Donnerstag, 25. Juli 2013

PEp in Mainz

Oft plantsche ich in untiefen Gewässern oder strecke meine Arme aus und schwimme meine Züge im Wasser des Alltags. Manchmal ist das Wasser wärmer, manchmal etwas kälter. Zwischendurch kommen Strömungen, gegen die ich mich behaupten muss. Und manchmal - da erwische ich eine Welle. Die reißt mich dann hoch und ich reite auf den Schaumkronen der Glücksmomente. Die beschwingen mich anhaltend, so dass ich auch wieder über frische Energie für die Schwimmzüge des Alltäglichen verfüge.

Die Wellen sichte ich nicht immer alleine. Aufmerksame Mitmenschen kommen immer wieder mal zum richtigen Zeitpunkt und  zeigen mir spannende Buchten. Das macht mich doppelt froh, zu spüren, dass man nicht alleine ist. Wir alle leben unser Leben gemeinsam und unsichtbare Fäden spinnen ein Netz, das uns trägt und weiter hilft. So habe ich Philine, eine meiner geschätzten LeserInnen, zu verdanken, dass ich auf das PEp aufmerksam wurde. DANKE! Ich kriegte im Mai einen Hinweis von ihr über einen kurzen Dokumentarfilm darüber. PEp - Praxis für Entwicklungspädagogik, ist ein Kompetenzzentrum für Entwicklungsbegleitung, Bildung und lebenslanges Lernen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Mainz. Ein wunderbarer Ort.

Dieser Dokfilm hat mich begeistert und ich bedauerte im ersten Moment, dass diese Praxis in Mainz, so viele Autostunden von uns weg ist. Ich bedauerte, dass es in der Schweiz (noch) nichts vergleichbares gibt. Dann ging ich auf deren Internetseite und las mit freudiger Erregung, dass sie für Familien, die weiter weg wohnen, ein halbjährliches Intensivtraining anbieten. Das machen wir! Das war mir in der ersten Sekunde sofort klar. Und ich schrieb am selben Abend noch ein Email und bat um einen Termin.

Wenn man ein Kind mit besonderen Bedürfnissen hat, ist es in den ersten Jahren nicht so einfach zu wissen, wo man steht. Es gibt sehr wenige Vergleichsmöglichkeiten, aber eine vielerlei Anzahl an Therapien und Heilsversprechungen. Stets hat man die leise Angst, dass man etwas falsch macht, dass man nicht alles weiß und kennt und man eine wichtige, neue Therapie verpasst. Unterschwellig wird man im Alltag immer von diesen Fragen begleitet, ob alles gut so ist wie es ist, ob man etwas zusätzliches unternehmen sollte und ob man eine unnötige Entwicklungsverzögerung übersieht. Es ist zwischendurch eine Herausforderungen, dieses Gefühl und diese Fragen unter Kontrolle zu halten. Man will ja nur das Beste für sein Kind. Gleichzeitig war mir aber immer klar, dass ich nicht zuviel Fokus auf Therapien geben will. Denn Calista ist perfekt. Sie ist genau richtig für uns. Kein anderes Gefühl will ich ihr vermitteln. Wir lieben sie alle heiss. Heute. So, wie sie ist. Und diese bedingungslose Liebe soll sie jeden Tag von uns aufsaugen.

Mit zu vielen Therapien hat man schnell auch zu viel Erwartungen und Forderungen aufs Kind. Ich will weder bewusst noch unbewusst einen Druck auf Calista ausüben, der ihr nicht gut tut. Also hielten wir es moderat mit der Frühförderung: Wir machen alle vier bis sechs Wochen Physiotherapie. Zudem gingen wir für etwa ein Jahr alle zwei Wochen in die Mundmotorik. Und wöchentlich kommt unsere Heilpädagogin zu uns nach Hause und begleitet Calista's Entwicklung spielerisch. Das war für uns genug. Ich wollte nicht mehr und Calista brauchte nicht mehr.

