Donnerstag, 6. August 2015

Elias und Elisa - ich grüsse Euch!

Jahrelang fuhr ich mit der Gondelbahn den Berg hoch und schaute immer nach rechts, wo ich jeweils auf halber Höhe das kleine Bergdorf erspähte. Dort, am Ende des Dorfes, das Haus. Es war ein Ritual, dieses Haus jeweils zu grüssen, aus der Gondel heraus. Das Haus, in dem meine Grossmutter Anna aufwuchs. Meine Lieblingsoma, die als junges Mädchen die Auswahl an heiratswilligen Männern in ihrer Umgebung zu uninteressant fand und darauf einen Mann aus dem Mittelland heiratete und ihm nach Luzern folgte. Meine Oma, die mit blauen, schalkig-blitzenden Augen noch in hohem Alter jederzeit zum Pferdestehlen bereit war. 

Wir schwebten immer in einiger Entfernung am Bergdorf vorbei, nicht ein einziges Mal in meiner ganzen Kindheit war ich dort, nur geschaut aus der Gondel heraus. Das Haus gehörte inzwischen "Fremden" und der direkte Bezug fehlte, um dort einmal anzuklopfen. Wir fuhren immer mit der Gondel bis ganz hoch, auf die Alp, wo meine Oma damals das Maiensäss erbte und später zu einem Ferienchalet umbaute. Die Alp wurde im Verlaufe der Zeit ein Skiort und wir fuhren je länger je mehr nur noch im Winter zum Skifahren hoch.

Das Ritual, auf halber Höhe ihr Heimathaus zu begrüssen, aus der Gondel heraus, blieb. Meine Oma erzählte mir auf meine Bitten hin immer wieder Geschichten aus ihrer Kindheit. Am meisten liebte ich es, wenn sie mir von ihrem Papa erzählte. Elias. Er muss ein bemerkenswerter Mensch gewesen sein. Ein Walliser Bergbauer mit leuchtenden, lazulithblauen Augen, der immer heiterer Stimmung war, der warm liebend und hell lachend die Anforderungen seines Lebens meisterte. Ein tiefgläubiger Mensch, der sonntags Organist in zwei verschiedenen Kirchgemeinden war. Und nebenbei hat er geholfen, eine grosse, exotische Villa hoch oben auf der Alp zu bauen, an schönster Lage, die ein englischer Finanzberater der königlichen Familie sich wünschte. Zu Fuss und mit Eseln hat er, zusammen mit anderen Bergbauern, das Baumaterial hochgetragen. Wochen- und monatelang. Später hat er sogar Winston Churchill den Berg hochbegleitet.

Elias. Und seine Frau Elisa.





Elias uns Elisa, meine Urgrosseltern. Sie haben das Haus belebt mit ihren sechs Kindern. Mit dabei im oberen Stock war Elias' Bruder Robert mit seiner Familie. Und im untern Stock der Bruder Auxilius und dessen Familie. Ein lebendiges Familienhaus war es, reich an Kindern. Reich an Leben, reich an Arbeit.

Die Zeiten gingen vorbei und es kam immer mehr Ruhe in das Haus. In den vergangenen Jahren wurde es stiller und stiller, bis es fast ganz verstummte. 



Da entdeckte ich es im Internet, ausgeschrieben zum Verkauf. Es war Zu-Fall. Niemand aus meiner Familie wusste etwas über den Verkauf, planlos suchte ich unspezifisch im Internet nach Alphütten. Christian und ich hatten schon länger im Hinterkopf den Wunsch, eine Alphütte zu haben. Irgendwo, irgendwas. Und plötzlich tauchten im Netz die Fotos eines mir so lieb bekannten Hauses auf, das ich aber noch nie betreten habe. Ich schnappte nach Luft, mein Herz machte einen Sprung bis in den Hals. Ich grüsste still das Haus und hatte das Gefühl, es grüsse mich zurück. Kann es sein, dass dieses Haus schon immer mit mir in Verbindung war, dass es auf mich wartete, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist? Wie kitschig es auch klingen mag, es fühlte sich für mich so an. Das Schicksal des Hauses ist mit meinem verknüpft, mit Christian's und meinen Kindern...

Wir brauchten dennoch längere Zeit, mehrere schlafarme Nächte und Gespräche, bis wir uns definitiv zum Kauf entscheiden konnten. Fast zwei Jahre dauerte es, bis Christian und ich gemeinsam, beide unabhängig voneinander, aus voller Überzeugung zu unserem neuen Abenteuer ja sagen konnten. Vor 10 Tagen war der herbei ersehnte Moment da, wir unterschrieben beim Notar und somit kam das Heimathaus meiner Grossmutter wieder in unsere Familie. Die Familiengeschichte darf in diesen Wänden weiter gehen.











