Montag, 26. November 2012

tapferer als ein Mann

Wir haben uns gestern auf ein gemütliches Pyjama-Sonntag-Morgen-Programm eingestellt, da fiel Thalia kopfüber die Treppe runter. Sie hat sich eine Decke über den Kopf gelegt und wollte uns irgendwie damit überraschen, doch auf halber Strecke verlor sie das Gleichgewicht, suchte mit der Hand tastend nach Halt, fand keinen und stürzte haltlos und schonungslos mit der Stirn auf eine Stufenkante. Sie schrie grell und wir waren alle sofort zur Stelle und sahen, wie das Blut ihr über das Gesicht und auf die Kleider lief. Schnell, zieh dich an Christian und fahr mit ihr ins Spital, das braucht mehr als nur ein Pflaster! Ich wusch Thalia das Gesicht und die Stirn und sah, dass es ein richtig tiefes, breites Loch im Kopf war. Ich hielt ihr eine Gaze auf die Wunde, um das Bluten ein bisschen unter Kontrolle zu kriegen. Sie schluchzte, drückte sich an mich und flehte mich an, auch mit ihr ins Spital zu fahren. Innert Minuten haben wir unseren gemütlichen Pyjamalook in Jeans und Jacken umgetauscht und mit noch ungekämmten Haaren und einem Kaugummi im Mund uns ins Auto gesetzt. Wenigstens haben wir bereits gefrühstückt.

Thalia war im Auto immer noch aufgelöst, denn Cosima erzählte ihr aus Erfahrung, wie es ist, wenn man genäht wird. Diese Vorstellung fand sie schrecklich. Ich erklärte ihr, dass es nur noch stärker blute, wenn sie so einen roten Kopf vom Weinen kriege. Besser sie beruhige sich. Zudem gehöre das in ein Mädchenleben: Einmal ein Loch im Kopf. Ich musste als Kind mehrere Male genäht werden. Als Christian vor der Notfallpforte des Spitals anhielt und uns aussteigen liess, da war sie schon wieder etwas gefasst. Schüchtern nahm sie meine Hand, drückte sich an mich und folgte mir durch die Tür. Thalia ist eine Krebsgeborene und das zeigt sich immer wieder. Sie kann oft scheu wie ein Reh sein, sehr sensibel und macht lieber Seitwärtsschritte als mutig voran zu gehen. Lieber das Synchronschwimmen, das ihr Spass macht, aufhören aus Angst, sie könne mit den anderen grossen Mädchen nicht mithalten. Dabei machte sie es super... Aber in ihr steckt auch der Aszendent Löwe. Und so kommt es, dass aus dem kleinen, hochsensiblen Schalentierchen plötzlich ein grosser, starker Löwe heraus quillen kann. Er entschlüpft dann aus dem kleinen Wasserwesen, streckt sie empor zu seiner vollen Grösse, schüttelt seine Mähne und brüllt mutig und laut in die Welt: Ich bin's!!

Diese Metamorphose geschah mit Thalia während wir sie auf der Notfallstation anmeldeten und im Wartezimmer sassen. 

Sie gewann zunehmend an Selbstvertrauen und Mut und zum Zeitpunkt, als der Arzt herein trat und sie untersuchte, da lachte sie, machte Witze und reagierte völlig gelassen auf die Aussicht, demnächst eine Spritze zu kriegen und mit zwei Stichen genäht zu werden.

Sie legte sich hin, grinste, stellte sie vor, sie läge am Strand an der Sonne, machte Sprüche und drückte ein bisschen meine Hand, als der Arzt die zwei Stiche durch ihre Haut machte. In fünf Minuten war alles erledigt gewesen. Der junge Arzt guckte sich Thalia an uns sagte: Also so was habe ich noch selten erlebt - du bist tapferer als viele Männer!

Das liess Thalia's Löwenherz natürlich anschwellen und sie lachte stolz. Mama, ich bin tapferer als ein Mann! Ja, schau mal, ein Mann ist so tapfer: Und ich hielt die Hand in die Luft, etwa auf Mannshöhe. Dann stellte ich mich auf die Zehenspitze und hielt die Hand noch höher als ein Mann: Und du bist so tapfer!

So hat sich Thalia's Pechmoment zu einem Glücksmoment gewendet. Sie hat am Sonntagmorgen ihre Tapferkeit entdeckt. Das sollst du nun nicht mehr vergessen, wie mutig und tapfer du bist. Dein Herz ist stärker als du denkst! - Ja, Mama, jetzt weiss ich es.

