Mittwoch, 16. Februar 2011

Wie Calista zur Welt kam

Der Geburtstermin war der 15. Januar. Ich hoffte aber sehr, das Babylein möge sich früher auf den Weg machen, habe ich doch schon einige Vorwehen gehabt. Drei Tage vor dem Termin, am Dienstag Nachmittag, gab mir eine Freundin ein homöopathisches Mittel, welches sehr wehenfördernd sei, wenn die Geburt reif wäre. Um acht Uhr abends setzten tatsächlich die Wehen wieder ein und ich spürte gleich, das dies nun die echten sind. Ich brachte die Kinder ins Bett und riet ihnen, möglichst schnell einzuschlafen, damit Mama gebären kann. Und sie waren gehorsam.

Um neun rief ich Cristina, meine Hebamme an und teilte ihr mit, dass ich Wehen habe, die bis ins Kreuz ziehen und sie damit rechnen müsse, diese Nacht zu mir zu kommen. Wie bei Thalia plante ich eine Hausgeburt. Die Kinder schliefen, mein Mann Christian war da und ich hatte Wehen. Alles war perfekt. Ich habe am Abend noch liebend schnell das zweite Wollsöcklein fertig gestrickt, welches ich dem kleinen Babylein nach der Geburt anziehen wollte. Wenn eine Wehe kam, bin ich strickend aufgestanden und habe die Wehe vorbei ziehen lassen.

Später legte ich mich ins Bett, doch meine Bauchaktivitäten waren zu unangenehm, als dass ich schlafen konnte. So stand ich wieder auf, riet Christian aber liegen zu bleiben. Ich brauchte seine Hilfe noch nicht. Um mich abzulenken begann ich, im Wohnzimmer das Sofa und den Boden mit Plastik und Leintücher abzudecken. Habe den Schlauch für das Gebärpool gelegt und weiter abgewartet, was die Wehen machen.

So gegen fünf Uhr morgens kam meine Hebamme Cristina, ich brauchte sie nun. Mein Mann Christian trug die Kinder schlafend zur Nachbarin, so wie vereinbart. Ich war im warmen Wasser des Gebärpools, Christian sass wieder daneben, kontrollierte meine Wehen und musste seine Hand von mir drücken lassen. Ich freute mich riesig auf unsere dritte Prinzessin! Der Gedanke, dass sie ganz bald da sein wird, wir sie halten und küssen können, motivierte mich sehr. Ich freute mich, sie den grossen Schwestern in die Arme geben zu dürfen - lange haben sie auf ihre kleine Schwester gewartet.


Irgendwann verlor ich dann den Mut, verkrampfte mich, konnte mit den Wehen nicht mehr mitgehen, wollte eigentlich überhaupt keine Geburt, sondern nur noch in Ruhe gelassen werden von der ganzen Welt. Ich war erschöpft und fühlte mich total machtlos. Vor allem kam die große Angst, dass es wieder so werden könnte wie bei der ersten Geburt, nämlich "ein Schrecken ohne Ende". Nach einiger Zeit gab Cristina meiner Bitte, ins Spital zu fahren, nach. Ich wollte die Verantwortung abgeben, ich wollte ein Wundermittel, eine PDA, einen Kaiserschnitt, ein Ende. Sie verlangte aber noch, dass ich aus dem Pool komme und zwei Wehen auf dem WC veratmeKaum war die erste Wehe vorbei, rutschte der Kopf des Babys so tief, dass ich wusste, jetzt gibts kein zurück mehr. Mit dem Gefühl des Kopfes zwischen den Beinen watschelte ich zum Pool und presste mit wenigen Wehen das warme, schlüpfrige Bündel heraus. ES WAR VOLLBRACHT! Ich war überaus erleichtert und glücklich und froh und stolz und erschöpft und im siebten Himmel...

Calista wenige Minuten alt

Ich legte mich aufs Sofa, nahm unsere jüngste Prinzessin an meine Brust und sie trank. Ich spürte die zarten Bewegungen ihrer Beine auf meinem Bauch und fühlte mich selig. Es war acht Uhr morgens, den 13. Januar 2010. Calista Attiya ist in unserer Familie angekommen.