Das Haus, es soll ein Ferienhaus für uns werden, gibt uns im Moment viel Arbeit, denn es muss erstmals geräumt und ausgemistet werden. Es ist ein Dreifamilienhaus, je nach Stockwerk sieht es drinnen ganz anders aus. Von ganz alt und authentisch im ersten Stock, zum 70er Stil verbaut im zweiten und auch die achtziger Jahre im dritten Stock sind vertreten. Vorherige Besitzer haben teils ihren ganzen Ramsch uns überlassen. Bis zum Zahnbürstchen und zur Nagelschere. Wir mussten sogar den Kühlschrank erst von Essensresten reinigen und die gut gebrauchte, miefende Bettwäsche abziehen...

Wir haben auf gefundenen, sauber ausschauenden Matratzen und in Schlafsäcken die erste Zeit im Wohnzimmer campiert. Wir haben jedes einzelne Zimmer im Haus durch gesichtet und die schönen, alten Sachen behalten, doch in einer Woche haben zwei Mulden mit ungewolltem "Hausrat" gefüllt und das Ende ist noch nicht da... Es sieht aber schon ordentlicher und überschaubarer aus. Wir sind auch in der Planung der Renovation. Wir lassen uns nun Zeit, das Haus wieder im alten Kleid aber mit modernen, zeitgemässen Eingriffen hübsch und bewohnbar zu machen. Es soll nach uns riechen.


Wir werden nun an unserer Vision arbeiten, hier ein Auszeit-Familiennest zu bauen. Für uns, für unsere grössere Familie, für Freunde. Wir wünschen uns, hier einen Ferienort zu schaffen, der Raum gibt fürs Sein. Gemeinsam. Denn hier laufen die Uhren langsamer. Hier ist die Luft glasklar und das Wasser gletscherkühl und energetisierend. Die Wiese voller ätherischen Düfte und die Nacht legt sich sternenhell über die Berge. 

Herzliche Grüsse von Iren, die nun kurz wieder Zuhause ist, bis in einer Woche nochmals ein Bergwochenende geplant ist. Die Wiesen müssen fertig gemäht werden und die Heidelbeeren sind reif...



Kommentare:

  1. Mensch du, mir stockt der Atem beim Lesen. Ich habe Gänsehaut und Tränen in den Augen....Oh Gott, grösser könnte die Überraschung wohl kaum sein, auf die du uns vorbereitet hast. Und spannender hättest du es nicht schreiben können. Wäre sie erfunden, ich würde sagen, es sei kitschig, einem Haus eine solche glückliche Geschichte anzudichten. Ich wünsche euch sowas von.... Ach du, ich bin sprachlos. Es fühlt sich so gut, so wundervoll, so richtig, so ... schicksalshaft an. Möge das fröhliche lachen des Urgrossvaters durch euch weiterleben. Verräts du uns, in welchem Tal diese Geschichte spielt?
    Herzlichen Glückwunschgruss zu euch, ihr Glückspilze, Gabriela (die immer dachte, du seiest Deutsche..., warum eigentlich?)

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    1. Ich könnte mir vorstellen, wo es ist. Gehört die Villa. welche dein Urgrossvater hat bauen helfen, heute pro natura? Die schöne Aussicht würde passen, der Engländer auch, aber ich habe keine Ahnung, wie viele Engländer vor 100 Jahren Villen im Wallis gebaut haben! :)

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    2. Liebe Gabriela
      Du hast diese Geschichte genau so erspürt, wie sie mir bedeutet... Als ich die zwei Fotos meiner Urgrosseltern bei Räumen fand, vor ein paar Tagen, da hatte ich Gänsehaut und tränenumschleierte Augen und ich musste ein paar mal tief ein und aus atmen.
      Und ja, diese Villa oben gehört heute der Pro Natura... Unesco Welterbe die Landschaft rundherum... Meine seelische Heimat. Schon immer, seit ich ein Kleinkind bin. Habe früher geweint, wenn wir nach Hause fuhren. Wollte immer dort leben.
      Nun sind wir mit dem Haus nicht oben, auf der "Alp", aber auf halber Höhe, wenn du von der Mittelstation nach rechts schaust, von unten her kommend. Ein kleines, idyllisches, intaktes Bergdorf. Falls du damit etwas anfangen kannst. ;-)

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    3. Ja, ich habs gefunden! Auf einem Dorfbild im Netz kann man glaube ich euer Heimet sogar erkennen. Ein Teil meiner Kinder machen mit beim Juna (Jugendgruppe von pro natura) und hatten dort ganz oben schon Lager oder Kurse.
      Es ist so wunderschön, wenn jemand zu sich nach hause kommen darf. Ich freue mich darauf, hier vielleicht das Werden dieses Traumes miterleben zu dürfen. Braucht ihr denn jetzt überhaupt noch einen Campingbus?? ;)

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    4. und eines dieser (meiner) Juna-Kinder heisst Elias! :)

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    5. Elias war seid meiner Kindheit mein Lieblingsname für einen Jungen... Und wegen Deutsch-Sein, Christians Mutter ist aus Deutschland, vielleicht hast du da so eine Verknüpfung gemacht? Ich selbst bin so was wie ein "Heidi" ;-), ein Mix aus Walliseralpen, Engelbergerluft und etwas Mittelland.

