AUS DEM LEBEN - Lilly

Im Akrobatikkurs für Kleinkinder, den ich mit Calista besuche, habe ich eine Mutter kennen gelernt, Sibylle, zu der ich mich von Anfang an hingezogen fühlte. Wir kamen nach ein paar Lektionen ins Gespräch, während wir am Schluss der Stunde unseren Kindern wie immer die Massagekugeln über die Beine gleiten ließen. Dabei erfuhr ich, dass sie auch drei Kinder hat. Zwei Söhne und eine Tochter, die Lilly. Um Lilly geht die Geschichte, die uns Sibylle hier aufgeschrieben hat. Eine Geschichte, die mich sehr berührt hat:

LILLY
Ein kleines Mädchen, so groß, dass es gerade in zwei Hände passt, liegt auf meinem Bauch und schreit einmal kurz in die Welt, bevor es für immer verstummt. Diesem kurzen Moment ging die emotionalste und auch schwerste Zeit in unserem Leben voraus. Eine Zeit, gezeichnet durch Trauer, Verzweiflung und Ohnmacht. Nun ist dieser Moment gekommen und er wirkt wie eine Befreiung. Eine Befreiung aus der schwersten Zeit unseres Lebens und gleichzeitig ein Geschenk an das Leben. Ein Moment des Abschiednehmens und die Geburt einer neuen Stärke. Befreiung auch aus den Zweifel, die uns manchmal begleitet haben, denn der Moment brachte die Gewissheit, vor einigen Wochen die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ich war mit meinem zweiten Kind schwanger und überglücklich, dass es nach langer Zeit endlich geklappt hat. Wir sind in der 11. Woche zur üblichen Schwangerschaftskontrolle gegangen, die auch den Nackentransparenztest beinhaltet. Ohne vorher darüber nachzudenken, was wirklich auf einen zukommen kann, war für uns klar: Egal was passiert, wir werden das Kind behalten.

...trotzdem ist man nie darauf vorbereitet, wenn einen die negative Nachricht trifft! Ich erinnere mich noch sehr gut an den Arzt, wie er beim Ultraschall immer stiller wurde, und an meinen Mann, der daneben stand mit unserem Sohn auf dem Arm, ahnungslos glücklich, das kleine Baby zu sehen.

Allein die Nachricht der auffälligen Nackenfalte hat uns den Boden unter den Füßen weg gezogen. Doch nach eingehender Diagnostik wurde zudem klar, dass unsere Tochter Lilly nicht nur eine Trisomie 21 hat, sondern aufgrund anatomischer Anomalien die Geburt nicht überleben wird. Diesen Befund hat unsere schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es begann eine Zeit in unserem Leben, die intensiv war wie keine zuvor. Sie war so traurig, dass wir zweitweise glaubten, die Gefühle fast nicht auszuhalten, aber zugleich war diese Zeit für unseren Prozess der Trauerbewältigung unendlich wertvoll.


Moritz und ich, im Familienurlaub, kurz nachdem wir erfahren haben, dass unser 
ungeborenes Baby Trisomie 21 hat. Diese Fotografie ist mein "Lilly-Bild", 
da trug ich sie unter meinem Herzen.


Entgegen der vorherrschenden medizinischen Meinung und Ratschlag, haben wir uns gegen einen Abbruch und für die Schwangerschaft entschieden. Wir haben uns somit entschieden, unsere Tochter auf ihrem kurzen Lebensweg nach unseren Möglichkeiten zu begleiten und für sie einzustehen. Wir wollten Lilly die Zeit bei uns geben, die sie braucht.

Ein Freund sagte in dieser Zeit einmal zu mir: Wenn dein lebender Sohn sehr krank werden würde und der Tod unausweichlich wäre, so würdest Du ihn auch bis zum Schluss mit all deiner Liebe begleiten. Gib diese Liebe und Zeit doch auch deiner ungeborenen Tochter. - Diese Worte stärkten uns sehr.

Die folgende Zeit der Schwangerschaft war geprägt durch das Gefühl der Hilflosigkeit, weil wir an der Situation nichts ändern konnten und seitens der Ärzte auch keine wirkliche Begleitung erfahren durften. Für die Schulmedizin stand als einzige plausible Lösung der Schwangerschaftsabbruch und wir hatten vielmals das Gefühl, dass die Ärzte mit unserer Entscheidung und unserer Trauer überfordert waren.

