Montag, 8. April 2013

Gedanken zu Beslim - oder: Eine Familie zu gründen ist und bleibt Privatsache.

Kürzlich habe ich von Beslim und seiner Familie erzählt. Seit ich sie in Österreich besucht habe, denke ich oft an sie und ihre Familiengeschichte. Schon viele meiner Gedanken sind um sie gekreist und ich habe mich an viele Sätze und Augenblicke dieses Besuches wieder und wieder erinnert. Ich bin sehr dankbar, dass ich sie kennen lernen durfte. Nebst dem, dass es eine sehr schöne, warmherzige Begegnung war, hat es auch viel in mir ausgelöst und zum Nachdenken angeregt. 

Einige meiner Gedanken möchte ich hier gerne mit Euch teilen: 

Mich fasziniert es, dass Beslim den Fluss weiter fließen lässt. Damit meine ich den Fluss der Familiengeschichte. Denn Beslim und seine Frau wären im Familienstammbaum normalerweise eine Sackgasse. Ein Name, der alleine steht, ohne Ehepartner und ohne Kinder, weil sie "behindert" sind. Es ist noch nicht so lange her, da hat man Menschen mit Behinderungen kein Recht auf erfüllte Liebe und Sexualität zugesprochen. Zwangssterilisation wurde von Ärzten und Psychiatern breit verordnet, in Heimen hatte freie körperliche Zärtlichkeit und Liebe kein Platz - sexuelle Übergriffe dafür umso mehr...

Beslim, der in Kosovo bei seiner Mutter und Geschwistern aufwuchs (sein Vater starb als er noch klein war) sehnte sich aber hartnäckig nach dem gleichen Glück wie seine Geschwister es erfahren durften: Das Glück einer Partner- und Elternschaft. Auch in seiner Familie stieß er nicht sofort auf Verständnis, denn man hatte Angst vor den Reaktionen des Umfeldes. In seinem Heimatland wurden und werden immer noch, Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft nicht aufgenommen. Viele Familien halten diese Kinder, auch heute noch, "unter Verschluss". Seine Familie stand immer hinter Beslim und suchte schließlich nach einer Möglichkeit, Beslim zu verheiraten. Mit Remzie aus dem Nachbardorf fanden sie eine passende Partnerin, in die er sich auf den ersten Blick verliebte.



Beslim's Mutter Time, die acht Kinder alleine groß gezogen und  einige Balkankonflikte miterlebt hat, erklärte sich bereit, ihren Sohn und dessen Frau bei ihrem Kinderwunsch zu unterstützen. Dafür bewundere ich sie sehr; sie ist eine mutige, großherzige Frau. Sie ist mit ihrer Entscheidung gegen einen starken Strom geschwommen. Ihr "behinderter" Sohn und dessen "behinderte" Frau dürfen Vater und Mutter werden, mit ihrem Einverständnis und ihrer Hilfe. Mutig! 
Es galt zudem nicht nur ein weiteres Kind aufzuziehen, nein, dieses hätte auch grosse Chance gehabt, mit Down Syndrom zur Welt zu kommen. Sie alle vertrauten dem Leben und wollten annehmen, was kommt. Was kam? Zwei auffallend hübsche und sehr intelligente Kinder ohne Down Syndrom.

Mich berührt es sehr, wie Beslim und Remzie über ihre Kinder zeigen können, dass in ihnen viel mehr "gesunde", "normale" Anteile stecken als "behinderte". Denn "behindert" ist ein Adjektiv, das normalerweise über alles dominiert. Man sieht diese Menschen nur noch unter diesem Blickwinkel, darüber werden sie definiert. ABER an diesen Menschen ist der größte Teil, das heißt die allermeisten Gene und Körperfunktionen völlig normal und gesund. Und ihre Seele ist es auch. Wahrscheinlich ist bei ihnen nicht mehr "anders" oder "krank" als bei uns zu finden wäre. Nur haben sie ihre "Fehler" an Stellen, wo es sich viel klarer und folgeschwerer zeigt. Denn wer von uns läuft nicht mit genetischen Defekten oder Abnormalitäten herum? Manche wissen etwas darüber, manche nicht. Bei manchen hat es Konsequenzen, bei manchen nicht. Bei manchen bricht es aus, bei manchen nicht. Manche haben Glück, manche nicht. Aber wer weiß schon über sich, dass er genetisch völlig einwandfrei ist? An einen hundert Prozent perfekten Menschen, genetisch und medizinisch betrachtet, glaube ich nicht. Das waren auch Adam und Eva nicht. Aber solange wir "normal", das heisst genormt funktionieren können, solange wir nicht behindert werden im alltäglichen Leben, solange sieht man nur den gesunden Menschen. Sobald jemand nicht mehr "normal" funktionieren kann, wie das bei Remzie und Beslim zum Beispiel der Fall ist, so sieht man sofort nur noch den "behinderten" Teil als Ganzes. Aber sieht Euch diese Kinder und ihre stolzen Eltern an! Lange, nehmt Euch Zeit. Ich kann mich an diesem Bild kaum satt sehen. Es ist so kraftvoll, es löst in mir eine Kopfrevolution aus.


