Sonntag, 17. April 2011

Ich mach mir die Welt...

Wir fahren mit dem Auto in den Akrobatikunterricht. Da eröffnet Cosima das Gespräch. Du Mami, warum kann Calista keine Kinder kriegen? - Es ist so, sie kann schon Kinder kriegen, das ist schon möglich. Sie darf aber nicht, weil sie Trisomie hat. Wenn man Trisomie hat, dann haben die Kinder auch Trisomie. Ja, aber das macht doch nichts! Ja, stimmt, eigentlich macht das nichts. Aber wenn Calista Kinder bekommt, dann kann sie selbst nicht gut zu ihnen schauen. Und wenn ihre Kinder auch einen Herzfehler haben, mehr Pflege brauchen, dann kann sie das nicht so gut. Aber Mami, ich kann ihr doch helfen! Ich kann doch zu ihren Kindern schauen. - Weisst du, dann habe ich z.B. ein Kind und Calista zwei Kinder und dann schaue ich zu allen und habe zusammen drei Kinder. Oder ich habe zwei Kinder und Calista hat drei Kinder und dann haben wir fünf. - Aber Mami, du kannst doch auch helfen! Ja, ich kann auch helfen. Aber vielleicht bin ich dann schon alt, oder krank und habe nicht mehr so viel Kraft und kann nicht mehr so gut helfen. 

Thalia ruft dazwischen: Ich helfe auch! Ich habe dann auch zwei Kinder und helfe noch Calista mit ihren Kindern. Oder ich habe dann auch noch die Kinder von Cosima. Ich kann alle Kinder nehmen.
Cosima meint: Mami, wir sind doch genug. Wir alle können einander helfen! Ich habe dann fünf Kinder! Thalia: und ich sechs! Cosima: und ich sieben. Thalia: und ich acht! Cosima: und ich neun!

Es kann auch sein, wenn der Mann keine Trisomie hat, dass ihre Kinder auch keine Trisomie haben. Sie haben dann 50% Chance, dass sie ein Kind ohne Trisomie bekommen. Ehrlich Mama? Dann soll Calista einen Mann heiraten der keine Trisomie hat!

Sie strahlen alle ganz glücklich, es gibt doch für alles eine Lösung!




Vor ein paar Wochen hat Calista nämlich ihren schönen goldenen Schuh, den sie von ihrer Gotte zur Geburt bekommen hat, verloren. Unterwegs, einfach so, fiel er ab. Wir haben es kurze Zeit später bemerkt und sind ihn gleich suchen gegangen. Doch weg. Er war einfach spurlos verschwunden und weg. - Jetzt träumen wir, dass einen jungen Prinzen ihn gefunden hat und er nun auf der Suche nach dem passenden Fuss ist.


Wer weiss, liebe Calista, vielleicht kommt eines Tages einen schönen Prinzen und bringt dir den goldenen Schuh zurück? Und du darfst dann seine Herzdame sein. Ihr geht zusammen aufs Schloss und bekommt Kinder und seid glücklich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann...


Als wir vom Akrobatik wieder zu hause waren und ich kochend in der Küche stand, kam Cosima zu mir und sang aus vollem Herzen:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
Ich mach' mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt....


Diese Leichtigkeit der Kinder, diese Selbstverständlichkeit, Grenzen zu überschreiten (im Guten, wie im weniger Guten ;-)) ist einfach wunderbar! Ich finde das sehr erfrischend und wohltuend.

Lese ich Bücher über Down Syndrom, dann kriege ich schwarz auf weiss vor die Nase gesetzt, wo all die möglichen Problempunkte sind, gesundheitlich wie geistig. Ich werde über alle erdenklichen Defizite informiert und erfahre, dass sie generell entwicklungsverzögert sind. Ich lese es und fühle mich deprimiert und manchmal etwas verzweifelt. Mag ja vieles stimmen, aber ich will nicht alles auf einmal gesagt bekommen. Ich möchte meinen liebenden Blick auf mein Kind behalten und es gedanklich nicht im Voraus beschränken. Um Calista's Situation klar wissend, will ich für sie dennoch alles potenziell offen halten. Ich will, wie Cosima mir das vorsingt, selbst das Leben für uns gestalten. 


Ich mach' mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt....

Soll ich euch mal was sagen? Wir haben, seit Cosima Baby ist, den TripTrap von Stokke. Er war immer sehr sicher. Cosima war und ist ein sehr lebendiges Kind und kletterte gerne herum. Auch Thalia ist sehr beweglich, doch der TripTrap war immer einen sicheren Platz. Dort konnte ich sie hin setzen und ich wusste, es kann nichts passieren.

Calista aber, unser entwicklungsverzögertes Babylein, hat es schon mehrmals geschafft, im TripTrap sitzend, mit dem Stuhl zusammen beinahe nach rückwärts auf den Boden zu donnern. Ich konnte jeweils noch in letzter Sekunde den Stuhl auffangen. Sie kann inzwischen auch mit Leichtigkeit vom TripTrap aus auf den Tisch klettern. So habe ich heute morgen extra die Fussplatte so tief gestellt, dass sie ihre Füsse nicht mehr aufsetzen kann und ihre Beine in der Luft baumeln. - So, jetzt schaffst du es nicht mehr! Habe ich mir gedacht. Aber es dauerte drei Sekunden und sie sass wieder auf dem Tisch. So was! Mit dem Nimbusschlüssel habe ich dann den Sitz so weit wie möglich nach oben gestellt, damit sie ein bisschen eingeklemmt ist zwischen Bügel und Sitzfläche und die Beine nicht mehr so locker bewegen kann.

Ich setzte unser jüngstes Töchterchen hinein und wendete mich endlich dem Frühstückmachen zu, schiebe das Brot in den Toaster und guckte nochmals hämisch zum Tisch. - Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Nein, das glaubte ich nicht! Schon wieder sass sie freudig strahlend auf dem Tisch! Mein Herz hüpfte vor Freude und ich eilte zu Calista hin und drückte ihr einen dicken ich-bin-ja-so-stolz-auf-dich-Kuss auf die Stirn.
Das habe ich in keinem Buch gelesen. Und ich kann euch nur sagen, aufpassen: TripTrap ist nichts für entwicklungsverzögerte Babies!





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