Nach einigen Wochen fanden wir eine erfahrene Hebamme, welche uns als Mensch in unserer Situation abholte und wir bei ihr einfach sein durften, ohne über Entscheidungswege zu sprechen. Dieser Kontakt hat der Schwangerschaft und unserem psychischen Befinden eine entscheidende Wende gegeben, er wurde zu unserem Anker. Mit unserer Hebamme erlebten wir zum ersten Mal eine echte Begleitung. Sie war die Erste, die Lilly als Baby sah. Sie setzte alles daran, dass es mir, dem ungeborenen Kind und unserer Familie wieder gut gehen konnte. Mit ihr bekamen wir unser Leben wieder in den Griff und konnten uns auf das Kommende vorbereiten. In den folgenden Monaten wurde es mir möglich, eine Bindung zu Lilly aufzubauen, was ich, aus Angst vor dem Verlust, vorher überhaupt nicht zulassen konnte. Ich begann, bewusst ihre Bewegungen zu spüren und konnte mich zum ersten Mal wirklich darüber freuen.

Lilly machte sich in der 25. Woche ganz alleine auf den Weg in ihr kurzes Leben. Die Geburt war, trotz der Traurigkeit und des Verlustes, einer der wertvollsten Momente in unserem Leben. Wir durften eineinhalb Stunden lang unsere Tochter in den Armen halten, sie anschauen und willkommen heißen und haben sie auf ihrem Weg in den sanften Tod begleitet.

Lilly, frisch geboren.
Heute ist Lilly in Gedanken und Momenten viel bei uns. Mit Moritz, unserem ältesten Sohn, finden wiederkehrende, kleine Gespräche über Lilly statt, welche von einem Gefühl der zufriedenen Ruhe geprägt sind und selten von Trauer. Moritz war sehr stolz auf seine Schwester und ging sehr liebevoll mit ihr um. Er ist sich sicher, dass sie auf einem Stern im Himmel über ihn wacht.

Auch für ihn war die Geburt und der kurze Kontakt mit Lilly enorm wichtig, um die vorangegangene schwere Zeit zu Verarbeiten und zu Begreifen. Durch unseren Weg haben wir uns, unserer Familie und unseren Freunden auch die Chance gegeben, sich von Lilly zu verabschieden.

Ohne unsere Familie und Freunde, sie sich täglich um uns gekümmert haben, wären die Monate der Schwangerschaft für mich und meinen Mann sicherlich ganz anders verlaufen. Wir sind ihnen heute noch unendlich dankbar für die vielen Momente, in denen wir einfach nur sein durften; weinend, im Gespräch oder nur still. Es gibt wenige Menschen, die bereit sind, solch einen Weg zu begleiten... vielen Dank Euch allen...!

Heute sind wir zu viert, Matteo ist ein Jahr nach Lillys Geburt zur Welt gekommen und wir sind dankbar über unser Leben und unsere Kinder. Über unsere drei Kinder.

Ich schreibe diesen Bericht, da ich und meine Familie so viele positive Gedanken aus dieser Lebensgeschichte ziehen können. Sie hat uns sehr stark gemacht und uns noch näher zusammen gebracht. Wir denken gerne an unsere Tochter Lilly und haben unseren Frieden mit ihr gefunden. Es war richtig für uns, diesen schweren Weg zu nehmen.




Kommentare:

  1. Liebe Sibylle,
    (ich nehme an, dass du das lesen wirst und spreche dich deshalb persönlich an.)
    Ich möchte dir sehr herzlich danken für diesen Bericht, für euer Lebensschlüsselerlebnis, dafür, dass dieses Kind, eure Lilly, ihr ganzes Leben hat leben dürfen und dadurch euch ihre ganze Lebenskraft hat hinterlassen können. Ich bin sehr berührt von deiner Schilderung und wünsche euch von Herzen ein frohes Wachsen als besonderes Quintett...
    Alles Liebe
    Gabriela

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  2. Liebe Sibylle,
    deine Geschichte von Lilly hat mich sehr, sehr bewegt. Lilly hat sich wirklich die richtige Familie ausgesucht, um ihren Lebensweg gehen zu können. Ich bin sehr glücklich für sie, auch wenn mir gerade die Tränen fließen.
    Ganz lieben Dank für Deine Worte!
    Gesche

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  3. Liebe Sybille, auch hier laufen die Tränen, begleitet von einem friedvollen Lächeln. Danke für das Teilen dieser besonderen Geschichte eurer Lilly...
    Ganz herzlichi Grüäss, anja

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  4. Wunderschön ist sie <3

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