Donnerstag, 13. Juni 2013

"Schreckliche Phase"


Mama, ich bin in einer schrecklichen Phase: Die Kinderschuhe gefallen mir nicht mehr, aber meine Füße sind noch zu klein für die Schuhe der Erwachsenen.

So beschrieb Cosima kürzlich während einem Mittagessen ihren, noch zarten, Wandel von einem Mädchen zu einer jungen Frau. Ich war ganz perplex über diese Worte. Es schien mir so treffend formuliert, eine Metapher, die es doch genau beschreibt. In den Kinderschuhen will sie nicht mehr gehen, sie passen nicht mehr zum neuen Weg, den sie nun beschreitet.

Es bewegt mich, ihre neue Entwicklung so nahe beobachten und miterleben zu dürfen. Und manchmal, da lachen wir gemeinsam über ihre Launen, die sie neuerdings hat, über ihren gereizten Ton, den sie mir gegenüber immer wieder mal anstimmt. Wir wissen beide und haben schon darüber gesprochen, dass es mit ihren Hormonen zu tun hat. Ich will aber noch Kind sein, hat sie verunsichert geantwortet, als ihr ihr das erste Mal erklärte, in welche Lebensphase sie nun kommt. Du wirst noch lange Kind sein, keine Angst, du wirst nicht sofort von heute auf morgen eine junge Frau, das braucht Zeit. Und ich strich ihr übers Haar und über ihre Wangen und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss.

Und heute kam sie von der Schule mit einem Zettel in der Hand zu mir und las mir ein Gedicht vor, das sie geschrieben hat. Es ist ihr erstes Gedicht. Ich weiss nicht, welches Thema sie in der Schule besprachen, ob sie ganz von sich aus zu diesem Inhalt kam oder sie schon ähnliche Gedichte gelesen haben. Es hat mich aber sehr berührt und ich darf es mit ihrer Bewilligung hier niederschreiben:

Herzschmerzbalsam

Ich dichte ein Lied
Nur für Dich
Du bist bestimmt
Nur für Dich
Ich sag ein Wort
Das meine ich ernst
Das Wort heisst Stern.
Du bist mein Stern
Und ich sag's das letzte Mal
Dass ich dich mag.

---

Wenn ihre neue Lebensphase, in die sie nun eindeutig und unwiderruflich eingetreten ist, auch solche Seiten mit sich bringt, dann freue ich mich umso mehr auf alles, was noch kommt. Oh ja, ich fühle mich wie an der Front. Ich bin zuvorderst dabei und kriege es in jeder Hinsicht hautnah mit (und ab), was Cosima bewegt und wie sie sich fühlt. Es wird nicht immer eine leichte Zeit für sie. Wir alle wissen, dass dieses Erwachsenwerden viele Fragen, Unsicherheiten und Krisen mit sich bringt. Und ich hoffe sehr, dass ich ihr dabei eine Stütze sein kann. Mal mehr, mal weniger. Ich wünsche mir, dass alleine meine Präsenz ihr Boden und Sicherheit gibt.


Neuerdings schläft Cosima mit leiser Musik ein. Das erinnert mich sehr an meine Jungendjahre... Cosima liebt Musik, sie kann mit Melodien in eine ganz andere Welt abtriften und in sich hinein sinken, auch tagsüber. Ihr Blick ist dann jeweils ganz entrückt und ich spüre, wie ihre Seele mitschwingt. So ist es für mich immer schön, mitzubekommen, welches gerade ihre Lieblingslieder sind. Auch wenn sie die Texte noch selten versteht, lässt mich die Stimmung des Liedes ein bisschen ahnen, welche Schwingungen ihre inneren zarten Saiten zum Klingen bringen. Es lässt mich manchmal Tiefen erspüren, die mir sonst verborgen blieben. 


Ich hoffe auch, dass ich immer offen und aufmerksam bleibe für diesen Zugang zu ihrem Inneren, auch wenn diese gebotene "Innenansicht" nur klitzeklein ist, eine Minifacette eines riesigen Kosmos.

Iren x.

Kommentare:

  1. Sitze hier in der Nacht und höre diese Musik. Kann den Text nicht gut verstehen, aber es reicht die Musik zu HÖREN. Denke an ein Mädchen in der Schweiz, welches auf dem spannenden Weg zu jungen Frau ist und die jetzt gerade eingemummelt in der Decke in ihrem Bett liegt. Kopfhörer bringen zarte Musik an ihr Ohr.

    Ja, der Übergang vom Mädchen zur Frau möge gelingen. Ich persönlich glaube, dass es Mütter (und Väter) einen großen Anteil daran haben, dass das eigene Leben später - ob als Mann oder Frau - erfüllt, gelebt, zufrieden und wie selbstverständlich ist.
    Mütter sind Vorbilder für die Töchter. Die jungen Frauen suchen sich hoffentlich ihren ganz eigenen Weg. Aber es ist gut zu wissen, auf wessen Ahninnenschultern sie stehen.

    Herzlichst
    gerade in dieser Nacht
    Oona

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    1. Liebe Oona
      Danke für deine Gedanken. Ich hoffe sehr, dass ich diesen Übergang mit Cosima gut schaffe und wir beide nicht daran verzweifeln. Habe da auch schon schwierige Geschichten im Bekanntenkreis miterlebt. Aber ich denke, einmal mehr: jeden Tag nehmen wie er kommt, authentisch bleiben und das Beste daraus machen.