Der Löwe war nun geweckt und Thalia hing den Rest des Tages nicht erschöpft in den Seilen, sondern schwang sich abenteuerlustig an den Seilen herum. Wir mussten sie immer wieder bremsen und zur Vorsicht mahnen. 


Das Pflaster durfte sie am Abend bereits wieder entfernen und heute morgen lief sie stolz mit ihren Fäden in der Stirn zum Kindergarten. Sie freute sich, von ihrem Sonntagmorgenabenteuer erzählen zu können.

Möge die Woche nun weniger aufregend verlaufen.
x, iren.

Kommentare:

  1. Wirklich alle Achtung, da darf man mit Recht stolz sein.

    Viele Grüße von jemandem, der nur beim Anblick einer Spritze schon ganz klein wird :-)
    Caroline

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  2. Komischerweise kann ich gar keinen Text finden/lesen und tapferer als ein Mann.
    Liegt es an meiner Einstellung vom PC oder deiner?

    UND
    Antwort auf Deine Email folgt die Tage! Habe es nicht vergessen.
    Grüße in die Schweiz

    Oona

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  3. Hmm, ich sehe es bei mir und kriegte schon einen Kommentar von Caroline, die den Text gelesen hat.
    Komisch, weiss jetzt gerade nicht, wie ich dir weiter helfen kann?
    Ich schaue bei mir nochmals genauer nach.

    Liebe Grüsse
    iren

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    1. Vielleicht liegt das daran, dass es auf dem momentanen PC nicht zu sehen ist und zu Hause besser.
      Mach Dir keine Arbeit!!!
      LG
      OOna

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  4. So tapfer, wirklich! Schön, wenn aus so einem Schreckensereignis ein Glücksmoment wird - so wertvoll! Ganz liebi grüäss, anja

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  5. Oh ja, ich wünsche Euch auch eine weniger aufregende Woche.
    Sie hat das so toll gemacht, so tapfer. Aber ohne die Mama wäre das nicht so gekommen, da bin ich mir auch sicher.
    liebe Grüsse und gute Besserung
    Elisabeth, die sich immerwieder wundert was Kinderköpfe alles aushalten!

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    1. Ja, Kinderköpfe! Ich denke das oft bei Calista....
      Es stimmt schon, hätten wir hysterisch reagiert, dann wäre Thalia ziemlich verunsichert gewesen und es hätte ihr nicht viel geholfen, tapfer zu sein. Aber ich war ehrlich gesagt anfangs schon auch geschockt, als es nur so blutete und war sehr froh, Christian noch im Haus zu haben. Gemeinsam fanden wir schnell wieder zur Ruhe.
      Liebe Grüsse
      iren

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  6. Oh jeh...was ein Schreck in den Morgenstunden...aber wer hat so etwas n ichthinter sich gebracht mit kindern...tsss... :)!
    Gute Besserung der tapferen kleinen Löwin!
    HG
    Birgit

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    1. Ich bin ja froh, habe ich keine Jungs, resp. so einer wie mein Bruder war, oder Christian als Bub... das waren ganz andere Unfallkandidaten!
      Thalia ist schon wieder sehr munter und ihre Wunde ist gut am Verheilen, danke!
      Iren

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  7. Alles Liebe von einem Krebs zum anderen! Du hast deine Thalia wunderbar beschrieben...so sind wir :-)Gute Besserung der tapferen Maus! LG Anja

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    1. Die Krebslein, jaja, mein Exemplar habe ich schon recht gut kennen gelernt. Wobei der Löwe auch nicht zu unterschätzen ist...

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  8. Wie wunderwunderbar! Ach, mir geht das Herz auf.
    Möge die Löwin ins Leben voranschreiten und mamchmal mit lachendem Gebrüll!!!

    Herzlichst
    Oona
    die am heimischen PC alles lesen und sehen kann

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    1. Lachendes Gebrüll - diesen Ausdruck muss ich mir merken! Danke dafür :-))
      Iren

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  9. Was für eine aufregende Geschichte! Und so schön, zu wissen, dass sie im entscheidenden Moment über sich hinaus gewachsen ist. Habe auch ein Löwen-Aszendent-Kind, das kommt mir recht bekannt vor...
    Alles Liebe, Katharina

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    1. Danke dem Löwen in ihr schafft sie dieses Über-sich-hinaus-wachsen. Ich kenne mich ja wirklich nicht gut aus in den Sternzeichen, doch die Tierchen Krebs-Löwe passen einfach zu gut zu Thalia. Ich verstehe meine Tochter mit dieser Metapher viel schneller und besser.

      Liebe Grüsse,
      iren

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