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  2. Was für eine Geschichte, was für ein Zufall und was für ein Weg.
    Möge sich alles so entwickeln und in echt so entstehen, wie ihr es euch erträumt.
    EIne Hütte in den Alpen.
    Ihr habt schon ein großes Lebensglück.
    Und Mut!
    Herzlichst
    Oona

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    1. Liebe Oona
      Ja, es war wirklich ein Zu-fall... und der Weg war nicht einfach, holperig und mit Umwegen. Und es wird wohl auch in Zukunft, mit der Renovation, nicht nur rund laufen. Aber wir bleiben dran, Schritt für Schritt, unsere Vision möge uns stets genug Kraft und Mut geben.
      Die ersten Befürchtungen, dass wir von den Dorfbewohnern verhalten empfangen werden, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Sie waren weitgehend freundlich und offen und wir wurden gar mit Lebensmittel aus ihren Gärten und Hilfsangeboten beschenkt. Es kamen auch schon liebe Freunde und Familie spontan vorbei und packten mit an. Wir schätzen uns wirklich sehr glücklich. Möge die beschützende Hand meiner Grossmutter über uns bleiben...
      Herzlichst zurück, Iren

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  3. Was für eine wunderschöne Geschichte, wie in einem Roman! Das Haus scheint wirklich auf Euch gewartet zu haben..
    Liebe Grüße, Michaela

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    1. Ja, es fühlt sich irgendwie so an... es soll wieder Familiengeschichte darin geschrieben werden... Darauf freue ich mich!!

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  4. Mich macht das sprachlos und Gänsehaut hab ich auch ....
    Alles Glück der Erde wünsch ich Euch dort ....
    Es fällt mir echt nichts ein zu sagen, so verzaubert hat mich die Geschichte Deiner Vorfahren, des Hauses ....
    Elisabeth

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    1. Vielen, vielen Dank für dieses ganze Glück der Erde, das du uns wünscht! - Ich hoffe, dass wir dazu noch Glück von "oben" bekommen... ;-)) Und wir haben vor, später einmal, wenn wir mit dem Haus soweit sind, dort Kartoffeln anzupflanzen, so wie anno dazumal es die Familie meiner Oma gemacht hat. "Glück der Erde" - so könnte man diese wunderbare Knolle auch nennen, nicht?

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  5. Wow, das ist ja eine unglaubliche Geschichte. Aber nur Zufall kann das ja auch nicht mehr sein. So schön, dass das Haus nun wieder in eurer Familie ist, da wo es hingehört. Viel Freude am Ferienhaus und viel Energie um es herzurichten wünsche ich euch. Es würde mich freuen wenn wir wieder einmal einen Blick ins Häuschen werfen dürften, wie es sich verändert hat.

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    1. Vielen Dank! Wenn es euch interessiert, werde ich gerne einmal ein Up-date geben. War heute in der Ikea und habe Bettwäsche, Vorhänge und Lampenschirme gekauft... Und Trinkgläser für viele Gäste ;-))

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  6. Wow! Herzlichen Glückwunsch erst mal. Und das klingt echt sehr spannend - wie in einem Roman :-) Ja, hier geht die Familiengeschichte weiter...
    Ich wünsche Euch von Herzen viel Freude und natürlich auch Kraft und einen langen Atem. Mögen Eure Träume wahr und dieser Ort zu einer richtigen Familien-Oase werden.
    Und ich musste schmunzeln wegen den Namen - das ist doch auch richtig cool, wenn man sozusagen fast gleich heißt. Einfach zwei Buchstaben tauschen und fertig!

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    1. Danke, liebe Doro! Ja, die beide Namen haben mir auch schon als Kind gut gefallen. Auf unserem Maiensäss ist ein alter Giltsteinofen und da sind ihre Namen auch eingemeisselt: Elias und Elisa. Ich fand das immer wunderschön!

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  7. Ich habe diesen Post erst heute gelesen: Herzlichen Glückwunsch!
    Ich finde es wunderschön, wenn sich solche Kreise schließen.

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  8. Oh Iren, welch Zufall! Wie toll, dass das Haus auf diesem Wege wieder den Weg in eure Familie gefunden hat! Das ist wirklich eine Bilderbuchgeschichte. Nach langer Zeit habe ich es heute endlich mal wieder geschafft durch deinen Blog zu stöbern und entdeckte auf dem Bild des "Wohn"zimmers im neuen alten Haus einen verdächtigen orangenen Sack. Das wird doch nicht hier sein? Doch! Du erinnerst dich noch, dass ich dir damals den Link schickte, der euch nach Mainz führte? Und jetzt wohne ich schon 1,5 Jahre hier. Allerdings unten. Aber jetzt immer wieder ist man ja trotzdem irgendwo oben. Zum Wandern, zum Skifahren. Auf der einen oder anderen Alp. Ach wie schön, ich beglückwünsche Euch zum (Wieder)fund des tollen Hauses. Wirklich irre Geschichte! Geniesst es!!!

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