von Iren, die das Knäckebrot auch mit wildem Thymian geliebt hat und erst ab Mitte Juli das Mähen der köstlichen Bergwiese erlaubt.

Dienstag, 24. Mai 2016

Aus der Tiefe

Vor einigen Tagen, ich war mit Juno auf dem Markt und liess mir gerade einen Bund Karotten einpacken, da rief jemand hinter mir: Hallo Iren! Ich drehte mich neugierig um und sah eine liebe Bekannte, der ich seit mehreren Jahren nicht mehr begegnet bin. Wir haben früher, vor 15 Jahren, längere Zeit zusammen orientalischen Tanz gemacht. Wir strahlten uns beide an und entschieden spontan, einen Kaffee zu trinken. Unsere Wiedersehensfreude war gross und wir fühlten sofort wieder diese Vertrautheit und Verbundenheit wie damals. Wie wir uns austauschten und ich so aus meinem Leben und meinem Alltag erzählte, schaute sie mich aufmerksam an und fragte: Belastet dich die Situation mit Calista? Ihr ruhender Blick war so ehrlich und offen für jede Art von Reaktion, ich brach innert Sekunden in Tränen aus. Mit überlaufendem Augenwasser antwortete ich: Ja, mich belastet diese Situation. Ich versuche jeden Tag leicht zu nehmen und positiv in die Zukunft zu schauen. Ich liebe Calista über alles, sie ist eine echte Bereicherung in meinem Leben. Aber gleichzeitig mache ich mir viele Gedanken. Nicht Calista belastet mich, sondern je länger je mehr zu erfahren, wie sie nie ganz dazu gehören wird zu einer Welt, in der sie sich Zuhause fühlt. Ein Teil in mir ist unendlich traurig darüber. Diesem Teil versuche ich möglichst nicht zu begegnen... Ich will mich nicht runterziehen, ich will stark sein. 




Und zu dieser Trauer kommt noch eine permanente Angst. Calista ist in einer Phase, in der sie ganz viel alleine machen will. Unter anderem entscheidet sie sich spontan und ohne etwas zu sagen, wenn sie irgendwo hin will. Vom Moment und ihren Impulsen verführt, möchte sie immer wieder davon spazieren. Sie kennt keine Angst und kaum Gefahren. Wir versuchen unser Haus so "ausbruchsicher" wie möglich zu halten. Ich habe Calista permanent im Auge oder im Ohr, immer muss ich wissen, wo sie ist. Und zwischendurch, da verpasse ich 2-3 Minuten und ich kriege Angst. Meistens ist die Angst unbegründet, doch schon einige Male nicht. Schon einige Male war sie weg, spurlos. Sie gab keine Antwort auf mein Rufen. Stille. Weg. Schon mehrmals durchlief ich eine grosse Panik, rannte im Quartier herum und mobilisierte alle Menschen die mir begegneten, mir beim Suchen zu helfen und es waren dann auch immer diese helfenden Menschen, die jeweils Calista fanden. Alleine schaffe ich es nicht. Calista kann in verschiedenen Himmelsrichtungen verschwunden sein und die Chance, dass ich mich für die falsche entscheide und so wertvolle Suchminuten verschwende, ist gross. Ich war schon auf dem Polizeiposten und habe einen Steckbrief von Calista hinterlassen. Sie hat auch einen Kettenanhänger mit Namen und Telefonnummer (leider trägt sie die Kette oft nicht). Das Jahr hat etwa 525'600 Minuten. Ich versuche keine Minute, in der sie in meiner Obhut ist, zu verpassen. Doch ich bin ein Mensch und zwischendurch lässt meine Aufmerksamkeit nach, zwischendurch dürstet es in mir nach Erholung von dieser permanenten Anspannung. Und immer wieder holt es mich auch in meinen Träumen ein. Immer wieder habe ich diese Panikträume, dass ich Calista verloren habe...


Ja, die Situation mit Calista belastet mich. Auch. Und meine Tränen an jenem Morgen an der Bar waren heilsam und gaben mir etwas Erleichterung. Damals, im Tanzen, da hat unser ägyptischer Tanzlehrer von einem rituellen Frauentanz erzählt, bei dem die Frauen im Kreis sitzen, ihre langen Haare lösen und zur Trommel rhythmisch mit gesenktem Kopf den Oberkörper seitlich hin und her schaukeln und dabei die Haare schwingen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob sie dazu auch singen. Auf jeden Fall lösen sie damit ihre ganzen Anspannungen, lassen ihre Gefühle fliessen, lassen es weinen und reinigen sich von all den Sorgen und der Trauer des Alltags. Nach diesem Gespräch beim Kaffe, da habe ich mich genau so gefühlt. Wie ich wieder Zuhause war, den Salat wusch und das Mittagessen vorbereitete, kam mir wieder diesen rituellen Tanz in den Sinn und dachte wie gut es tut, wenn man sich zwischendurch die Haare lösen kann, seinen tieferen Gefühlen Raum gibt und sie an die Oberfläche hochsteigen lässt. Es verdrängt oder negiert anderes dabei nicht. Denn ich bin trotzdem glücklich mit Calista. Ich liebe sie innig und geniesse ihre Präsenz, ihr Leben, ihr Sein jede Minute. 525'600 pro Jahr. Ich bin dankbar, so ein kleines, süsses und oft koboldhaftes Wesen in meinem Leben zu wissen. 



Herzlich, Iren

Montag, 11. April 2016

Frühlingserwachen

Eine Freundin schreibt seit Jahren einen super tollen Blog - MOMS:TOTS:ZURICH - über Ausflüge, die sie in der Schweiz mit ihrer Familie unternimmt. Sie kommt mit ihrer Familie aus San Francisco und lebt seit einigen Jahren in Zürich. Mit diesem Blick von Aussen wird für mich der Blog besonders spannend, weil sie Dinge entdeckt, die mir als Einheimische gerne entgehen... 

Wenn ich also neue Inspiration für Familienausflüge brauche, dann werde ich bei ihr immer fündig. Ich  erhalte alle wichtigen Infos zur Reise, sehe tolle Fotos und lese dazu einen persönlichen Erlebnisbericht. So haben wir auch gestern unser Ausflugsziel von Tanya inspirieren lassen. Die beiden grossen Mädchen wollten anfangs nicht mit kommen, sie waren ziemlich demotiviert und hatten keine Lust auf einen langweiligen Nachmittag mit uns. Mit Widerstand setzten sie sich zu uns ins Auto...
















Als wir abends wieder nach Hause fuhren, sassen die beiden Grossen mit klitschnassen Kleidern auf ihren Sitzen und fragten vergnügt, wann wir wieder zur "Tüfels Chilen" gehen werden...

Herzlich Iren, die Tanya hiermit Danke! sagt für ihren Beitrag zu unserem gelungenen Sonntag, an dem wir entdeckt haben, dass Schokoküsse über dem Feuer sehr gut schmecken...