Mittwoch, 5. Juni 2013

Kinder machen Musik


Cosima spielte schon immer gerne Geige. Sie liebt ihr Instrument. Ich selbst habe immer wieder etwas gezweifelt und mich gefragt, ob ein Kind wirklich von klein an so genau wissen kann, dass sie Geige spielen will? Aber seit Cosima drei Jahre alt ist, will sie Geige spielen. Dies bis zum heutigen Tag. Nun denkt ihr sicher neidvoll, ich habe so ein Wunderkind, das von sich aus übt. Nein, habe ich nicht. Cosima spielt gerne Geige, doch üben, das macht sie genau so ungern wie jedes Kind. Üben ist anstrengend. Und da bin ich gefragt. Jeden Tag (idealerweise) muss ich Dranbleiben mit ihr, sie daran erinnern und sie begleiten. Ich als Mutter sehe mich in der Pflicht, meine Tochter "an die Hand" zu nehmen und sie erfahren zu lassen, dass man nur durch Übung gut werden kann. Wir haben zwischendurch immer wieder so Tiefs. Phasen, in denen ich kaum die Zeit oder Kraft finde, Cosima zum Üben zu motivieren. Das sind Phasen, in denen sie langsam vorwärts kommt. Da bin ich dann immer wieder froh, wenn die Suzuki-Schule, in der Cosima Unterricht bekommt, Aktivitäten pflegt, die uns wieder ankicken. Das sind manchmal die monatlichen Gruppenstunden mit anderen Kindern oder die öffentlichen Konzerte, die über das Jahr verteilt immer wieder stattfinden. Mit Abstand die beste Motivationsspritze ist aber der Geigenworkshop in der Innerschweiz, der jedes Jahr über Auffahrt statt findet. 

Dieses Jahr sind über 140 Kinder mit ihren Eltern aus der ganzen Schweiz zusammen gekommen und haben vier Tage lang in den Bergen musiziert. Täglich mehrere Stunden bekamen sie Unterricht von unterschiedlichen Lehrern, oft in einer anderen Sprache sprechend. Wenn man Musik macht, dann spielt dies keine Rolle. Dann "versteht" Cosima auch Französisch. So scheint es mir zumindest. Musik ist eine universelle Sprache des Herzens, die von jedem Baby bis hin zum Greis auf der ganzen Welt unmittelbar verstanden wird. 

Dank der Musik konnten 140 Kinder friedlich vier Tage in einem Hotel verbringen, bei strömendem Regen draußen. Aus allen Zimmer hörte man Geigenspiel, den ganzen Tag bis in den Abend hinein. Von ganz einfachen Kinderliedern bis hin zu wunderschönen Konzerten. Sie spielten, hörten einander zu, staunten, bewunderten und ahmten nach. - Ihr denkt jetzt, ich verkläre alles? Vielleicht ein bisschen. Denn sicher gab es auch zwischendurch mal Rivalitäten oder Unstimmigkeiten. Doch erstaunlich wenig. Es ging ehrlich gesagt an mir vorbei.

Cosima stand jeden Morgen früh auf, zog sich sofort an, legte ihre Stundenplankarte um den Hals, nahm ihre Geige in die Hand und ging runter, zum Frühstück. Ganz alleine. Ich war noch im Zimmer und machte mich, Thalia und Calista fertig, aber Cosima konnte nicht auf uns warten, sie war ungeduldig. Wann beginnt endlich das Play-in? Fragte sie mich jeden Morgen. Und abends erzählte sie mir mit leuchtenden Augen, dass sie nun das Stück von Beethoven ganz spielen könne. Oder dass sie sich umziehen müsse, weil sie im Gruppenraum noch ein kleines Konzert geben. Ein neu einstudiertes Stück Irischer Volksmusik. Cosima spielt mit vielen anderen Kindern im etwa gleichen Alter. 

Ich finde es immer wieder faszinierend zu erleben, was Musik bei den Kindern bewirkt. Diese Samen der Leidenschaft, der Gefühle und der Schönheit, die am Aufgehen sind. Wunderbar! Musik ist reine Seelennahrung. Und zu lernen, wie man diese Musik selber machen kann, wie man Teil werden kann einer höheren Harmonie, wie man zusammen in einem einzigen Klang aufgehen kann, das ist sehr kostbar!

Nach diesem Workshop ist Cosima immer total motiviert, hat neue Ziele und es kostet mich wenig Kraft, sie zum Üben zu animieren.

Und bald steht ein weiteres musikalisches Erlebnis vor der Tür: diesen Sonntag geben sie im Stadtcasino Basel ein Konzert, zusammen mit den Swing Kids. Sie haben im März bereits in der Tonhalle in Zürich gespielt und es war sehr beeindruckend, diese Kinder auf der Bühne gemeinsam spielen zu sehen. Die Swing Kids spielen alle Blasinstrumente und wie der Name sagt, im Jazzbereich. Ich wunderte mich also im Vorfeld, wie sie das mit unseren klassischen Geiger und Geigerinnen zusammen kriegen zu einem schönen Konzert. Es gelang ihnen aber sehr, sehr gut - ich war begeistert. 

