Mittwoch, 7. Dezember 2011

Olivenernte


Heute habe ich frisches Brot mit unserem neuen Olivenöl zum Abendessen gehabt. Die beste Art, das feine Öl zu genießen! Und sich nochmals an die schöne Ernte zu erinnern.

Seit vielen Jahren war der November nicht mehr so warm. Wir haben uns auf alles gefasst gemacht, schließlich hat es letztes Jahr am ersten Tag der Olivenernte geschneit, aber es waren wunderbar milde Tage, die wir dieses Jahr in Südfrankreich erleben durften. Nur die Nächte im großen, ungeheizten Haus waren nicht sehr gemütlich, dafür authentisch.








Mein Vater ist Olivenbauer mit Herz und Seele. Er liebt jeden Baum, hegt jedes Pflänzchen und bringt es jeweils fast nicht übers Herz, die Bäume zu schneiden. Nachdem er auf seinem Grundstück ein paar alte Olivenbäume im Dickicht des Waldes entdeckt und frei gemacht hatte, erkannte er, dass es hier früher mal einen Olivenhain gegeben haben muss. Inspiriert davon ließ er vor zehn Jahren neue Olivenhaine anpflanzen, mit jungen Bäumchen. Damit hat er eine neue Berufung gefunden.
Zur Olivenernte hat sich ein kleines, familiäres Grüppchen zusammen gefunden. Zwei meiner Brüder waren da, ihre Frauen, Kinder, ein Freund, meine Eltern, mein Onkel, und wir. Drei Tage lang haben wir von morgens bis abends in den Olivenhainen geerntet. 



Die Kinder waren mehr oder weniger sich selbst überlassen. Doch genau das genossen sie sehr. Am ersten Tag haben sie noch mit viel Fleiß und Ausdauer mitgeholfen, sie freuten sich, mit uns zusammen zu sein und zu arbeiten. Das kommt heutzutage nur noch selten vor, dass die Kinder sich so gut und hilfreich in die Erwachsenenwelt einbringen können. Sie waren stolz. Später wurden sie müde und verzogen sich irgendwohin und spielten Mami-Papi-Kindchen.









Oliven zu pflücken ist eine sehr schöne Arbeit für mich, weil ich eine Handpflückerin bin. Ich arbeite nicht mit elektrischem Rechen, er ist schwer und laut - dies überlasse ich den Männern. Ich bin die, die am liebsten mit dem schwarzen Bauchkörbchen von Baum zu Baum geht und die Oliven von Hand erntet. So bekommt man einen direkten, persönlichen Kontakt zum Baum. Ich finde es spannend zu erleben, wie jeder Baum völlig anders ist. Andere Sorte, anders gewachsen, andere Früchte, andere Ausstrahlung. Es gibt Bäume, da fallen einen die Oliven direkt in die Hände, bei anderen muss man sie sich holen. Es ist eine ruhige, meditative Arbeit und wenn mehrere an einem Baum zusammen arbeiten ist es auch immer eine schöne Gelegenheit für Gott-und-die-Welt-Gespräche. 


Aber natürlich nicht nur schöne Gespräche - nein, nein - es wurde selbstverständlich auch belehrt und korrigiert, denn jeder will seine Erfahrungen einbringen, will zeigen, wie man es noch besser machen könnte. Ich schwieg meistens und lächelte vor mich hin. So ist es doch immer, wenn Familie zusammen kommt, nicht?


Mittagspause machte jeder wenn er hungrig wurde, direkt in der Küche. Niemand hatte Zeit zu kochen, gegessen wurde, was herum lag: Baguette, Käse, Salami. Und dazu nochmals einen Pulverkaffee. Im Haus war es kälter als draussen an der Sonne, darum blieben wir nicht gern lange sitzen. Die Arbeit wurde bald wieder aufgenommen. Mit schmerzendem Nacken und müden Händen. Doch weitere Bäume mussten abgeplückt werden, der Termin in der Mühle trieb uns zur Eile an.



