Dienstag, 24. Mai 2016

Aus der Tiefe

Vor einigen Tagen, ich war mit Juno auf dem Markt und liess mir gerade einen Bund Karotten einpacken, da rief jemand hinter mir: Hallo Iren! Ich drehte mich neugierig um und sah eine liebe Bekannte, der ich seit mehreren Jahren nicht mehr begegnet bin. Wir haben früher, vor 15 Jahren, längere Zeit zusammen orientalischen Tanz gemacht. Wir strahlten uns beide an und entschieden spontan, einen Kaffee zu trinken. Unsere Wiedersehensfreude war gross und wir fühlten sofort wieder diese Vertrautheit und Verbundenheit wie damals. Wie wir uns austauschten und ich so aus meinem Leben und meinem Alltag erzählte, schaute sie mich aufmerksam an und fragte: Belastet dich die Situation mit Calista? Ihr ruhender Blick war so ehrlich und offen für jede Art von Reaktion, ich brach innert Sekunden in Tränen aus. Mit überlaufendem Augenwasser antwortete ich: Ja, mich belastet diese Situation. Ich versuche jeden Tag leicht zu nehmen und positiv in die Zukunft zu schauen. Ich liebe Calista über alles, sie ist eine echte Bereicherung in meinem Leben. Aber gleichzeitig mache ich mir viele Gedanken. Nicht Calista belastet mich, sondern je länger je mehr zu erfahren, wie sie nie ganz dazu gehören wird zu einer Welt, in der sie sich Zuhause fühlt. Ein Teil in mir ist unendlich traurig darüber. Diesem Teil versuche ich möglichst nicht zu begegnen... Ich will mich nicht runterziehen, ich will stark sein. 




Und zu dieser Trauer kommt noch eine permanente Angst. Calista ist in einer Phase, in der sie ganz viel alleine machen will. Unter anderem entscheidet sie sich spontan und ohne etwas zu sagen, wenn sie irgendwo hin will. Vom Moment und ihren Impulsen verführt, möchte sie immer wieder davon spazieren. Sie kennt keine Angst und kaum Gefahren. Wir versuchen unser Haus so "ausbruchsicher" wie möglich zu halten. Ich habe Calista permanent im Auge oder im Ohr, immer muss ich wissen, wo sie ist. Und zwischendurch, da verpasse ich 2-3 Minuten und ich kriege Angst. Meistens ist die Angst unbegründet, doch schon einige Male nicht. Schon einige Male war sie weg, spurlos. Sie gab keine Antwort auf mein Rufen. Stille. Weg. Schon mehrmals durchlief ich eine grosse Panik, rannte im Quartier herum und mobilisierte alle Menschen die mir begegneten, mir beim Suchen zu helfen und es waren dann auch immer diese helfenden Menschen, die jeweils Calista fanden. Alleine schaffe ich es nicht. Calista kann in verschiedenen Himmelsrichtungen verschwunden sein und die Chance, dass ich mich für die falsche entscheide und so wertvolle Suchminuten verschwende, ist gross. Ich war schon auf dem Polizeiposten und habe einen Steckbrief von Calista hinterlassen. Sie hat auch einen Kettenanhänger mit Namen und Telefonnummer (leider trägt sie die Kette oft nicht). Das Jahr hat etwa 525'600 Minuten. Ich versuche keine Minute, in der sie in meiner Obhut ist, zu verpassen. Doch ich bin ein Mensch und zwischendurch lässt meine Aufmerksamkeit nach, zwischendurch dürstet es in mir nach Erholung von dieser permanenten Anspannung. Und immer wieder holt es mich auch in meinen Träumen ein. Immer wieder habe ich diese Panikträume, dass ich Calista verloren habe...


Ja, die Situation mit Calista belastet mich. Auch. Und meine Tränen an jenem Morgen an der Bar waren heilsam und gaben mir etwas Erleichterung. Damals, im Tanzen, da hat unser ägyptischer Tanzlehrer von einem rituellen Frauentanz erzählt, bei dem die Frauen im Kreis sitzen, ihre langen Haare lösen und zur Trommel rhythmisch mit gesenktem Kopf den Oberkörper seitlich hin und her schaukeln und dabei die Haare schwingen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob sie dazu auch singen. Auf jeden Fall lösen sie damit ihre ganzen Anspannungen, lassen ihre Gefühle fliessen, lassen es weinen und reinigen sich von all den Sorgen und der Trauer des Alltags. Nach diesem Gespräch beim Kaffe, da habe ich mich genau so gefühlt. Wie ich wieder Zuhause war, den Salat wusch und das Mittagessen vorbereitete, kam mir wieder diesen rituellen Tanz in den Sinn und dachte wie gut es tut, wenn man sich zwischendurch die Haare lösen kann, seinen tieferen Gefühlen Raum gibt und sie an die Oberfläche hochsteigen lässt. Es verdrängt oder negiert anderes dabei nicht. Denn ich bin trotzdem glücklich mit Calista. Ich liebe sie innig und geniesse ihre Präsenz, ihr Leben, ihr Sein jede Minute. 525'600 pro Jahr. Ich bin dankbar, so ein kleines, süsses und oft koboldhaftes Wesen in meinem Leben zu wissen. 