Nun wird Calista aber in einem Jahr bereits eingeschult (Kindergarten) und wir streben die Regelschule an. So lange es Sinn macht und alle davon profitieren, wollen wir den "normalen" Weg gehen. Calista möge also dem offiziellen Lernplan folgen. Doch habe ich schon mehrmals gelesen, dass die Methodik beim Lesen- und Rechenlernen bei Down-Kinder eine wichtige Rolle spielt. Ich wollte mich unbedingt schlau machen und heraus finden, welche Methodik diese besseren Lernresultate erzielt. Wissend, wie die Regelschule arbeitet, wollte ich mir im Vorfeld schon eine eigene Kompetenz aufbauen, um Calista möglichst gut unterstützen zu können. Das PEp versprach mir, genau in diesem Bereich weiter helfen zu können.

Ich freute mich also riesig auf diesen Termin, der mir dieses Glücksgefühl gab, auf einer Welle zu reiten. Genau das habe ich gesucht und es wurde mir zugespielt (Ich danke dem Internet!). Die Welle stieg aber noch höher, als unsere Heilpädagogin sich spontan entschied, mitzukommen. Sie zeigte sich sehr interessiert und offen meinen Erzählungen gegenüber und fand es super, Calista begleiten zu dürfen. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, sie danach zu fragen und meine Freude über ihren Entscheid war unbändig. Besser konnte es nicht sein!


So fuhren wir letzten Freitag alle nach Mainz. Wir hatten fünf Stunden Autofahrt und Calista hielt nur eine ganz kurze Minisiesta. Mir war etwas bange, ob Calista fit genug sein werde für dieses Intensivtraining. Frau Schröder aber, unsere PEp Therapeutin, hat zu Calista sofort den Draht gefunden und ihre volle Aufmerksamkeit bekommen.



Frau Schröder hat ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, um Calista und ihren Entwicklungsstand kennen zu lernen und um ihr neue Herausforderungen zu geben. Eine Stunde lang hat sie in zügigem Tempo ganz unterschiedliche Aufgaben gestellt, unter anderem die Zahlen von 1-3 eingeführt und die Buchstaben A,I,O,U vorgestellt. Meine Augen hielt ich derweil wie gebannt auf Calista und staunte, was die beiden alles machten. Ich schaute meine kleine Tochter an und bekam einen völlig neuen Blick auf sie. Sie machte Dinge, die ich ihr noch nicht zugetraut hätte. WOW! Es kam alles so leicht und spielerisch daher und Calista zeigte großes Interesse. Schweifte ihre Aufmerksamkeit zwischendurch ab, so verstand Frau Schröder, rasch, bestimmt und liebevoll Calista wieder zurück zu holen. Ich machte die ganze Zeit innerlich Luftsprünge. Mein Kind - mein "behindertes" Kind hat wieder einmal meine Begrenztheit gesprengt und mir gezeigt, zu was sie fähig ist!


Calista unterschätzt man leicht, man kann sie mehr herausfordern, meinte Frau Schröder. Und ich lächelte sie glücklich an. Während Calista danach das Turnzimmer auf eigene Faust auskundschaftete, besprachen wir alle zusammen, wie und was wir zu Hause weiter arbeiten wollen und bezogen dazu Material. Weil vieles davon spezifisch im PEp entwickelt wurde, darf ich hier nicht detailliert darüber schreiben. Wer sich wegen seines Kindes selbst dafür interessiert, dem kann ich nur ans Herz legen, auch einen Termin dort zu vereinbaren. Es lohnt sich meiner Meinung nach sehr! Ich, wie auch unsere Heilpädagogin haben viele neue Inspirationen bekommen und handfestes Material, um Calista zu Hause weiter fördern zu können, bis zum nächsten Termin in etwa sechs Monaten. Ja, das machen wir nun, das macht für mich Sinn und Spaß! Ich freue mich, Calista das Alphabet beizubringen und zu erleben, dass sie das mit dieser Methode recht mühelos schaffen kann. Die vier Buchstaben A,I,O,U kennt sie mittlerweile schon recht gut und ich bin hin und weg. Auch ihre Schwestern sind ganz aufgeregt und wollen mit ihr zwischendurch üben.


Diese frische Wellenenergie ist immer noch in unserem Alltag und ich bade mich darin. Ich bade mich und schaue dabei auf den Horizont der Zukunft, der schon viel weniger neblig scheint als eben noch. Mein Herz lächelt.