Ja, das ist möglich: "Behinderte" können genauso "gesunde" Kinder zeugen und gebären, wie "Gesunde" "behinderte". 

Warum dürfen gesellschaftlich gesehen die einen Kinder bekommen und die anderen nicht?! Das haben sich Cosima und Thalia auch immer wieder gefragt. Unvoreingenommene Kinderfragen, ehrlich und wahr. Dürfen sie nicht, weil sie unter Vormundschaft stehen, für sich selber kaum genug Geld verdienen und die erzieherische Verantwortung nicht voll übernehmen können? Ja, das stimmt. So sieht die Realität aus. Sie können ihre Kinder alleine nicht aufziehen. Sie brauchen Unterstützung. Aber wenn man beim Sozialamt nachfragt, dann erfährt man, wie viele "normale" Familien aus unterschiedlichen Gründen es nicht schaffen, ihre Kinder alleine groß zu ziehen und auf diverse Unterstützungen angewiesen sind. Wie viele Eltern auf dieser Welt misshandeln ihre Kinder, weil sie in der Überforderung sind? - Die Kinder von Beslim, Fitore und Arnis, wachsen in einem liebevollen Zuhause auf, geprägt von Lebensfreude und gegenseitigem Respekt.


Ich wünsche mir, dass die Geschichte von Beslim möglichst viele Menschen erfahren. Denn sie soll in unseren Köpfen Grenzen und Blockaden sprengen. Dieses Beispiel soll uns zwingen, umzudenken. Es darf Menschen mit Behinderung nicht per se abgesprochen werden, Kinder zu haben. Klar, es braucht dazu eine unterstützende Familie im Hinter- wie auch im Vordergrund. Ohne geht es nicht. Aber wenn sie da ist, was spricht noch dagegen?!




Weißt du, seine Frau und seine Kinder tun Beslim sehr gut, mit ihnen hat er so wirklich etwas für sein Herz. Er wäre sonst einsam. Denn kein anderer Mensch auf dieser Welt könnte ihm diese Beziehung ersetzen, die er zu Remzie und seinen Kindern haben darf. Dieser Satz von Blerina klingt immer und immer wieder in meinen Ohren nach. Und innerlich stimme ich immer wieder von Neuem zu. Genau so ist es. Und so etwas in dieser Richtung wünsche ich mir für Calista. Cosima war die erste, die mit mir die Kinderdiskussion bezüglich Calista's Zukunft führte. Das ist wichtig und gut, denn egal was kommen mag, es öffnet mental die Horizonte. Es befreit die Gedanken aus gesellschaftlichen Käfigen. Und das ist die beste Voraussetzung für einen glücklichen Weg, den wir gemeinsam mit Calista gehen wollen. Egal wie er aussieht, sie wird unsere Unterstützung haben. Heute mehr denn je.  

Wenn wir auf unseren Intellekt hören,
werden wir uns niemals verlieben,
wir werden niemals Freundschaften haben.
Wir werden niemals ein Geschäft eröffnen…
Doch das ist Unsinn.
Du musst von der Klippe springen,
immer wieder,
und deine Flügel auf dem Weg nach unten wachsen lassen.

(Ray Bradbury) 




Ich wünsche Euch allen für Euer Leben viel Mut um zu springen. Herzlich,
xxx iren.

