Samstag, 10. November 2012

Ein Fotoabend mit uns - 4. und letzter Teil

Calista geht es wieder besser. Noch nicht richtig gut, sie ist sichtlich geschwächt, hat merklich abgenommen und noch nicht ihren vollen Appetit zurück erlangt. Doch wir sind froh, dass das Schlimmste überstanden ist und es wieder bergauf geht. Soviel live aus unserer Stube...
Ich möchte nun endlich noch den letzten Teil unserer Sommerferien erzählen, bevor die Weihnachtstimmung aufkommt... Mögt ihr noch von unseren Sommer-VWBus-Feiern lesen, ja? Sonst einfach den nächsten Post abwarten.

Der alte VW Bus hat uns, zusammen mit Christian am Steuer, heil und sicher bis nach London gebracht. Die beiden haben sich in den Ferien gut eingespielt und schätzen gelernt. Christian ist ein Autoflüsterer. Ich staune immer wieder, wie er während des Fahrens genau hinhört und sofort merkt, wenn der Klang des Motors sich verändert hat oder sonst was nicht mehr so ist, wie es sein sollte. Sein sicheres Gespür hat uns schon manche Pannen erspart. 

Wir sind also aus dem Süden kommend an Paris vorbei gefahren, haben auf einer Raststätte übernachtet und sind am Mittwochmittag in Calais angekommen.


Fahrendes Frühstück mit warmer Schokolade für Thalia. Raststättenromantik... 
In Calais die Fähre zu nehmen ließ uralte Erinnerungen in mir aufkommen. Vor 37 Jahren war ich das letzte Mal dort, als kleines Mädchen von drei Jahren, das mit seinen Eltern auf dem Weg nach London war.

Dieser Blick gehört zu meinen frühsten und allerersten Erinnerungen, die ich von meinem Leben habe:

Ich saß damals meinem Vater auf der Schulter, meine Hände griffen in seine Haare und er hielt meine Füße. Dabei lehnte er sich über die Brüstung, um mit mir ins schäumende Wasser zu schauen.


Große Angst hatte ich, damals. Diese schwindelerregende Höhe, das wilde Wasser und die vorgebeugte Haltung meines Vaters ließen mich schaudern. Was ist, wenn mein Vater mich nicht mehr halten kann? - So beginnt mein erinnertes Leben.


Durch den Dunst erspähten wir die weißen Kalkfelsen der südenglischen Küste. Wir kommen! 

Während wir diesen Sommer mit dem Bus "nur" an die Olympiade wollten, fuhr ich damals mit meinen Eltern mit Hab und Gut nach London, um ein neues Zuhause zu finden.

Das erste, was wir diesen Sommer in London machen wollten, war über die Tower Bridge fahren und dabei das große Symbol der Olympiade begrüßen. Fahrend aus unserem Bus haben wir das "Beweisfoto" geschossen: 

Yes, we did it!!


Das zweite, was wir in London taten, war ein Soft Ice von einem fahrenden, bunten Verkaufswagen naschen. Diese Ice-cream-Verkäufer fahren seit Jahrenzehnten durch die Straßen und Quartiere Londons und künden ihre Präsenz stets mit einem "Ding-dang-dong"-Glockenklang an. Auch das sind Kindheitserinnerungen... Süße...

 Weiteres "Sightseeing" aus dem fahrenden Bus...

Aber eigentlich waren wir unterwegs zu Holger. Holger, ein guter Studienfreund von Christian hat uns eingeladen, bei ihm zu wohnen, während den drei Tagen die wir in London verbrachten. Er wohnt mit seiner Frau und ihrem Babyjungen in einer wunderschönen, kleinen Wohnung im Herzen der City. Wir waren aber nur kurz in ihrer Wohnung, um zu merken, dass es sehr unpassend war, mit unseren drei Mädchen bei ihnen aufzukreuzen. Auch wenn sie auf unseren Besuch insistierten, so wollten wir keine Freundschaft riskieren ;-). Nach einem gemeinsamen Abendessen in einem hippen Burger-Restaurant gleich ums Eck, begaben wir uns auf Hotelsuche.

Christian und ich haben sechs, resp. drei Jahre  gemeinsam in London gelebt und wir wussten genau, in welche Gegend wir fahren mussten, um ein passendes Hotel zu finden: Es musste zentral gelegen sein, günstig und einen Parkplatz für unseren Bus zur Verfügung stellen. - Da, geh' hier mal nachfragen, das sieht gut aus! Das erste Hotel war einen Volltreffer, wir fanden direkt hinter dem Hyde Park, bei Sussex Gardens, ein Hotel mit Parkplatz vor dem Haus und einem Familienzimmer für uns alle zusammen. Für total 120 Pfund pro Tag, reichhaltiges Frühstück inbegriffen. Wir freuten uns sehr über unser Glück!