Draußen im Kinderwagen schlief Calista jeweils lange und tief. Die frische, duftgeschwängerte Luft der Provence tat ihr gut. Sie träumte süss, wissend, dass sie eines Tages auch aktiv dabei sein wird. Eines Tages wird sie mit dem Handrechen die Oliven von den Ästen abstreifen.



Der zweite Erntetag fand Thalia schon langweiliger. Cosima half noch gerne mit, sie ist älter, doch Thalia sass müde herum und beklagte sich, dass niemand mit ihr spielen wollte. Einmal durfte sie kurz auf die Leiter, das weckte wieder ihre Lebensgeister, ansonsten hat sich Thalia von der Ernte verabschiedet. Sie hat ihren vollen Beitrag am ersten Tag geleistet und mehr wollte sie nicht.











Zwischendurch machten die Kinder einen Rückzug auf die Baumhütte und liessen sich per Korb an einem Seil das Mittagessen servieren. Wir haben derweil die Olivenbäume in der Nähe abgepflückt und genossen unsere zufriedenen Baumkinder.

Wir haben jeden Tag bis es eindunkelte gearbeitet. Bis wir die Oliven an den Ästen nicht mehr erkennen konnten und die Kälte durch die Muskeln auf die Knochen schlich.

Am dritten Tag, kurz nach Mittag, waren wir fertig. Die Oliven waren alle abgeerntet und bereit zum Pressen. 

"Unsere" Mühle im nächsten Dorf ist modern. Alles wird mit hightech Geräten maschinell verarbeitet. Die romantischen Überreste der alten Mühle sind in der Boutique nebenan ausgestellt. Diese Mühle hat aber schon einige Preise gewonnen und ihr hauseigenes Öl ist fantastisch. Wir haben es in "La Fromagerie", einen Delikatessenladen in Marylebone, angeboten gesehen. Olivenöl aus "unserer" Mühle im Herzen von London!






















Die Oliven werden draußen vor der Mühle zunächst entblättert und gewaschen. Drinnen, wo das Öl dann gepresst wird, ist der Zugang nicht erlaubt. Ich habe dennoch den Kopf kurz zur Tür rein gestreckt und einen tiefen Atemzug genommen. Dieser Duft! Süsslich und herb zugleich, ölig-schwer und warm. Ich hätte am liebsten ein Stücklein Baguette in die Luft gehalten, damit es sich vollsaugen konnte mit diesem Duft - ich spürte buchstäblich das frische Olivenöl auf der Zunge. 

Warten auf das frisch gepresste Olivenöl. Das dauert jeweils ca. eine Stunde, dann kann man das flüssige Gold in Kanistern abgefüllt abholen. Ein freudiger Moment!  

Im Dörfchen gingen wir danach auf direktem Weg zur einzigen Bar die es gibt. Bar du Centre. 


Während wir mit Pastis auf unser neues Olivenöl anstiessen, erklärte uns der Barbesitzer anschaulich, wie er sein Öl herstellt: Er legt sowas wie Fallschirmtücher unter den Bäumen aus, beschwert sie mit Steinen und sammelt jeden morgen die gefallenen Oliven ein. Füllt sie in einen Sack und lagert sie dunkel und kühl. So etwa alle 10 Tage fährt er in die Mühle und lässt die Oliven zu Öl pressen. Er schwört auf Kälte und meinte, dass das Öl nach Weihnachten das Beste sei.  

Von einem befreundeten Jäger liessen wir uns sagen, dass die Franzosen ganz verschiedene Philosophien haben, wie man das beste Öl gewinnt. Und natürlich auch ganz verschiedene Vorlieben. Die einen mögen's mild, die anderen fruchtig, oder eher herb. Klar ist, dass das eigene Öl immer das beste ist! Schliesslich steckt viel eigener Fleiss und Schweiss drin. Das ganze Jahr hindurch brauchen Olivenbäume viel Pflege und Liebe, die Ernte ist dann nur noch der krönende Abschluss eines intensiven Jahres. Und wenn man dann müde von der Ablese an der Bar steht, am Glas nippt und die Finger nach der Salznüsschen-Schale ausstreckt, dann ist man einfach nur glücklich.



