Donnerstag, 15. März 2012

nur wenige Worte

Schon die ganze Woche will ich über Cosima's Festchen am vergangenen Samstag schreiben und Fotos zeigen. Jeden Abend schlafe ich aber mit den Kindern ein... und erwache irgendwann zwischen zwölf und zwei Uhr nachts, in den Kleidern. Der BH kneift, die Uhr klebt unangenehm am Handgelenk und hat einen roten Abdruck hinterlassen und ich habe heiss. Christian ist die ganze Woche weg und es ist niemand da, der mich an der Stange hält, abends. Ich verabschiede mich vom Tag, bevor ich auch nur ein Stündchen für mich gehabt hätte.

Es ist jetzt kurz vor zwei Uhr nachts, ich sitze da in den Kleidern, habe aber bereits ein paar Stunden geschlafen. Im Bett von Cosima. Ich habe keine Kraft für den Post, den ich schreiben wollte, deshalb zeige ich einfach ein paar Bilder, die ich am Sonntag vor die Linse bekam. Ohne Worte.

Ich geh dann mal die Zähne putzen und leg mich nochmals hin. Gute Nacht! Iren x.







Donnerstag, 8. März 2012

Dabei bleiben

Jeden Morgen, bei Kaffee für mich und Porridge für Calista, schmiede ich Pläne für den Tag. Meistens läuft dann der Morgen so ab, dass nur die Hälfte davon umgesetzt wird.



Es gibt viele Gründe, vom Weg ab zu kommen: Ein Telefonat, zu lange am Computer, ein bisschen müde, ein Schwatz mit der Nachbarin, eine andere Idee...

Kürzlich nahm ich mir vor, beim türkischen Lädelchen Alima im Nachbarsquartier einkaufen zu gehen. Sie haben dort oft eine speziellere, mediterrane Gemüseauswahl, feines Fladenbrot und sonstige Leckereien. Ich packte Calista ins Auto und fuhr beschwingt los. Auf halbem Weg bemerkte ich, dass ich kein Geld mehr hatte und wo ich hin wollte, nehmen sie nur Bargeld. - Doof. Dann gehe ich halt dort einkaufen, wo ich mit dem Kärtchen bezahlen kann. Das war mein zweiter Blitzgedanke. Und der dritte war: "Bleiben Sie doch dabei!" Diesen Satz hat mir mein Uniprofessor gesagt, als ich vor vielen Jahren bei ihm im Büro stand und ich mich nach einem Erasmus-Programm erkundigte. Ich wollte mit dem Austauschprogramm ein Semester in Rom studieren. Aber in meinem Fach gab es nur ein Erasmusprogramm mit der Universität von Perugia. Ich war flexibel und spontan und dadurch versucht, dann halt in Perugia zu studieren. Der Professor, der mich eigentlich nicht kannte, schaute mich liebenswürdig durch seine Brillengläser an und sagte: Wenn Sie in Rom studieren wollen, dann bleiben Sie doch dabei. Organisieren Sie sich einen Austausch nach Rom. Dieser Satz sass. Ich nahm in mir zu Herzen und ermöglichte mir selbst ein Semester in Rom. Das Beste, was ich in meiner Studienzeit getan habe! Es wurde eine spannende, abenteuerliche, wunderbare, erfüllende und lernreiche Zeit. Es wurde "mein Rom".

"Dann bleiben Sie doch dabei!" Dieser Satz kommt mir seither immer wieder mal in den Sinn. Er begleitet mich sozusagen durchs Leben. Ja, man sollte bei seinen Ideen und Absichten bleiben und nicht all zu schnell davon weg kommen, aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit. Auch wenn es nur die kleinen Entscheidungen im Alltag sind. Ich will zum türkischen Laden und lasse mich wegen eines kleinen Umstandes schon wieder davon abbringen. "Besoffene Affen" im Kopf schwatzen mir vor, dass es doch einfacher und sinnvoller sei, in einen größeren Supermarkt zu gehen, wo ich mit Karte bezahlen kann. Dort gibt es gleich noch einen Geldautomaten und sowieso, weshalb soll ich mir den Alltag noch unnötig kompliziert machen? Ich kann ja auch ein ander mal dort einkaufen gehen. - Pah! Ich kenne inzwischen meine "besoffenen Affen" und falle nicht mehr so oft darauf herein. Dabei bleiben. Danke, Herr Professor! 

