Dienstag, 24. Juni 2014

iCalista

Während Christian am frühen Abend mit Cosima und Calista im Auto durch die leere Stadt ins Spital fuhr, war die halbe Bevölkerung vor dem TV und schaute sich das Spiel Schweiz-Frankreich an; und die andere Hälfte lag wahrscheinlich noch am Seeufer oder in Badeanstalten. Calista hat eine halbe Stunde zuvor einen unglücklich endenden Derwisch-Tanz aufgeführt und sass nun mit klaffender Kinnwunde in ihrem Autositz.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir mit unseren Mädchen und Wunde am Kopf ins Spital fahren mussten. Jedes unserer Mädchen hat bleibende Spuren gelebten Kinderlebens im Gesicht. Und jedes Mal hörten wir im Spital die Worte, dass man bei Mädchen die Wunden sowieso nähe. Bei Mädchen, und bei Jungs? Wird heute noch ein Unterschied gemacht? Darf ein Junge nicht auch ein Anrecht auf bestmögliche, schöne Narbe haben? Oder umgekehrt: Was ist so schlimm daran, wenn ein Mädchen, eine Frau eine kleine Narbe im Gesicht hat?

Wenn ich früher, als junge Frau, von einem Mann auf die Narbe an meiner Stirn angesprochen wurde, wusste ich gleich, dass er mich genau angeschaut hat und nun einen Weg fand, mit mir ins Gespräch zu kommen... Meine kleine Narbe an der Stirn, wie auch die an meiner rechten Hand, hatten sozusagen die Funktion eines Eisbrechers. Ich habe mich nie geschämt, sondern entwickelte sogar einen gewissen Stolz und fand es lustig, meine Geschichten zum Besten zu geben. Meine Narben gehören zu mir, sie tragen dazu bei, mein Leben zu dokumentieren.

Calista hat bereits eine lange, feine Narbe auf ihrer Brust. Sie erzählt die Geschichte ihres Herzfehlers und der geglückten Operation. Die Geschichte eines zweiten Lebens, das ihr mit vier Monaten nochmals geschenkt wurde. Ich liebe diese Narbe. Wenn ich mit ihr vor dem Spiegel stehe, streichle ich manchmal darüber und erzähle ihr, dass dies ihre Narbe sei. Und manchmal holen wir die Puppe Lili und schauen uns die Narbe auf ihrer Brust an.

Jetzt wird Calista noch eine kleine Narbe am Kinn haben. Wenn ich sie nun so nackig anschaue, dann kann ich mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Strich und Punkt: i. Wir haben nun eine iCalista...


Es grüßt Euch herzlich, Iren, die morgen mit Calista die Fäden ziehen geht.





Kommentare:

  1. Nähen oder Nichtnähen hängt nicht vom Geschlecht des Kindes ab, sondern wo die Verletzung ist und wie gut die Wundränder adaptierbar sind. Vieles wird heute mit „Kinderleim“ geklebt. Das Ziel ist immer, so wenig schmerzhaft für das Kind wie möglich und ein optimales Resultat für Mädchen und für Knaben! Jede Verletzung hinterlässt Narben.

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  2. Eine iCalista also *lächel* Einzigartig so und so und nun noch mehr.

    Vielleicht macht es einen Unterschied, wie eine Narben am Körper bekommen hat und wie diese aussehen. Narben nach schweren Operationen, Narben aus den Abenteuern der Kindheit oder Narben, die heute noch Probleme bereiten.

    Ich bin als Kind mit dem Kinn auf einen Heizkörper geknallt. Das hat eine dicke Narbe unter dem Kinn erzeugt. Von vorne nicht zu sehen und habe sie im Grunde nicht bemerkt. Als ich mir vor ein paar Jahren etwas im Gesicht weglasern hab lassen, da mußte das Lasergerät über diese Narbe hinweg fahren. War sozusagen "im weg". Es knallte ganz erschreckend anders als an anderen Hautstellen ohne Narbe. Tat auch noch mehr weh. Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass diese Narbe flacher geworden war und weniger knubbelig. Noch später gar nicht mehr zu fühlen. Seltsam, wenn sich ein Stück Haut anders anfühlt.
    Andere Narben sind klein und kaum zu sehen. Aber ich weiß noch genau, wo ich mir jede davon "eingefangen" habe. Teil meines Lebens.

    Vielleicht kann ein Mensch besser damit umgehen, wenn sie eine Narbe auf der Brust hat, wenn diese ein Zeichen dafür ist überlebt zu haben.

    Es freut mich, dass Du Deine Narbe so gut in Dein Leben integrieren konntest und kannst.

    Beste Grüße an Dich und gute Heilung für Calistas Kinn.
    Oona

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    1. Liebe Oona, das stimmt, wie man zu dieser Narbe kam, das hat eine grosse Bedeutung. Und auch, ob diese Narbe noch irgendwelche Probleme oder Schmerzen bereitet. Ich habe im Hals Narben von meiner Mandeloperation, die ich immer wieder durch ein unangenehmes Ziehen im Hals spüre, wenn die Luft sehr trocken ist. Diese Narbe, die ich noch nie gesehen habe und auch sonst niemand sieht, mag ich weniger.