      Sei herzlich gegrüsst in einen frischen Morgen hinein - das Wochenende naht...
      Iren

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  2. Liebe Iren,
    Cosima ist doch erst 8, oder? Hormonell kann man das noch nicht begründen, dafür ist sie noch zu jung. Allerdings ist das genau das Alter, wo die Kinder aus der "MamaweißallesundPapaisteinHeld"-Phase rauswachsen und oft vieles infrage stellen, auf Provokation und Konflikte aus sind, um neue Grenzen abzustecken und sich ein Stück weit von ihren Eltern zu lösen. Sie möchten immer mehr Privatsphäre, Selbstständigkeit. Bei alldem sind sie aber noch Kinder - es fordert also die Balance zwischen Abnabelung und Nähe.

    Meine Große hat das gerade hinter sich gelassen und ist jetzt mit 11,5 am Anfang der Pubertät. Hormonelle Veränderungen, körperliche Veränderungen, Schulwechsel. Eine harte Nuss und meistens ist das Leben momentan für sie, aber oft genug auch mit ihr, sehr anstrengend.

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    1. Hallo,
      Cosima ist 9, oder bald 9.5 und es sind schon verschiedene körperliche Veränderungen da die hormonell gesteuert sind. Zarte, feine, aber eindeutige. Es ist mir schon bewusst, dass die richtige Pubertät erst noch kommt, aber es hat bereits angefangen. Sie ist in verschiedendster Hinsicht nicht mehr das Kind, das sie noch vor kurzem war...
      Beste Grüsse
      Iren

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  3. Hallo,

    ich bin zufällig auf diesen Blog gestoßen und freue mich, ihn gefunden zu haben... Du schreibst sehr einfühlsam und liebevoll.
    Meine älteste Tochter wird bald 12 und ich kann deine Gedanken gut verstehen.

    Ich bleibe noch ein bisschen und lese hier weiter :)

    Herzlichste Grüße,
    Iris

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    1. Hallo Iris
      Es freut mich, dass du auf meinen Blog gefunden hast und die Lust verspürst, ein bisschen zu verweilen. Sei herzlich willkommen!
      Sei auch herzlich gegrüsst
      iren

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  4. Oh wie schön, Sarah Bettens' unverwechselbare Stimme hier zu hören. Auch ich bin "damals" oft zu dieser Stimme eingeschlafen...

    Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als mir bewusst wurde, dass mein auf-Bäume-Klettern wohl bald vorbei sein würde (denn welche Erwachsenen sitzen einfach so auf Bäumen rum?). Das war traurig und machte mich sehr ängstlich vor all dem "erwachsenen", was da auf mich zukam.

    Schön, dass du nicht von Pubertät/Baustelle/schwieriger Phase wie von einer Krankheit sprichst. Was wir so pauschal als "pubertierende Jugendliche" abtun, sind doch ganz individuelle, sensible Prozesse (wie die tiefe Erkenntnis mit den Schuhen), welchen wir ebenso individuell und sensibel begegnen sollten. (Überigens sind daran nicht nur die Hormone schuld, sondern auch diverse andere Reifeprozesse. Gerade die Eltern-Kind-Beziehung verändert sich, muss sich verändern, weil ja das Kind langsam erwachsen wird. Und als diese "neue" Person erkannt zu werden (wenn die Eltern in erster Linie "das Kind" sahen), muss man sich in dieser Lebensphase mehr oder weniger erkämpfen. Das ist dir ja eh klar, ich weiss. Insofern kann das ein wunderbar spannendes Wegstück mit Cosima, fernab aller Klischees, werden. Ich finde, es klingt sehr vielversprechend!

    Sei lieb gegrüsst
    m. (die mit ihrem Winzling-Kind gut reden kann, sich fürs erste jetzt aber einfach mitfreut!)

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  5. Schön beschreibst du diese zarte Veränderung, die ich so häufig beobachten kann in diesem Alter, wenn auch (noch) objektiv und nicht "direkt" betroffen...
    Das Gedicht hat mich auch sehr berührt, es ist spannend, was gerade im Moment alles geschieht...
    Ganz liebi grüäss, anja

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    1. Liebe Anja

      Cosima hat mir heute morgen erklärt, wie ihr das Thema in der Schule behandelt habt. Von der Gedichtapotheke und den Telefonanrufen, von Hilfesuchenden und den heilenden Gedichte zu verschiedenen Leiden. Jetzt verstehe ich auch den Titel, wieso es Herzschmerzbalsam heisst. Du machst das wunderbar und so toll mit den Kindern - ein grosses Kompliment!

      Sei herzlich gegrüsst
      iren

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  6. Ja, du hast so recht: warum sitzen wir Erwachsenen nicht mehr auf Bäumen? Thalia z.B. liebt Bäume sehr, sie klettert immer wieder hoch und bleibt oben. Richtet sich gemütlich ein und möchte dann Essen hoch gereicht bekommen. In Südfrankreich haben wir ein kleines Baumhaus. Das sitze ich manchmal gerne mit meinen Mädchen. So im Baum zu sitzen und durch die Blätter zu schauen ist wunderbar! - Ich träume von einem Baumhaus. Ein Baumhaus, wo ich drin schlafen kann. -

    Ich finde auch, dass die Pubertät eine sehr sensible Phase ist und sehr individuell. Gleichermassen störte ich mich am Wort "Trotzphase" und ich habe es kaum benutzt. Es hat irgendwie so was abwertendes im Wort, und es ist so negativ konotiert. Dabei ist es auch eine ganz wichtige Entwicklungsphase, der man mit Respekt begegnen soll.

    Sei mit deinem Winzling-Kind im Arm herzlich gegrüsst
    Iren

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