Ich bleibe bei meiner Entscheidung, fahre einen kleinen Umweg um noch Geld zu holen und gehe zu Alima einkaufen. Ich stehe mit Calista vor dem Laden zwischen den Gemüseauslagen herum, überlege mir wo ich nun zugreifen soll und bin ganz inspiriert von der köstlichen Auswahl. Da kommen lachend zwei ältere, italienischsprechende Herren daher, sie grüßen Calista fröhlich mit "ciao carina!" und halten mit prüfendem Kennerblick verschiedene Gemüse in die Luft. Der eine fängt zwischen den Früchtereihen an zu trällern und ich fühle mich gleich nach Rom versetzt... singende Italiener... Er unterbricht sein Liedchen, zeigt mir eine Bohnensorte und erklären mir, wie sie die essen. Mit viel grünem Gemüse in den Tüten und frischem Fladenbrot zwischen den Zähnen fahre ich fröhlich nach Hause. Es hat sich  gelohnt bei meiner Idee zu bleiben, auch wenn es nur ein kleiner, belangloser Tagesplan war. 

In den vergangenen Ferien machte ich nochmals diese Erfahrung. Calista hatte an einem Morgen Physiotherapie und die großen Schwestern durften mit kommen. Danach plante ich mit den Kindern kurz was essen zu gehen und dann gleich nach Bern zu fahren, ins Naturhistorische Museum. Ich wollte schon seit längerem dort hin, denn ich war erst einmal als kleines Mädchen dort und habe es sehr schön in Erinnerung.

Wir aßen auswärts zu Mittag, kamen in ein interessantes Gespräch mit den Tischnachbarn und es wurde bereits früher Nachmittag, als wir endlich ins Auto stiegen. Mein erster Gedanke beim Motoranlassen war: Lohnt es sich noch, um diese Zeit nach Bern zu fahren? Du bist müde, was für eine Schnapsidee war das wieder, nun mit allen drei Kindern noch eine längere Autofahrt zu unternehmen und folglich erst spät nach Hause zurück zu kommen?

Aber der zweite Gedanke konterte: Nein, ist mir alles egal, ich bleibe dabei! Wir haben Ferien, wir haben alle Zeit der Welt.

Ich muss eigentlich nicht weiter erzählen, oder? Klar hat es sich gelohnt, noch nach Bern zu fahren! Es war ein toller Ausflug und wir haben viele wunderbare Tiere gesehen. Allen voran und gleich beim Eingang den echten Barry


Kennt ihr Barry, den ersten, berühmten Hund, der vor über 200 Jahren auf dem Schweizer Bergpass "St. Bernhard" lebte und viele verschüttete Menschen aus dem Schnee rettete? 



Dieser Hund wurde aus Dankbarkeit für seine Heldentaten ausgestopft und zu einer Legende. Die Kinder lieben diese Geschichte und meine schauen sich gerne das Bilderbuch dazu an.


Ich selbst war vor allem auf das Walfisch-Skelett gespannt, das ich als Kind so imposant in Erinnerung hatte. Im alten Museumsgebäude war es an die Decke gehängt und hat mich mächtig beeindruckt. Es war immer noch groß, auf dem Foto unten seht ihr die Rippen, doch es war nicht mehr so atemberaubend wie damals. Es hing auch viel tiefer und ich zweifle, dass meine Mädchen auch so einen prägenden Eindruck davon kriegten. Ja,ja, die persönlichen Erfahrungen den eigenen Kinder weiter zu geben funktioniert einmal mehr nicht...