Die Kinder kamen bald mit der Nachbarin zu uns, allesamt im Pyjama, strahlend, glücklich, aufgeregt. Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür und drei liebe Mütter aus der Nachbarschaft kamen herein, mit einer vollen Einkaufstüte. Sie bemerkten am Morgen, dass  überall die Fensterläden zu blieben und wussten gleich, was es zu bedeuten hatte. Ich sehe die Gesichter noch vor mir, wie sie mit roten Backen vom kalten Wintermorgen in unserer Stube standen, lachten und sich mit uns freuten. Sie waren ganz bewegt, so nah bei einer Geburt dabei zu sein, mich mit unserem neuen Babylein so "frisch" begrüssen zu dürfen. Es waren glückliche Momente. Dieses heilige Ereignis, eine neue Seele willkommen zu heißen, zu Hause, im Kreise der Familie und Freunde, war wunderbar schön. Ich sog alles auf in mein Herz.

Cristina untersuchte Calista, alles schien gut zu sein. Sie wurde gewogen, gemessen und warm eingepackt, die gestrickten Söcklein angezogen. Für mich war Calista perfekt. Ich sah nichts, ich ahnte nichts. Ich war bereits in meinen Babymoon und verschickte bald darauf SMS, dass wir eine gesunde Tochter in unseren Armen empfangen durften.

Cosima und Thalia gingen mit den Nachbarskindern am Nachmittag schlitteln. Christian und ich genossen die ersten ruhigen Stunden mit unserem Babylein. Ich hielt Calista glücklich und stolz in meinen Armen und drückte sie an meine Brust, sie fühlte sich ganz weich und lieblich an und ich flüsterte ihr ins Ohr, dass ich sie sehr liebe. Es war ein goldiger, intensiver Moment, an den ich mich später immer wieder erinnerte und mir viel Kraft gab. Denn jäh veränderte sich alles, die rosa Wolke platzte und wir prallten auf den Boden der Realität: Plötzlich begann Calista sich zu verschlucken, hörte auf zu atmen und wurde innert Sekunden ganz blau im Gesichtchen. Die Harmonie wich der Panik, ich klopfte ihr erst sanft auf den Rücken, dann stärker, stellte sie auf den Kopf und begann heftig zu klopfen. Plötzlich erbrach sie sich, Schleim kam raus und langsam und vorsichtig begann sie wieder zu atmen. Sie weinte kaum dabei und kaum hat sie die Atmung wieder aufgenommen und die Gesichtsfarbe war wieder mehr oder weniger normal, schlief sie weiter. Christian und ich zitterten und konnten uns kaum erholen. Plötzlich standen wir da mit einem Notfall und es gab keinen Knopf zu drücken, um schnell Hilfe zu erhalten. Ich kam mir total verlassen vor. Wir riefen Cristina an und sie versprach, vorbei zu kommen. Als sie da war, untersuchte sie Calista nochmals und wir organisierten eine Übernachtung im Spital, damit sie überwacht werden konnte. Christian war in der Küche am Telefon, wir im Schlafzimmer.

Bei dieser Gelegenheit erklärte mir Cristina, dass Calista einige Merkmale habe. Sie zeigte mir ihre süssen kleinen Ohren, die oben leicht etwas anders gefaltet waren und fragte, ob jemand von uns das auch habe. Weiter meinte sie, dass der Muskeltonus etwas schwach sei, doch ich wusste, dass Thalia das auch ein bisschen hatte. Ja und dann sei bei einer Hand noch eine Vierfingerfurche. Ich fragte sie naiv, was denn diese Merkmale zu bedeuten hätten? Da meinte sie, dass sie auf eine Trisomie 21 hinweisen. Es sei aber erst eine Vermutung. - Mir stockte kurz den Atem und in meinem Kopf begannen sich die Gedanken aufzutürmen. Ich schaute Cristina schweigend an und schluckte leer. Meine Prinzessin hat Trisomie?! Ich wollte in der Schwangerschaft keine Voruntersuchungen bezüglich Trisomie machen, weil ich wusste, dass ich ein solches Kind nicht abtreiben werde, für mich ist es in meinem Herzen genau so willkommen. - Doch nun war diese Vermutung ausgesprochen und damit wusste ich auch gleich, dass es so ist. Unsere Tochter hat das Down Syndrom. Mein Energielevel sank plötzlich ganz tief, der Boden unter meinen Füssen wurde weich. Ich hatte frühere Bilder von erwachsenen Menschen mit Down Syndrom in Erinnerung, die eher befremdlich waren und gleichzeitig hielt ich ein kleines, süsses Bündel in meinen Armen, das wunderbar roch und mein eigenes Fleisch und Blut war. Wie kriegte ich das zusammen