Einzig die Suche nach freien Tickets, um live einen Wettkampf an der Olympiade erleben zu können, zeigte sich schwierig. Es war fast unmöglich. Online-Tickets, die immer wieder mal frei gegeben wurden, waren jeweils innert Sekunden ausverkauft, an den offiziellen Verkaufsstellen sind die Menschen zu hunderten angestanden und wir hatten einfach keine Lust, uns dort einzureihen. Zudem waren die Preise inzwischen recht hoch. Da fragte uns am nächsten Morgen die Receptionistin im Hotel, ob wir nicht Tickets für die Olympiade suchten? Eine Brasilianerin, die auch Hotelgast war, wollte einige zu fairen Preisen verkaufen!  Wir konnten soviel Glück kaum fassen, was für ein gelungenes Abenteuer unsere Reise nach London wurde!

Wir entschieden uns fürs Halbfinal der Männer im Volleyball. Aber nur Christian und Cosima gingen das Spiel schauen. Mit Calista passte es nicht und auch Thalia hätte sich nach zehn Minuten gelangweilt.

In dieser Zeit konnte ich in meine Lieblingsläden einkaufen gehen. In meiner Lieblingsmetzgerei "The Ginger Pig" ein Mittagessen holen und mit Thalia und Calista auf den Lieblingsspielplatz gehen - wo ich mit Baby-Cosima viel war - und sie dort herum turnen lassen. Am Abend trafen wir uns wieder im Hyde Park fürs Public Viewing. Wir wollten am großen Bildschirm Leichtathletik schauen.








Wer wird hier wohl so charmant angelacht? - Natürlich, Calista...

Am nächsten Tag haben wir uns mit Holger im Park verabredet. Ein Abschiedspicknick.




 Es war Zeit, den Heimweg anzutreten.


In dieser kurzen Zeit haben wir eine Stadt erlebt, die super vorbereitet und organisiert war für die grossen Spiele. Wir haben Menschen allen Alters und Rassen friedlich zusammen feiern sehen. Wir sind vielen hilfsbereiten und freundlichen Menschen begegnet und haben mit einem Wermutstropfen Nostalgie wieder süße Erinnerungen aufkommen lassen.



Wir, Christina, Cosima und ich haben diese Stadt lieben gelernt, denn hier haben wir unsere Familie gegründet. Cosima war zwei Jahre alt, als wir sie verließen. Diese Stadt hat zarte Fußabdrücke auf ihrer Seele hinterlassen und ihr die ersten Lebenserinnerungen gegeben. Das spürt sie. Sie will nie nach Hause, wenn wir in London sind. Sie ist dort glücklich und weint, wenn sie sich verabschieden muss. Ich will in London leben! verkündete sie im Bus, während wir aus der Stadt hinaus fuhren.



Nein! Sicher nicht! Ich will nach Haaausee! Meldete sich Thalias Stimme laut. Beide hielten sie ihre Kuscheltierchen fest, um ihr Herz wieder in Einklang bringen zu können.

Während wir uns in Dover auf die Fähre einschifften und auf die rauhe, verheissungsvolle Landschaft um uns herum schauten, entscheiden wir, dass wir nächsten Sommer die Südküste Englands mit dem VW Bus bereisen werden. Egal wie das Wetter mitspielen wird, wir kommen zurück.



Wir haben drei Wochen lang uns dem Rhythmus unserer Herzen und den Wellen unserer Sehnsüchte ergeben. Wir sind ohne festen Plan abgefahren, offen für Abenteuer und Unvorhergesehenes. Wir haben spontan die Entscheidungen getroffen und uns dabei auf unser Gefühl verlassen. Es hat funktioniert, weil die Kinder sich mit uns sicher fühlten, denn wir stritten uns nie über den weiteren Verlauf der Reise. Es hat funktioniert, weil wir beide, Christian und ich, den selben Reisemodus gefunden haben. Das haben wir neu aneinander entdeckt. Wir sind Vagabunden.

Und was kann ich Euch sonst noch sagen? Das Fazit unseres Abenteuers? Wer nichts wagt, der gewinnt nichts...