Wir haben noch viele andere Tiere geschaut, hübsch inszeniert...

Es gab auch viele Jöööhh's! und Ahhhh's! und Mami, komm schnell schauen! So süüß!








Eine große Überraschung wartete aber noch auf uns. Damit hatten wir nicht gerechnet: Die Planggenstock-Kristalle. Eine einzigartige, wunderbare Bergkristall-Sammlung, die seit einem Jahr dem Museum gehört. Atemberaubend, magisch und großartig!

Das Glanzstück der Ausstellung, über 300kg schwerer, riesiger Rosenquarz (wenn ich mich recht erinnere).


Diese Kristalle lassen mich wieder richtig Staunen und Erschaudern. So viel Schönheit, so viel Klarheit, so viele Farben, so viel Reichtum! Und dies alles in der dunklen Erde entstanden...





Im Kinoraum daneben sieht man einen eindrücklichen Dokumentarfilm über die beiden Strahler Franz von Arx und Paul von Känel, die über ein Jahrzehnt nach solchen Kristallen suchten und in ihrer Bergkluft voller Gottvertrauen arbeiteten. Zwei sehr bescheidene, liebenswerte Menschen, die es wirklich verdient haben, für ihre Arbeit belohnt zu werden und einen solchen Jahrhundert-Fund zu entdecken. 



Diese Planggenstock-Kristalle alleine sind es wert, nach Bern zu reisen. Das verspreche ich Euch!


Mit einem Butterbrot zum Z'vieri stiegen wir ins Auto und fuhren nicht nach Hause. 


Nein, wenn ich schon in Bern bin, dann mache ich noch einen kleinen Umweg und fahre zum Boesner. Kennt ihr den Boesner? Ein Supermarkt für Kreative. Gibt es in verschiedenen Ländern und ist ein Paradies an Malbedarf etc. 

Ich platzierte Calista und Thalia in die Kinderecke, wo Tisch, Papier und Stifte die Kinder zum Verweilen einladen, damit Mama einkaufen kann. Mit den Worten: Ruf mich, Thalia, wenn es Probleme gibt! begann ich mit Cosima meinen Durchgang durch den Laden. Alles blieb still, Thalia und Calista waren ganz ruhig. Bis eine Verkäuferin zu mir kam und entnervt mich bat, mal zu den Kindern schauen zu gehen. 

Oh nein, tut mir leid!!


Das ist typisch Calista! Man darf ihr eigentlich keinen Stift in die Hand geben, das hätte ich wissen können... Meine hilfsbereite Cosima holte rasch feuchte Tücher, doch es war Ölkreide und wir hatten keine Chance, es weg zu kriegen. Schuldbewusst ging ich zur Kasse. Wer also in Aarberg zum Boesner fährt und diesen künstlerischen Impuls noch sieht, weiß nun, wer das war.

Sie hat übrigens wie am Spiess gekräht, als ich ihr die Stifte aus der Hand nahm, und vor Wut mit dem Kopf auf den Boden geschlagen... Ich möchte Calista gerne mal einen leeren, weißen Raum zur Verfügung stellen, mit vielen Malstiften aller Art...

Während ich diese Zeilen schreibe, ist Calista in die Küche gegangen und auf den Tisch geklettert. Es ist ganz ruhig und ich weiss, dass es noch restliches Porridge auf dem Teller hat. Ich setze mir Scheuklappen auf und konzentriere mich auf die Tastatur vor mir. Alles hat seinen Preis, auch fünf ruhige Minütchen an einem stinknormalen Morgen.

Herzliche Grüße von iren, die nun aufputzen und Calista umziehen geht. xxx






Sonntag, 4. März 2012

acht

Vor acht Jahren, am 1. März, habe ich mein erstes Kind geboren. - Cosima hat mich zur Mutter gemacht. Es war ein völlig neues, unbeschreibliches Gefühl, nach Stunden des Schmerzes und Kämpfens, dieses feuchte Seelchen an meine Brust gelegt zu bekommen! Cosima Naima nannten wir sie, frei auf Deutsch "der sorgenfreie Kosmos".