Mein kleines Liebesbündel

Ich ging in die Küche zu Christian und erzählte ihm alles. Sein Gesicht wurde kurz bleich und er schaute mich schweigend an mit einem Blick, der mich anflehte: Sag mir, dass es anders ist! Doch wir wussten beide, dass es unwiderruflich so ist.

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann"(Francis Picabia). Dieser Umdenk-Prozess setzte nun bei uns ein. Wir mussten uns verabschieden von den Bildern und Vorstellungen, die wir noch vor ein paar Minuten über unsere dritte Tochter, über unser zukünftiges Familienleben hatten. Den Weg, den wir kannten, war plötzlich zugeschüttet. Wir mussten umkehren und schauen, wo ein anderer Weg zu finden ist. "Was machen wir nun?", fragte mein Mann hilflos. "Nichts. Sie ist erstmal unser Baby und wir lieben sie jetzt einfach. Alles andere wird sich ergeben.", antwortete ich. In unser Herz haben wir sie beide geschlossen und dort blieb sie auch. Sie blieb unsere Prinzessin.

Wir lieben sie jetzt einfach


Den Kindern erzählten wir noch nichts, wir mussten zuerst einmal selber unsere Gedanken ordnen, bevor wir die richtigen Worte für unsere Kinder finden konnten. Nach dem Abendessen brachte Christian die Kinder ins Bett und ich zog mir die Kleider an. Meine Freundin Sophia kam mich und Calista abholen und fuhr uns ins Spital. Christian kam nach, sobald Sophia zurück war, um die schlafenden Kinder zu hüten.

Was aus der vermeintlichen "einen Nacht" zur Überwachung im Spital wurde, erzähle ich im nächsten Post. Ich muss nun ins Bett, es ist spät geworden.

Gute Nacht!
Iren




Kommentare:

  1. Liebe Iren
    Danke für deine Aufzeichnungen. Es ist schön, Eure Erlebnisse auf diese Weise miterleben zu können. Das Leben ist einfach wundervoll, genau so wie es ist, und kein bisschen anders. Ihr seid eine herzerwärmend schöne Familie, alle zusammen, lustige Powerrasselbande! Schneefrauengruss und alles Liebe, Meret

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  2. Du hast so schön geschrieben. Ich fühle alles mit. Soviel Liebe in deinen Zeilen!!

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  3. Liebe Iren,
    danke für Deinen Blog! Ich habe ihn eben erst entdeckt und noch nicht viel gelesen. Ich werde aber sicher weiterlesen.
    Wir haben zwei Töchter und, obwohl wir damit eigentlich vollständig und glücklich (und an unser gefühlten Belastungsgrenze) sind, kommt der Gedanke an ein drittes Kind immer mal wieder auf. Und damit aber auch gleich meine Angst, das ein drittes Kind eben nicht genau so gesund und munter auf die Welt kommen könnte, wie die ersten beiden. Um so mehr berühren mich Deine liebevollen Worte, selbst im Moment des ersten Schreckens, und ich freue mich sehr, dass Du Deine Gedanken hier so schön niederschreibst.
    Euch weiter alles Gute!
    Sabine