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  3. Ja, klar, jede Verletzung hinterlässt Narben.
    Aber ich war trotzdem erstaunt, jeweils diese Worte vom Spitalpersonal zu hören, dass man bei Mädchen im Zweifelsfalle "Kinderleim" oder Nähen, sich fürs Nähen entscheidet. Es impliziert, dass man bei Jungs dann auch mal "Kinderleim" verwendet, wenn bei Mädchen bereits genäht wird... Ich will damit keine Diskussion auslösen. Das mag für viele Spitäler und für das meiste Spitalpersonal nicht stimmen, wir haben es aber bereits mehrmals erlebt in verschiedenen Spitälern. Das hat mich jeweils erstaunt.
    Es ging mir in diesem Post in erster Linie darum, dass ich Narben im Gesicht auch bei Mädchen interessant finde... ;-))

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  4. Liebe Iren, ein schöner Impuls, mir die Narben, die das Leben mir mitgegeben hat nocheinmal anzuschauen. Die Sichtbaren und die Unsichtbaren. Sie sind Erinnerungsmale, Merkmale. Und du hast recht, sie gehören zu mir und tragen dazu bei, mich einzigartig zu machen, unverwechselbar. Auch wenn es Narben von traurigen Ereignissen sind, so ist es in gewisser Weise wie bei Calista: das ich sie habe, damit lebe, ist ein Zeichen, dass ich gelernt habe mit dem zu leben, wodurch sie entstanden sind. Dann sind Narben nicht ein Makel sondern ein (kleines) Ehrenzeichen.
    Wie schön, dass du es bei Calista nun als Tüpfelchen auf dem I sehen kannst!

    Herzliche Grüße, JULE

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    1. Liebe Jule

      "das ich sie habe, damit lebe, ist ein Zeichen, dass ich gelernt habe mit dem zu leben, wodurch sie entstanden sind." Das sind starke, tolle Worte, die ich mir merke. Danke dafür, auch sonst für den Kommentar :-)!

      Liebe Grüsse, Iren

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  5. Mein Sohn hat an der gleichen Stelle eine Narbe. Ich war damals nicht im Spital, sondern hab's selber mit diesen Pflastern versorgt, die ganz fest zusammenhalten (bin selber Krankenschwester). Mir wurde in der Schule immer erklärt, dass so oberflächliche Wunden (ja, auch klaffende Cuts sind eher oberflächliche Wunden ;)) schöner verheilen, wenn sie eben NICHT genäht werden - drum versteh ich die Logik dahinter jetzt auch gar nicht.
    Ich find gewisse Narben auch 'toll' - die, die eine Geschichte erzählen (und das tun die meisten ja) - auch bei Mädchen! Dass da ein Unterschied bezüglich der Optik gemacht wird, find ich auch schwach.

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    1. Liebe Judith, wir waren auch zuerst in der Apotheke und wollten es mit diesen Pflastern "tapen". Doch die Apothekerin sah sich die Wunde an und schickte uns ins Spital. Dort wollten sie dann nicht den "Kinderleim" nehmen, sondern gleich nähen. Mein Bruder, ein plastischer Chirurg, riet uns am Telefon dann, den Stich möglichst tief zu machen, damit die untere Schicht gut zusammen wachse... Ich weiss auch nicht, was richtig ist. Ich glaube aber, das Pflaster hätten wir alle drei Stunden auswechseln müssen, weil Calista dort dauernd schmutzig und feucht ist vom Essen und Trinken. Zudem ist diese Stelle auch dauernd in Bewegung... Mal schauen, was der Kinderarzt morgen dazu meint. Die Wunde ist unten am Kinn, auch wenn es nun nicht schön kommen würde, so wäre es nicht an allzu prominenter Stelle ;-) Und wie gesagt, ich liebe Gesichter mit Narben, bei grossen wie bei kleinen Menschen, bei weiblichen und männlichen. Ich mag es, wenn etwas nicht perfekt ist, wenn etwas von "Brüchen" erzählt.

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    2. Ich mag das auch - solange es einen nicht komplett entstellt. Wie gesagt, mein Sohn hat an der gleichen Stelle die ungefähr gleiche Narbe, die man aber nur sieht bzw entdeckt, wenn man drauf aufmerksam gemacht wird. Er selber hat sie erst vor kurzem 'gefunden', obwohl er sie seit 4 Jahren hat. Das wird ziemlich unauffällig werden :)

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  6. Oh je, schnelle Besserung wünsche ich!
    Narben habe ich selber schon einige, aber genäht oder nicht, ich finde sie alle nicht schlimm. Die Verletzung, die ich mir als Kind am Kinn zugezogen hatte, wurde nie genäht, aber sie stört mich nicht. Mein Leistenbruch wurde natürlich vernäht, aber das ziept und juckt und irgendwie stört die mich auch nach Jahren noch. Nicht das Aussehen, aber sie macht sich immer bemerkbar.

    Liebe Grüße,
    Kivi

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    1. Das Ziepen ist unangenehm, ich kenne das... Vielleicht kannst du sie mit einer "Propolis-Salbe" eine zeitlang behandeln? Diese Salbe soll gut sein gegen/für Narben.

      Liebe Grüsse
      Iren

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