Meine kleine Welt aber war nicht mehr sorgenfrei... Seit der ersten Minute von Cosima's Geburt an, seit acht Jahren, lebe ich mit dieser unterschwelligen, immensen Angst, mein Kind wieder zu verlieren. Etwas so Kleines, Zartes, Schutzbedürftiges in die Hände zu bekommen, gepaart mit dieser großen Verantwortung, war eine prägende Erfahrung. Mit der tiefen Freude und inniger Liebe geht die Angst einher, wie ein unausweichlicher Schatten, dieses Kindchen wieder zu verlieren. Heute ist Cosima ein großes Mädchen von acht Jahren, sie ist stark, gesund und fröhlich. Ich habe mich in meine Mutterrolle ein gelebt und die Angst ist schwächer geworden, aber sie schlummert wie einen schlafenden Hund in mir.


Cosima freute sich ungemein, Geburtstag zu haben. Sie kam am Vortag singend von der Schule nach Hause und fand abends schlecht in den Schlaf, so sehr hüpfte ihr Herz vor Freude. 

Ich buk am Vorabend Kuchen und Muffins. Cosima's Geburtstagskuchen, den wir jedes Jahr am Morgen essen, ist die torta margherita(In diesem "Rezept" mit Video mag ich den italienischen Akzent des Kochs so sehr, gepaart mit seinem Gesichtsausdruck, an Mister Bean erinnernd, der versucht, seriös zu sein...)
Die torta ist ein schlichter, einfacher Frühstückskuchen, den die Italiener gerne essen. Und es gibt im Internet unendlich viele verschiedene Rezepte dazu. Die Grundzutaten sind immer die gleichen, nur die Mengenverhältnisse variieren manchmal sehr stark. Darin sind sich die Italiener nicht einig und die torta margherita von "mamma" ist immer die Beste! Ich habe schon einige ausprobiert, backe aber auch gerne eine Fertigmischung von "Cameo", meine liebe Nachbarin schenkt mir immer wieder mal eine Packung, wenn sie in Italien einkaufen war. Ich benutze eigentlich keine Fertigmischungen, aber diese schon, die ist gut. Cosima will diesen Kuchen, garniert mit Smarties. 

Cosima ist acht geworden, herzliche Gratulation, mein Herzchen!

 

Ich kaufte für den Frühstückstisch Mohnblumen in verschiedenen Farben des Feuers. Wir staunten über deren zarte Schönheit. Über die grossen, feinen Blütenblätter, die sich langsam und noch ganz zerknittert entfalten und sich voll und ganz öffnen. Mit so viel Vertrauen und Offenheit seine ganze Schönheit zu zeigen ist einfach wunderbar!

Cosima bekam von uns ihre lang ersehnten Ballettstunden geschenkt und war sehr glücklich darüber.



Was braucht man als Mutter viel mehr als strahlende Kindergesichter?

Eine gelungene Geburtstagsvorstellung, der Vorhang möge sich schließen und - Applaus!

Und wie sah es hinter der Bühne aus? Wollt ihr es wissen?