Liebe Grüße von
Iren, die auch ihre zwei älteren Mädchen bedingungslos liebt

Kommentare:

  1. Ich freue mich mit Euch :-)
    Jolina hat das Glück einmal pro Woche ins PEp zu gehen und sie war auch eines der Kinder die man in dem Bericht gesehen hat. Wir wissen, dass wir hier wirklich einen Sechser mit Zusatzzahl haben so nah an dieser Praxis zu wohnen um Jolina das ermöglichen zu können. Elisa ist auch eine von Jolinas Therapeutinnen und sie hat genau die richtige Art um unseren kleinen Sturbock in die Schranken zu weisen.
    Und oft bin ich bei anderen Therapeuten auf Unverständnis gestoßen, die mit dem Kind immer nur das machen was es kann, aber es ist eben wichtig das Kind auf die nächste Stufe zu locken.
    Ich wünsche Euch ganz viel Erfolg.
    Martina

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    1. Ja, ihr Glückspilze, das wusste ich :-)) Ich habe Jolina im Dokufilm erkannt! Ich beneide Euch für diesen Sechser mit Zusatzzahl! Das ist ein echtes Riesenglück, in der Nähe des PEp zu wohnen... Frau Schröder meinte lachend, dass wir nach Mainz ziehen sollten, den sie möchte Calista gerne in ihre Gruppe aufnehmen. - Tja, gerne, ja, sehr gerne würde ich Calista in ihre Gruppe geben, aber eben... Wir sind schon sehr glücklich darüber, dass überhaupt ein bisschen Begleitung möglich ist! Damit kommen wir auch zurecht und können etwas bewirken. Vor allem weil unsere Heilpädagogin auch mitkam und diese Inputs in ihre Arbeit aufnehmen wird. Sie gehärt nicht zu denen, die das PEp als Konkurrenz sieht und gegen die arbeitet. Sie ist genau so wie ich bereit, Calista auf die nächste Stufe zu locken. Das ist wunder-, wunderbar! Ich schätze uns schon so sehr glücklich...

      Ich werde also in Zukunft immer wieder mal in Mainz sein und wer weiss, vielleicht schaffen wir es, uns einmal auf einen Kaffee zu treffen? Das fände ich sehr toll!

      Liebe Grüsse
      iren

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    2. Oh ja, ein Kaffee und ein Schwätzchen unter uns und eine Mädelsspielrunde fände ich super.
      Ich liebe diese virtuelle Bloggerwelt die sich soooo nah ist trotz der tatsächlichen Entfernung (na ja nicht uneingeschränkte Liebe, aber das was wirklich zählt und das ich mir heraussiebe ist einfach nur ein großer Schatz)
      Ganz liebe Grüße in die nahe Ferne
      Martina

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  2. Wunderbar, dass Du / ihr von PEp erfahren habt und den weiten Weg mach Mainz unerschrocken :O) angetreten seid. Mit der eigenen Heilpädagogin im "Gepäck" *lächel*
    Die Energiewelle schwabbt mir beim Lesen und beim Anschauen der Bilder entgegen und das fühlt sich allein schon für mich gut an. Wie muss das erst für Dich / euch sein??
    Ich glaube, es ist ganz wichtig und etwas berühigend gute und machbare Visionen zu haben. Von der Zunkunft des Kindes mit besonderen Bedürfnissen und als Eltern. Das eine spüren kann: diese und andere Wellen tragen uns voran und es wird großräumig und satt heute und später gut.

    So einen anderen Blick auf das eigene Kind zu bekommen ist goldwert. Leicht und mit Freude zu erkennen: die Süße kann mehr als man ihre zugetraut hat. Oder man ihr "zumuten" wollte.

    Möget ihr alle - und besonders Calista - von diesem Besuch (Besuchen) in Mainz profitieren und jeder neu gelernter Buchstabe ein Schritt weiter in die weite Welt.

    Ganz herzliche Grüße von
    Oona

    die nicht den geringsten Zweifel daran hat, dass Du alle drei Mädchen bedingungslos liebst *lächel*
    Das allein macht Deine Mädchen zu wahren Glückskindern.