Herzlich, Iren

Kommentare:

  1. Liebe Iren
    hörst Du meinen Seufzger?
    Ich weiss wie es sich anfühlt, ich weiss wie es ist mit so einem kleinen Butzerl zu leben, das so ist wie sie!
    All die von Dir erzählten Situationen hatten wir auch schon öfter, viel zu oft eigentlich ...
    Deine Ängste sind auch die meinen.
    Nun bin ich einiges älter und Robert ist ja auch schon 15 mittlerweile ... und ich sitz da und hab Angst wer sich kümmert wenn ich mal nicht mehr hier bin ...
    Denn er ist in sich immer ein kleiner hilfbedürftiger Kobold (ja, dieses Kuschelwort gehört schon immer zu ihm! Ich habs noch nie ins Internet geschrieben!)
    Nun fährt er mit dem Fahrrad davon ... würde sogar in den Bus einsteigen .. die nächste Stufe von "ich bin gross und will das machen!"
    Nein, Iren, es wird nicht einfacher. Aber drüber reden, die Tränen fliessen zu lassen das tut gut. Das weiss ich ganz genau.
    Auch ich liebe Robert, er ist mein innigstes Kind
    und doch sag ich manchmal Sätze wie: "Das schaff ich nun nicht mehr. Wie lang soll es so weitergehen!"
    Und erst gestern hab ich zu ihm gesagt: "Ahhhh, früher hätte man den Popo ausgehaut bekommen, wenn man sowas macht wie Du. Das tät ich nun am liebsten machen!"
    "Aber Mama! Das tut man nicht, ich bin doch ein Kind! Und das fang nicht an, sonst bist Du über Dich unglücklich!"
    Hm, hörst Du schon wieder meinen Seufzger .... ?
    Ich schick Dir viel Kraft, Gelassenheit und Sonne, such Dir aus, was Deine Sonne sein soll ....
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth, ja, ich meine deine Seufzer zu hören! Und wir teilen unsere Ängste... Aber auch unsere Freude und die innige Liebe!! Das Spektrum ist so gross... Und die Seelen unserer Kinder auch...
      Ich nenne Calista übrigens öfters Pumuckel, es ist so treffend, und weil ich mich öfters auch wie Meister Eder fühle ;-))
      Herzlicher Nachtgruss an Dich und dein Koböldchen

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  2. liebste iren. ich glaube du machst das unglaublich gut, tapfer und engagiert. aber auch wir mütter sind fehlbar. und brauchen pausen. und zeit für uns. ich hoffe, dass du diese findest. und calista hat sicher einen ganz, ganz grossen schutzengel. alles liebe, flurina

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    1. Liebe Flurina, ja, ich versuche regelmässig, also täglich, mir mit Meditation ganz kleine Inselchen zu schaffen. Dazu braucht es Disziplin, aber irgendwann ist man an dem Punkt an dem man klar erkennt, dass es ohne diese Inselchen schwierig wird... Herzliches, Iren

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  3. Liebe Iren
    Ich musste auch weinen als ich deine Worte las. Genau so geht es mir auch, wenn jemand aufrichtig nach meinen Gefühlen fragt. Und es sind genau die selben Aengste die mich auch plagen.
    Vielen Dank für deinen Blogg. Es tut gut nicht die Einzige zu sein.
    Liebe Grüsse Irene

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    1. Liebe Irene, eine herzliche Umarmung aus dem dem Kreis der "Familie"!

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  4. Ich finde deinen Artikel sehr ehrlich und gleichzeitig liebevoll geschrieben. Sehr berührend. Danke!

    Ich selber habe (vielleicht noch) kein Kind mit Down Syndrom, aber dein Text hilft mir trotzdem, mich in andere Eltern hinein zu versetzen und nachzufühlen, wie es ihnen geht. Und sensibler und besser damit umgehen zu können.

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    1. Hab vielen Dank für deine aufmerksamen Worte!

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  5. Unser kleiner "Pumuckl" ist zwar erst 3... aber ich kann dem voll zustimmen, was Du da beschrieben hast. Aktuell leben wir in einem Haus umgeben von einer hohen Mauer und einem Tor, so dass unser Kleiner zumindest an diesem Punkt ausbruchssicher verstaut ist. Aber bald ziehen wir um und dann wird alles anders und innerlich habe ich sehr oft dieses Verlangen, mein Kind einfach an die "Leine" zu legen - damit es uns beiden sozusagen besser geht...
    Ich wünsche Dir - und mir :-) - viel Kraft und einen guten Umgang mit diesen Gedanken und Gefühlen!!!

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  6. Liebe Doro - ja, viel Kraft braucht es manchmal! Meine Bekannte fragte mich auch, woher ich denn die Kraft für all das nähme. Meine Antwort war: Calista! Calista gibt mir viel Kraft. Seit ihrer Geburt ist das so. Ihre Sein, ihr Wesen ist eine reine Kraftquelle für mich. Vielleicht klingt dies paradox, doch ich glaube, du weisst genau, was ich meine, nicht? :-))
    Herzlich, Iren

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    1. Ich habe damals, als sie in der Krippe war, den Betreuerinnen dort tatsächlich eine solche Handleine gegeben. Gekauft in England, wo "Kinder an der Leine" noch viel üblicher ist. Sie haben es, glaube ich, kaum bis nie gebraucht, doch ich hätte auch gar keine Probleme gehabt, wenn sie es gemacht hätten, auf all ihren täglichen Spaziergängen und Ausflügen. Denn Calistas Sicherheit und ihr Leben ist mir am allerwichtigsten. So gesehen finde ich das Anleinen in bestimmten Situationen nicht schlimm.

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