Hinter der Bühne war Chaos. Calista wurde zwei Tage zuvor krank und ließ mich beide Nächte hintereinander kaum ein Auge zu drücken. Als zum Fieber noch einen Ausschlag über den ganzen Körper dazu kam, bat ich den Arzt um einen Termin. Scharlach. Calista mit ihrer Endokartitisprophylaxe muss rasch und sicher behandelt werden. Mit Rezept in der Hand suchte ich abends um sechs gehetzt drei verschiedene Apotheken auf, bis ich das benötigte Antibiotika bekam. Calista weinend vor Schmerzen, die Großen alleine zu Hause am Fernsehen (ich will dass sie fernsehen, wenn ich weg bin, damit nichts dooferes geschieht) und ich, die mit jeder Stunde mehr Halsschmerzen, Nackensteife und Kopfschmerzen bekam. Ich rief von unterwegs Christian an, der auch seit zwei Tagen Halsschmerzen und diesen Ausschlag hatte, er solle noch rasch zum Arzt und sich ein Antibiotika verschreiben lassen. Scharlach. Es war schon gegen sieben, als ich wieder zu Hause war. Die ganze Abendroutine schon total verspätet und ohne Hoffnung auf Christian's Hilfe, der gute 2h Wartezeit bei der "Permanence" hatte. Calista Antibiotika und Schmerzmittel, ich Kopfwehtablette, Kinder essen und ab ins Bett. Ich muss noch viel backen und verzieren! Bis gut nach Mitternacht steh ich in der Küche. Zur Müdigkeit addiert sich noch mehr davon dazu.

Frühmorgens eine quecksilbrige Cosima, die sich auf ihren Tag freut, auf Kuchen und Geschenke. Ich will sie nicht enttäuschen und gebe mein Bestes. Die kurze gemeinsame Zeit am Frühstück ist gelungen und Cosima maschiert mit Christian und 20 Cupcakes lachend zur Schule. Derweil will Thalia als Clown verkleidet und geschminkt werden, sie haben Fasching im Kindergarten. Zwischendurch will ich Calista den ekligen Sirup verabreichen, der aber aus der Schachtel rutscht und hart auf den Badezimmerboden prallt. Kreischen, überall Scherben und klebriger, dicklicher Saft. Die gehetzte Mühe des Vorabends, das Medikament aufzutreiben, zersplittert am Boden! Beule hat bei uns geschlafen und kommt sofort schnuppern. Nein, Beule, geh aus dem Badezimmer, weg! Türe zu, keine Zeit für diesen Schlamassel. Aus der süßen Thalia wird ein frecher Clown auf Rollschuhen, im Kindergarten wird sie kaum erkannt. Sie freut sich! Bevor ich zurück zur Apotheke fahr, um erneut Antibiotika für Calista zu holen, gehe ich noch schnell zum feinen jüdischen Bäcker und hole die vorbestellten 20 Brötchen ab. Für den Mittagstisch in der Schule wünscht sich Cosima Brötchen mit Schokoladenriegel zum Nachtisch.

Ich fahre zur Apotheke und bitte mit dunklen Ringen unter den Augen die Verkäuferin, mir doch auch ein Antibiotika zu geben. Mein Mann und Calista haben Scharlach und ich habe auch schon so ungemeine Hals- und Kopfschmerzen und bin total erschöpft. Sie schaut mir in den Rachen und meinte, ich solle zuerst zum Arzt. Zum Arzt - wann?! Es ist zu viel los heute, ich komme unmöglich dazu, ich habe keine Zeit für mich, ich muss funktionieren! Zudem wird meinen Vater am nächsten Tag 70 Jahre alt und macht ein großes Fest. Ich will unbedingt dabei sein können und niemanden anstecken, schon gar nicht mein Vater, der bereits ein geschwächtes Immunsystem hat. Deshalb muss ich spätestens um die Mittagszeit herum mit der Antibiotikaeinnahme beginnen, damit ich am Abend des Folgetags nicht mehr andere Menschen infizieren kann. Ich rufe Christian an und sage ihm, dass ich ihn am Mittag treffen will und er mir dringend das gleiche Antibiotika organisieren soll wie er bekommen hat, egal wie. Bitte! Zu hause will ich Calista ein Porridge kochen. Unvorsichtigerweise muss ich auch noch eine falsche Herdplatte aktiviert haben. Es roch plötzlich nach geschmolzenem Plastik und verbranntem Zeugs. Innert Sekunden eine heftige Rauchentwicklung. Die Brötchen! Ich habe sie im Sack auf den Herd gelegt... Alle feinen Brötchen waren dahin. Alle, weil sie eklig nach verbranntem Plastik rochen, komplett durchräuchert. Soll ich weinen? Schreien? Stampfen? Ich setze mich hin und versuche, durch zu atmen und zu entschleunigen. So darf der Tag nicht weiter gehen! Jetzt muss Ruhe hinein kommen. Schritt eins: Ich gebe Calista das Medikament. Schritt zwei: Ich putze den Badezimmerboden auf. Schritt drei: Ich hole neue Brötchen und mache "Schoggibrötli" daraus. Schritt vier: Ich mal meine Lippen an und setze eine Sonnenbrille auf. Schritt fünf: Ich hole Thalia vom Kindergarten ab. Schritt sechs: Ich bringe die Brötchen zum Mittagstisch. Schritt sieben: Ich treffe Christian in der Stadt. Schritt acht: Ich schlucke Antibiotika. Ich kann nicht mehr!