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    1. Liebe Oona,
      habe vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, man unterschätzt diese Menschen immer und immer wieder. Sogar wenn man sich dessen bewusst ist und es zu vermeiden versucht. Sie überraschen einen immer wieder von Neuem und zeigen, dass sie was drauf haben. Auf Calista schaue ich wieder mit einem ganz neuen Blick und ich glaube, alleine schon das spürt sie und es tut ihr gut. Es stärkt sie und verleiht ihr die Möglichkeit, sich zu entfalten. Ja, eine gute Förderung ist ein entfalten und nicht ein "würgen" und überfordern. Nein, Calista würde schnell unmissverständlich zu verstehen geben, wenn sie überfordert ist. Dieses Vertrauen habe ich inzwischen in sie.

      Sie liebst gegrüsst und auch Dir möchte ich an dieser Stelle herzlich danken für deine spannenden Sendungs-Hinweise zum DS Thema. Ich bin immer froh und dankbar darüber!
      Iren

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  3. Ich freue mich so sehr für Euch! Es klingt einfach genau richtig!

    Du stellst immer wieder eine der drei Mädchen in den Mittelpunkt und lässt sie als etwas ganz Besonderes erstrahlen. Vielleicht solltest Du Deinen Blog irgendwann als Buch drucken lassen, damit die Mädchen in späteren Jahren noch nachlesen können, wie sehr sie alle geliebt wurden und werden?

    Viele liebe Grüße und alles alles Gute für Calistas Entwicklungsweg (hab den Mut ihr etwas zuzutmuten!),
    Philine

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    1. Liebe Philine - du weisst, ohne dich hätte ich diese Welle nie gekriegt und ich bin Dir wirklich SEHR dankbar dafür! Es ist genau das, wonach ich immer gesucht habe, aber nicht wusste, wo und wie es zu finden war. - Ach, das Leben ist so spannend und nach solchen Erfahrungen noch viel mehr!

      Christian hat mir übrigens zu Weihnachten das erste Blog-Jahr ausgedruckt und geringt. Es wurde ziemlich dick und ich staunte, wie viel ich zu erzählen glaubte... Dabei merkten wir, dass so ein Ausdruck recht viel editorische Arbeit ist. Ein Buch wäre ein Projekt, wenn wir pensioniert sind ;-)

      Liebste Grüsse Dir und danke für deine mutmachenden Worten,
      iren

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  4. Das liest sich so fein, ich freu mich für Euch.
    Manchmal lese ich hier ganz sprachlos und voller Staunen wie grossartig Ihr das macht, was für Glückskinder Eure 3 mit Euch Eltern sein können/dürfen.
    liebste Grüsse
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth . danke für die "Rosen", gerade an so Tagen wie heute, an denen ich Kopfschmerzen habe, müde bin und viel herum nörgele, tun sie gut ;-))
      Liebe Grüsse an Dich, ich bewundere hingegen dich, wie du es mit Robert so wertvoll hinbekommst!
      Iren

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  5. ich danke dir liebe iren für diesen hinweis!!!
    ich glaube, mein herz hat einen luftsprung gemacht als ich deinen eitrag gelesen habe :_)
    DAS IST ES!!!! genau das habe ich gesucht, mir erwünscht und nicht gekannt!
    ich werde gleich versuchen einen termin für uns und enea auszumachen.

    ganz lieben dank dir und einen gruss in meine geburtsstadt :-)
    christina

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    1. Liebe Christina

      Ich freue mich auch sehr, wenn ich dir damit auch weiter helfen konnte! Das PEp war für mich eine Offenbarung und der Weg dorthin total nebensächlich... Ich werde sogar schauen, dass wir in den Herbstferien bereits wieder einen Termin bekommen können. Warum nur gibt es so ein PEp nicht überall? Ich frage mich und staune...

      Meldest dich wieder, wenn ihr auch dort war, ja? Nimmt mich sehr wunder, wie es Euch inspirieren wird!
      Liebe Grüsse
      iren

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  6. Wie gut, dass Ihr den Weg auf Euch genommen habt! Freue mich sehr für Euch, dass Ihr so was schönes für Euch entdeckt habt. Alles Liebe, Katharina

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  7. Das liest sich so wunderbar und wirklich, die Energie schwabt aus dem Bildschirm! Schön, dass sich diese Tür für euch aufgemacht hat!
    Einen anderen Blickwinkel auf die eigenen oder die anvertrauten Kinder zu erhalten, finde ich auch immer wieder sehr spannend und bereichernd.
    Ganz liebi grüäss und euch alles Liebe! anja

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