Das neue Öl das erste Mal zu probieren gleicht einer heiligen Zeremonie. Dann setzen wir uns alle zusammen an den Tisch und mit Ehrfurcht tunken wir der Reihe nach frisches Baguette in die Schale mit Olivenöl und kosten es. Wir schauen uns dabei an und wie in einer Kochsendung kommt einstimmig ein ahh! und hmm! aus den vollen Mündern. Es schmeckt immer hervorragend, denn es gibt nichts besseres als frisch gepresstes Olivenöl. Es ist noch so fruchtig, prickelnd, lebendig und leicht scharf. Nach etwa drei Wochen ist es vorbei, der Geschmack hat sich dann nochmals etwas verändert, das Prickelnde, Lebendige ist weg. Dann bekommt es seinen Charakter: Entweder fruchtig, eher scharf oder mild. Jedes Jahr wieder anders.

Dieses Jahr wurde viel diskutiert, ob das Öl nun schärfer im Abgang ist als jenes vom letzten Jahr. Da gingen die Meinungen weit auseinander und es wurde immer wieder von neuem Brot getunkt, um den eigenen Eindruck nochmals bestärkt zu haben. Auch Vorwand, noch mehr zu kosten. Unser feines Öl, unser flüssiges Gold.



Mein Vater, der Olivenbauer. Mit Leib und Seele. Der es kaum übers Herz bringt, im Frühling die Bäume richtig zu schneiden.

Wir sahen kürzlich eine Reportage über die verschwindenden Olivenhaine in der Toscana. Anscheinend können die traditionellen Bauern in der hügeligen Landschaft mit den Preisen von Flachlandbauern nicht mehr mithalten. Handlese mit vielen Pflückern gegen maschinelle Ernte. Die moderne Technik verdrängt ein Stücklein Kultur. Idealismus und Kreativität ist da nun gefragt.


Ich schreibe Euch meine letzen Worte für heute und lecke dabei meine Lippen ab, die immer noch samtig weich nach unserem Olivenöl schmecken...
X, iren.


Kommentare:

  1. Oh, das klingt wunderbar... ich lebe diese Tage grad ein wenig mit, dank deiner Worte und Bilder! :)

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  2. Liebe iren!
    Hier bei euch ist es wunderschön, so heimelig und warm.
    Ich mag Deine Worte und Bilder :-)

    Danke für Deine Worte bei mir, ich empfinde ganz ähnlich wie Du.
    Mein Sohn verändert mich, nichts muss ihn verändern.
    Und dafür bin ich sehr dankbar, es macht mich sehr neugierig auf unser Leben.
    Hab eine schöne Zeit!
    Barbara

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  3. Eine bunte Seite; sie hat mir den dunklen Morgen erhellt und versüsst.
    Von dem Duft der Provence träume ich schon lange, obwohl ich noch nie dort war ...
    Licht und Liebe
    Claudia

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  4. Was für ein schöner post!..die Bilder, so stimmungsvoll und vieles kommt mir so bekannt vor..nur um einen Kontinent versetzt, in Marokko;) Dort lebt mein Schwiegervater, erntet noch in seinem Ruhestand Oliven..ich liebe dieses Olivenöl! Wir kosten es auch immer mit Brot aus einem Schüsselchen!;) und deine Worte sind so wahr und stimmen einen nachdenklich..alles muss den großen Maschinen und der Massenprodukton weichen, das ist traurig und ich wünsche mir dass es noch viele Menschnen gibt/geben wird die dem entgegenwirken/-schreiten.
    JenMuna

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  5. du schreibst wunderschön ... das war grad eine herrliche reise für mich ... hach, provence, olivenöl ...
    hab dank für deine lieben worte zu meinem blog, über die ich mich seeeehr gefreut habe ;-)
    ich wünsche dir und deinen lieben wunderschöne festtage!!! bis bald ...
    amy

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  6. wie wunderschön - die bilder und der text.
    auch wir tunken täglich unser brot in gutes olivenöl, in marokkanisches. danke dass du den herstellungsprozess so schön beschreibst, so ästhetisch. toll, dass ihr das noch so authentisch macht!

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