Mit diesem Plan und ein paar Atemzüge tief runter in den Bauch packte ich den Tag wieder. Thalia ging dann zu einer Freundin essen, Calista schlief im Wagen ein, Cosima bekam ihre Schoggibrötli und ich mein Antibiotika. Die Sonne schien, als ich die schlafende Calista wieder nach Hause schob und neben mir her trabte Beule, der überall sein Bein hob. Meine kleine Alltagsidylle war wieder hergestellt. War es falsch, ohne Abstrich und ärztlicher Verschreibung Christians Medikamente auch zu schlucken? - Es war die richtige Entscheidung, ich hatte auch Scharlach. Ein paar Stunden später ließen die heftigen Schmerzen nach und ich fühlte mich bereits etwas besser. Die Chemie machte zuverlässig ihren Job, Danke! Der Abend durfte kommen, mit Fajitas (Cosima's Geburtstagsessenswunsch) und Besuch vom lieben Paten. Und dann haben wir noch angestoßen, auf das Leben!

So sah es hinter der Bühne aus. Aber das bekam Cosima kaum mit, für sie war es ein schöner Geburtstag.


Und nun fiebert sie ihrem Kindergeburtstag am kommenden Samstag entgegen. Die Freundinnen sind eingeladen und haben zugesagt. Eine Schürze sollen sie alle mitbringen...


Wir sind intensiv am Vorbereiten und Basteln und freuen uns sehr!






Habt einen schönen Sonntag, bleibt gesund und fröhlich, auf bald wieder!

iren mit Antibiotika :-(


Montag, 27. Februar 2012

Wir spinnen

In Engelberg haben wir letzten Sonntag gesponnen. Thalia nannte es so: Mami, ich spinne, aber ich spinne nicht. Und lachte ganz verschmitzt und stolz über ihr Wortspiel, über ihren Witz.


Die Cousine meines Vaters (meine Tante zweiten Grades, oder?) hat auch eine Ferienwohnung bei uns in Engelberg und wir sehen sie immer wieder mal. Sie, Paula, hat mit ihrem Mann Werner zusammen viele Jahre lang im Ekkarthof die Woll- und Webstube geführt. Die beiden sind ein tolles Paar, das ich sehr bewundere.


Paula, eine Frau mit wachem Blick und fröhlichem Lachen, hat eine starke Hörschädigung, seit die Mutter während ihrer Schwangerschaft an Röteln erkrankt ist, zudem ist sie etwas spastisch. Sie wurde von ihrer Familie früher nicht respektvoll behandelt und man hat sie in ihrer Pubertät unterbinden lassen, weil sie, als "behinderte" Frau, sowieso nie einen Mann kriegen und eine Familie gründen würde. Als ihre Geschwister jeweils zum Tanz gingen, wurde sie nie mit genommen, mit den Worten, dass sie unattraktiv sei und niemand sie wolle. Dieses Aschenbrödel Paula hat dann aber einen ganz feinen, wunderbaren "Prinzen" kennen gelernt. Werner liebt seine Paula sehr und trägt sie auf Händen. Gerne hätten sie Kinder gekriegt...