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    1. Liebe Sabine,
      Es freut mich, dass du meinen Blog entdeckt hast und er dir gefällt!
      Ich kann dir natürlich nachfühlen wegen der Angst um das dritte Kind und dem Zögern. Generell ist man ja nicht sicher, ob man das dritte noch schafft, auch wenn es gesund ist. Die Garantie auf ein gesundes Kind und darauf, dass es auch gesund bleibt, hat man nie. Kurz bevor Calista am Herz operiert wurde, traf ich eine mir bekannte Mutter auf einem Spielplatz und ich erzählte ihr von uns. Sie stand da mit zwei gesunden Buben, fühlte mit mir mit und wünschte mir viel Glück für die OP. Ein Jahr später traf ich sie wieder auf demselben Spielplatz und sie erzählte mir gleich, dass sie im vergangenen Jahr viel am mich gedacht habe, denn sie habe den ganzen Sommer im Kinderspital verbracht, weil ihr sechsjähriger Sohn an Hirntumor erkrankte und auch operiert werden musste...
      Damit möchte ich dir jetzt nicht Angst machen, sondern das Gegenteil: Wir dürfen uns im Leben nicht von der Angst leiten lassen! Wir können vieles nicht steuern im Leben aber eines können wir: Eine positive Einstellung haben und damit unserer Biographie die richtige Farbe geben.

      Ich wünsche Euch auch alles Gute und auf eine gute Bauchentscheidung - ein drittes Kind finde ich wunderschön! :-)
      Iren

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    2. Liebe Iren,
      erst jetzt schaffe ich es, Dir noch einmal zu antworten -auch wenn ich Deine neueren Blogeinträge jetzt gespannt mitverfolge.

      Vielen Dank für Deine schöne Antwort. Die Angst vor einem behinderten Kind ist es sicher nicht, die uns von einem dritten Kind abhält. Sie war zwar schon in der ersten Schwangerschaft latent vorhanden und ist es immer noch, aber sie hat mich eher daran erinnert, wie wertvoll das Leben in jedem Fall ist und mich sogar eher davon abgehalten, irgendwelche außer den hier üblichen, von der Krankenkasse bezahlten Untersuchungen machen zu lassen - ich habe sogar weniger gemacht, als mir aufgrund meines Alters bezahlt worden wäre. Ich hatte vorher gar nicht wissen wollen, ob etwas nicht in Ordnung ist, weil ich mir dann nur die ganze Schwangerschaft über Gedanken gemacht hätte, wie es weiter geht. An meiner Entscheidung für das Kind hätte es sicherlich nichts geändert - zumindest hoffe ich das sehr stark! Zudem weiß ich, genau wie Du schreibst, dass nur der kleinste Teil der Behinderungen angeboren ist. Die meisten kommen durch Unfälle oder Krankheiten zustande. Unabhängig davon ist es doch sehr unwahrscheinlich - wenn auch nicht völlig ausgeschlossen -, dass wir noch ein drittes Kind bekommen. Was auch okay ist, denn die ersten beiden sind toll!

      Ich hoffe übrigens, dass der Sohn Deiner Bekannten alles gut überstanden hat! Das war sicher nicht einfach für sie und ihre Familie.

      Dir weiter viel Freude mit Deiner tollen Familie!
      Alles Gute,
      Sabine

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  4. Liebe Iren
    eben habe ich noch einmal die Schilderung dieses Tages vor drei Jahren gelesen. Wie gut, dass ihr die zauberhaften Stunden zusammen hattet, bevor Calista auf ihre Besonderheit aufmerksam machte. Und wie gut, dass sie es dann getan hat und tut und du mit ihr und für sie.
    Ich wünsche euch heute einen wunderschönen Geburtstag mit einem gesunden, glücklichen Geburtstagskind!
    Alles Liebe
    Gabriela

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  5. Nun kullern bei mir die Tränen.
    Ich bin gerührt, bewegt...
    Wir haben uns auch 5mal gegen diese Vorsorgeuntersuchungen entschieden,
    weil es für uns nichts geändert hätte. Wir wollten diese Kinder und werden
    sie genauso annehmen, wie sie uns gegeben werden...
    Wir lieben sie einfach

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