Nun übt Cosima zu Hause in ihrem Zimmer für kommenden Sonntag. Und wer am Sonnabend um fünf Uhr nichts los hat und in der Nähe von Basel ist, dem kann ich nur ans Herz legen, unbedingt mit seinen Kindern zu kommen. Es ist ein einmaliges, spezielles Konzert von Kindern für Kinder und Erwachsene.



Zum Abschluss jedes Konzertes wird das Lied "Twinkle, Winkle Little Star" gespielt. Es ist das allererste Stück, womit jedes Kind bei der Suzuki-Schule zu spielen beginnt. Und mit diesem Stück holen sie jedes Kind auf die Bühne. Da dürfen alle mitspielen, bis auf die Kleinsten. Wie viele Emotionen stecken in diesem Lied! Die Kinder wie die Eltern sind da voller Erinnerungen... Aller Anfang ist schwer. Und mit diesem Stück begeben sich die Kinder und die Eltern auf die lange - manchmal beschwerliche, manchmal freudvolle - Reise des Geige-spielen-lernens.



Ja, es lohnt sich, sich zusammen mit den Kindern in Selbstdisziplin zu üben...

Mit singendem Herzen, eure iren.

Kommentare:

  1. Ihr seid eine so besondere Familie. Nein, ich denke nicht, dass Ihr ein Wunderkind habt, das nur noch die Geige im Kopf hat. Aber allein schon, dass sie dabeibleibt zeigt doch: Es ist das Richtige. Die Zeit im Hotel hört sich schön an. Ihr als Eltern ermöglicht Eurem Kind, dass sie solche Tage verbringen darf. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist toll, wenn Dein Herz mitsingt ....
    Deine Fotos sind wieder wunderschön passend.
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  2. Ich wünschte auch ich hätte ein Instrument zu spielen gelernt. Mich würde heute Klarinette oder Akkordion interessieren. Aber in meiner Wohnung darf ich keine Tiere halten und kein Musikinstrument spielen.

    Danke für Deinen Einblick in das Musizieren Deiner Tochter. Ich hoffe, dass sie sich weiter für das Spielen der Geige begeistern kann und das die Mama weiterhin an Motivationsimpulsen nicht nach läßt *lächel*

    Mein Neffe (11) spielt Schlagzeug und sein Bruder (16) ein Keyboard.
    Ich habe beschlossen im Herbstsemester an einem Singkurs teilzunehmen. Erst einmal nur bei der Volkshochschule, aber wenn es mir gefällt, dann finde ich in meiner Stadt bestimmt auch einen Chor, der mich mit meinen Fähigkeiten (die es auszutesten gilt) gebrauchen kann.

    Euch allen ein sonniges Wochenende!
    Oona

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  3. Ich habe mit 23 Jahren noch angefangen Cello zu spielen...ich habe zwar nicht viel Zeit zum üben, aber ich liebe den Unterricht!

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  4. Ich selbst habe vor 33 Jahren (mit 5 Jahren) mit der Suzuki-Methode Geige spielen gelernt. Auch meine Eltern waren nicht begeistert.... Aber nach kurzer Zeit haben sie ihre Meinung geändert - hat uns (meine Schwester begann 4 Jahre später mit gerade mal 3 Jahren und einer Sechszehntelgeige) das Geige spielen (lernen) genau mit dieser Methode doch soviel mehr als "nur" die Liebe zur Musik gebracht:
    Da ja (noch immer?) alles auswendig gespielt werden soll, schult das unheimlich das Gedächtnis. Ich spiele noch heute Stücke auswendig. Auch wenn ich die Geige nur noch selten in der Hand habe (die zeit....). Meine Schwester hat ein nahezu fotografisches Gedächtnis.
    Es schult das Gehör - so immens, dass mein Mann und mein Schwager über meine Schwester und mich heute noch sagen "ihr hört das Gras wachsen!"
    Auch wir hatten damals in einer sehr kleinen privaten Geigenschule Unterricht (mein Lehrer reiste sogar nach Japan und der "Erfinder" kenne zu lernen, heute hat mein Geigenlehrer eine eigene Musikschule in Neuseeland). Einmal die Woche Einzelunterricht (und das üben... das war nicht immer schön..... 8) )und alle 14 Tage Gruppenunterricht. Das war toll :). Und unterm Jahr Vorspiele, an Weihnachten in der Kirche. Ich erinnere mich gerne an die Zeit.

    Was ich mitgenommen habe von damals:
    meine Liebe zur Musik, ich kann noch heute Dinge gut auswendig lernen (mache inzwischen auch Guggenmusik (dort spiele ich Lyra, was ich mir als autoditakt selbst beigebracht habe, und gehöre zu den ersten, die Stücke auswendig spielen kann...)und Dinge gut merken. Ich habe nach wie vor ein sehr gutes Gehör und: Geige spielen ist wie Fahrradfahren: man verlernt es nicht. Ich sollte sie mal wieder hervorholen :)

    LG, eine bisher stille Mitleserin :)

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