Kisses, iren

Zum Nachlesen: 1. Teil, 2. Teil und 3. Teil unserer Reise.

Kommentare:

  1. erst mal schön zu lesen dass es bergauf geht, weiterhin gute Besserung! und jaa...die Südküste Englands ist soo schön!wir sind bereits einmal die komplette Südküste entlang gefahren, mit Zelt und Auto und es war einfach nur toll!
    ein schöner (letzter) Bericht! habe gern mitgelesen (und bei deinen Erzählungen schon fast ein bisschen miterlebt!;))lg, sarah

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    1. Oh, ihr habt das schon gemacht - ich freue mich ja soo! Vielleicht kannst du mir dann ja noch Tipps geben?
      Lieber Gruss
      iren

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  2. Danke für das schöne Foto-Reisetagebuch. Freue mich in dem Fall schon auf den nächsten Sommer ;-)

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  3. Danke für den letzten Teil der Sommerreise. Was für ein Bildergeschenk.
    So inspirierend.
    Wo ihr schon gelebt habt und herumgekommen seit, dass beeindruckt mich.

    Das ihr diese doch eher reisefreudige Tour zusammen mit euren Kindern gemacht habt und in einem Bus!! Die Kinder bekommen soviel mit von der Welt.

    Wer weiß wo eure Kinder eines Tages überall so leben??

    Weiterhin gute Besserung für die Kleine.

    Ich gehe jetzt ins Bett und träume von Südengland. Da will ich Ende Juni 2013 hin. Cornwall zur Rosenzeit. Nur als Gruppenreise, aber immerhin. Wieder unterwegs.

    Herzlichst
    Oona



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    1. Liebe Oona, ich bin mit der Abenteuerlust meines Vaters gross geworden, da kann man fast nicht anders als so weiter machen ;-))

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  4. Wow, ich bin sprachlos, was Ihr so alles unternehmt... das werden die Kinder nie vergessen!
    habt eine schöne Woche
    Elisabeth

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    1. Wer weiss, vielleicht werden sie später genau anders, weil sie es so gehabt haben als Kinder. Aber als Eltern muss man das Leben so leben, wie es für einen stimmt, nicht?
      Lieber Gruss, auch an deinen süssen Robert
      iren

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  5. Liebe Iren

    Vielen dank dass du uns nach London mitgenommen hast. Eine tolle Stadt, die man auch mit Kindern bereisen kann... Ich liebe London, werde bald ein Weekend mit meinem liebsten dort verbringen... Und nächstes Mal nehmen wir die kids mit. Es ist ja ein Katzensprung von Holland aus. Wünsche euch nächsten Sommer einen tollen Trip. Vielleicht macht ihr ja einen Zwischenstopp in Holland ;-)

    Lg
    Beatrice

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    1. Danke! Also nach Holland werden wir bestimmt einmal kommen, die Dünen, Moore und überhaupt, alles ist mir in bester Erinnerung, ich liebe Holland auch...!!
      Best, iren

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  6. Liebe Iren,
    Das ist ein schöner London-Bericht.
    Ich finde es toll, wieviel Reisefreiheit Ihr Euch und euren Kindern zutraut... Wir haben ja auch drei im ähnlichen Alter und bin allein deswegen tief beeindruckt ;)
    Übrigens geht es meiner Greta immer wie deiner Cosima, wenn wir aus Brüssel wegfahren, wo wir gelebt haben, bis sie fast fünf war... In uns allen schlummert diese Tiefe Sehnsucht nach dieser wirbeligen wunderbaren Metropole, auch wenn unser ländliches leben jetzt in Deutschland viel einfacher ist....
    Liebe Grüße von Tine

    Ps. Die kleinen Post-its sind endlich endlich im Shop, wenn du noch magst ;)

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    1. Super, dann werde ich gleich mal vorbei schauen. Die gefallen mir so suuper gut, wie alle deine Illustrationen...
      Wirbelige Metropole versus gemächliches Leben, das viel einfacher ist: genau so fühl ich es auch!
      Herzlich
      iren

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  7. Liebe Iren
    Danke für deine nette Botschaft! Deinen Blog verfolge ich seit Monaten, lese jeden Post mit grossem Interesse! Ich war bis jetzt eine stille Verfolgerin und hab grad ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich noch nie einen Kommentar geschrieben habe. Denn ich mag deine Art, wie du die Geschichten des Alltags erzählst, humorvoll, ehrlich, herzzerreissend und vor allem sehr bewundernswert!! Weiter so!! Lieber Gruss Rahel

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