Kommentare:

  1. Puhhhh!!!!
    ...und ich doofe Nuss erkläre meiner 7 jährigen Tochter, dass Jolina mal keine Kinder haben wird :-( was Louisa unendlich traurig gemacht hat.....
    Martina

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  2. Danke für deine wiederum sehr schönen Worte über Beslim und seine Familie, sehr berührend und mutmachend!
    Meine Mutter hat bei der Geburt unseres Sohnes Valentin, als Trisomie 21 diagnostiziert wurde, ganz einfach gesagt: "Alle Menschen haben Schwächen. Bei manchen sieht man sie, bei manchen nicht." Genauso ist es.

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  3. Liebe Iren
    Danke für diesen Post, die ergreifenden Bilder.
    Ich lass das nun so stehen, denn zu viele Worte würden nur zuviel sein Ich wünsche mir, dass Dein Post ganz viele Herzen erreicht!
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

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  4. Ich bin zu tiefst berührt! Danke liebe Iren♥
    bbbbbrigitte

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  5. Liebe Iren. Es braucht noch ganz viele solcher Geschichten und Gedanken, die in die Welt hinausgetragen werden. Vielleicht können wir so ein paar Vorurteile aus der Welt schaffen und das Leben ein grosses Stück bunter machen.
    Herzliche Grüsse

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  6. Liebe Iren,

    die Geschichte von Beslim und Remzie war so herzlich zu lesen. Jeder sollte so denken, denn jeder Mensch hat das Recht auf Liebe. Mehr ist dem nicht hinzu zu fügen.

    Liebe Grüße
    Nana

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  7. Vielen Dank für diesen wunderbaren, berührenden Post. Dazu kann ich nur sagen: ja! genau!
    Alles Liebe, Katharina

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  8. Liebe Iren, sehr sehr berührend geschrieben, kraftvoll und klar! Leider mangelt es in unserer Gesellschaft, so wie Du schreibst, oft an familiärer Herzlichkeit, die vieles auffangen könnte.
    Alles Liebe, Martina :-)

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  9. Toller Artikel! Hat mich sehr zum Nachdenken angeregt!

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  10. Herzlichen Dank für diesen Post, ich bin beeindruckt! Mein Neffe ist auch ein Down-Kind, leider mit Autismus, was die ganze Sache nicht ganz so einfach macht. LG Lotta.

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  11. Eine ganz wunderbare Familie ist das❤ Danke für den tollen Bericht.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  12. <3 Dieser Text geht mitten ins Herz! Danke...
    Ganz liebi grüäss, anja

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  13. Danke für diese wunderbare Geschichte! Sie hat mich sehr berührt. Seit fast 10 Jahren betreut meine Mama eineiige Zwillinge mit Down-Syndrom, sie dürfen wie ganz normale Jungs aufwachsen. Und es ist schön zu sehen, dass Ihnen auch als Erwachsene alle Möglichkeiten offen stehen. Danke dafür!
    hier sind ein paar Bildchen von den zwei Lausern
    http://ilovejajujo.blogspot.co.at/2013/03/ganz-besondere-zwillinge.html
    lg, Carmen

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  14. unglaublich berührend...und sooooo richtig!
    danke für diesen post
    herzlichste grüsse aus dem valnöt-hus
    franziska

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  15. Liebe Iren, danke für diese Posts. Es ist so unglaublich und so schön - mich hat lange nichts mehr so berührt wie diese Geschichte°

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  16. Soviele Gedanken.
    Viele Perspektiven.
    Möglichkeiten.
    Berührungen im Herzen.

    Danke !

    Grüße an Dich
    Oona

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  17. Was ist normal? Als mich mein Arbeitgeber ("christlich" geführtes Krankenhaus) trotz bekannter Krankheit verschlissen hatte landete ich für ein halbes Jahr in einem Integrationsbetrieb. Wenn die "normalen" Menschen so wären wie meine KollegInnen dort, dann wäre Menschlichkeit normal.

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  18. Wunderschön! Wie vielseitige unsere Cuisine ist. Ich denke in der Zukunft muss man alle Bräuchen und Rezepten in elektronische Datenräume beeintragen damit wir unsere Geschichte nicht verlieren. Heutzutage benutzen Sie dieses Tool für viele Optionen auch.
    https://www.idealsvdr.com/de/funktioniert-der-virtuelle-datenraum/

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