Letzten Sonntag also ist Werner (Paula musste arbeiten) nach Engelberg gekommen und hat drei verschiedene Handspindeln und Wolle mitgebracht. Ein großes Spinnrad hatten sie bereits in der Ferienwohnung, welches überhaupt der Auslöser für unseren privaten, kleinen Spinn-Workshop war. Die Mädchen, Cosima und Thalia, wollten wissen,wie man damit spinnt.

 

Werner ist ein sehr geduldiger und interessierter Lehrer und die Kinder haben mehrere Stunden lang ganz versunken das alte Handwerk erlernt. 


Immer rechts herum, das war das erste, was sie lernten. Immer nach rechts drehen. Sowohl mit der Handspindel wie auch das Rad des Spinnrads. Und die Kinderfüsschen haben geübt, ohne Wolle, das Pedal regelmässig zu treten. Rauf und runter, regelmässig, nicht zu schnell, nicht zu langsam, schön im Fluss, immer rauf und runter...

 

Es braucht viel Fingerspitzengefühl und Rhythmus, bis die Wolle zu einem Faden wird. Und wie unterschiedlich diese handgesponnenen Wollfäden werden, je nach dem wer gerade am Drehen ist, fanden wir sehr spannend. Da fließt viel Persönlichkeit mit rein.


Später wurde der Faden von der Spindel wieder aufgerollt und wir dachten schon, das ist es jetzt. Der Faden ist gedreht, wir haben fertig gesponnen. Bravo!

 

Aber nein, da wird noch nicht gelobt! Wenn man die Wolle zum Stricken verwenden will, dann muss sie noch gezwirnt werden. Dabei rollt man zwei gleich große Wollknäuel auf, nimmt dann deren beide Enden zusammen, legt sie auf die Spindel und dreht, diesmal linksherum, diese beiden Fäden zusammen. Jetzt ist das Wollgarn fertig. Und das Resultat macht uns sehr stolz, wir haben einen echten Knäuel Wolle hergestellt! Es brauchte einige Stunden, geduldiges Üben und fleißiges drehen. Aber diesen Knäuel in den Händen zu halten war ein wunderbares Gefühl für die Kinder. Das haben sie selbst von Hand erschaffen. Jetzt gibt's Applaus: Bravo!


Wir diskutieren noch, was wir damit anstellen wollen. Soll Mama was Kleines für die Puppen stricken? Oder zuwarten, bis wir vielleicht später einmal mehr spinnen? Cosima möchte gerne noch farbige Wolle drehen.


Im Sommer, das haben wir mit Werner bereits abgemacht, machen wir wieder einen Woll-Workshop in Engelberg. Länger als nur für einen Tag, denn nächstes Mal möchten wir die Wolle zuerst noch selber färben...


Fastenzeit
Ich "faste" seit über zwanzig Jahren, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Aber alles fing mit einer Wette an. "Wetten, dass Du es nicht schaffst, mehrere Wochen ohne Süßigkeiten auszukommen!" "Wetten, dass ich es schaffe! Ich werde die ganze offizielle Fastenzeit nun keine Süßigkeiten essen." Top, die Wette gilt. Und mein Bruder hat verloren. 40 Tage lang habe ich auf Süßes verzichtet. Und entgegen allen Unkenrufen, dass ich dann an Ostern dafür doppelt so viel Schokolade in mich hinein stopfen werde, hatte ich nach wenigen Bissen vom Schokohase (ich glaube, ich habe gerade mal die Ohren weg geknabbert), bereits wieder genug vom Zucker. Ich machte am eigenen Leib die Erfahrung, dass Zucker eine Sucht ist: Je mehr man isst, umso mehr hat man Lust. Je weniger man isst, umso weniger verlangt es einen danach und man kriegt schneller genug davon.

Seither habe ich einmal im Jahr, im geregelten Rahmen, diesen Verzicht auf Süßigkeiten geleistet(ausgenommen während den Schwangerschaften...). Es tut mir gut, sowohl psychologisch, weil ich es schaffe, wie auch körperlich, weil der Zuckerkonsum wieder gebremst wird. Damit ich nicht in ein "Hypo" komme, erlaube ich mir Honig, Ahornsirup und getrocknete Früchte. Etwas menschlich muss ich mir diesen Verzicht schon gestalten, sonst leide ich zu sehr. Aber diese natürlichen Zucker sind der Gesundheit auch nicht so schädlich wie raffinierter Zucker. Und wie letztes Jahr, verzichten wir heuer auch auf Fleisch. 

Ich bin mit mir streng, aber für die Kinder gibt es kein Dogma. Die Regeln gelten nur bei uns zu hause, auswärts, wenn sie bei anderen Kindern essen oder spielen, dürfen sie es so handhaben wie sie es wollen.

Bewussten, freiwilligen Verzicht zu leisten finde ich sehr stimulierend. Man unterbricht sein Essmuster, beginnt nebenbei zu reflektieren und nach meinen Erfahrungen hört es nicht an Ostern auf, sondern es wirkt noch lange nach. 




Verzicht bedeutet auch Beschränkung, Vereinfachung. Das tut gut. Weil dann wieder andere Saiten in einen zum Klingen kommen. Zarte Melodien, die in einen Schlummern, die geduldig auf Gehör warten. Ich habe ein Buch wieder zur Hand genommen, dass ich schon vor längerer Zeit gelesen habe und das mich von neuem fasziniert: Marie des Brebis. (Den Buchtipp bekam ich von Michèlle, die mit viel Liebe seit Jahren ihr kreatives Leben in Form einer zauberhafte Internetseite mit uns teilt.) Das Buch beschreibt die Biographie einer Schafhirtin im Herzen Frankreichs. Ergreifend schön. Schlicht und wahrhaftig. Das Leben in Reinform. Sehr zum Denken anregend. - Wie kann ich mich wieder auf's Wesentliche konzentrieren? Was ist für mich Wesentlich? Das ist auch Fastenzeit.

Ich habe eine sehr feine, einfache Suppe entdeckt, die nun unsere "Fastensuppe" geworden ist. Wir lieben sie und werden sie noch einige Male essen, bis es Ostern wird. Und für alle, die sie auch mal probieren möchten (es lohnt sich :-)), hier das Rezept:

Orientalische Gelblinsensuppe
150g Gelbe Linsen (ich habe sie "beim Türken" gekauft)
1 halbe Zwiebel, gehackt
1 Knoblauchzehe, fein geschnitten
1/2 Teelöffel Kreuzkümel
1 Messerspitze gemahlener Koriander
1 Liter Gemüsebouillon (oder etwas mehr, je nach dem)
ca. 2 Suppenlöffel flachblättrige Petersilie, fein geschnitten
Saft von einer Limette (oder Zitrone)



Die gehackte Zwiebel in etwas Olivenöl andünsten, Knoblauch und die Gewürze dazu geben. Die Linsen abbrausen und auch in die Pfanne geben. Mit der Gemüseboullion ablöschen und ca. 20 Minuten köcheln lassen. Die Linsen müssen gut durch sein (wer mag, kann die Suppe auch pürieren).

In Suppenschalen anrichten, mit Petersilie bestreuen und Limettensaft dazu geben (soviel man gerne hat). Wir essen frisches Brot dazu, im Idealfall selbst gebackenes, noch warm aus dem Ofen. Und mit frischer Butter, die auf dem Brot schmilzt...



Mehr braucht es nicht. Wir sind glücklich! (Ausser Thalia, die beim Anblick der Suppe das Gesicht verzieht...)

Und nun habt einen ruhigen Wochenstart,

iren x.