Thalia ist sechs - und muss sich selbst noch daran gewöhnen. Am Vorabend ihres Geburtstages schlüpfte sie eifrig unter die Bettdecke, grinste mich beim Gute-Nacht-Kuss nochmals freudig an und sagte: Mama, ich kann es kaum glauben, dass ich schon sechs werde! Und dann blieb sie ruhig und wartete geduldig, bis der Schlaf kam, ohne noch einmal nach mir zu rufen.
Cosima hingegen zappelte bis abends um zehn auf ihrer Matratze herum, sie hat für Thalia's Geburtstag ihren letzen Jokertag in der Schule eingereicht und durfte an diesem Tag zu Hause bleiben. Sie freute sich sehr, Thalia in den Kindergarten begleiten zu dürfen und dort den Geburtstag mitzuerleben.
Wir feierten schon zum Frühstück mit Schokoladenkuchen, den sich Thalia gewünscht, Christian gebacken und Cosima dekoriert hat.
Als Calista dann ganz aufgeregt ans Fenster klopfte und laut lachte, wussten wir, die Kinder sind gekommen und holen das Geburtstagskind ab. Jetzt kam Thalia's Moment, jetzt darf sie im Kindergarten im Mittelpunkt stehen - wie haben ihre Augen geleuchtet!
Da standen sie alle vor unserer Haustüre und sangen. Ich weiss nicht, wie Thalia sich dabei gefühlt hat, aber mir kam das Augenwasser. Diese Kinderstimmen zu hören berührte mich sehr: teilweise waren sie zart und fein, mitunter schüchtern, teilweise waren sie verschlafen, heiser aber auch kräftig. Sie begrüssten Thalia singend und luden sie ein, mit in den Kindergarten zu kommen.
Nach dem Lied durfte sie sich zuerst einen Kopfschmuck aussuchen.
Und dann setzte sie sich in den Leiterwagen wie eine Prinzessin und wurde von ihren Freundinnen in den Kindergarten gezogen. Heute wird Thalia gefeiert! Die ganze Delegation maschierte los, mit Calista und Cosima als Schlusslicht.
Im Kindergarten feierten sie gemeinsam mit verschiedenen Geburts-tagsritualen. Sie haben gesungen, geklatscht und getanzt, Thalia blieb immer im Mittelpunkt.
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| Thalia musste die Schatzkiste suchen, darin lag ein Pferdehalfter, dass ich, wie jede Mutter für ihr Kind, unter der Anleitung der Kindergärtnerin filzen durfte. Und Thalia bekam von sechs Kindern je ein Glöckchen, zusammen mit einen Geburtstagswunsch, geschenkt. Diese Wunschglöckchen kamen dann ans Halfter genäht. |
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| Zur Musik des "Sechseläuten-Marsches" ist das Pferdchen Thalia dann mit wechselnden Reitern durch den Kindergarten galoppiert. Unter viel Lachen und Kreischen von allen. Es war ein Gaudi! |
Der Höhepunkt war der Sandkuchen, symbolisch für den Sechseläuten-Scheiterhaufen (unser Zürcher Frühlingsfest). Thalia hat am Vortag den Sandkuchen dekoriert und am Geburtstag selber kam der feierliche Moment, bei dem sie das Zündholz hinhalten durfte. Alle hielten sie den Atem an und schauten gebannt.
Im feinen Klebesand sind Streichhölzer so eingesteckt worden, dass eine Feuerspur abbrannte bis an die Spitze des Sandberges, wo eine Wunderkerze auf das überbrachte Feuer wartete. Ist das nicht eine magische Idee? Die Kinder erleben es bei jedem Kindergeburtstag, und jedes Mal herrscht absolute Ruhe, alle Augen sind gespannt auf den Lauf des Feuers gerichtet.
Nach diesem Schlussbouquet durfte Thalia die Zitronenmuffins, die sie sich von mir wünschte, allen Kindern anbieten und die Kindergärtnerin hat frische Früchte dazu gereicht. Ich begleitete die Kinder noch kurz nach draussen, ins freie Spiel, bevor ich mit Calista wieder nach Hause ging und die Küche aufräumte. Eigentlich nicht nur die Küche rief nach ordnenden Händen, das ganze Haus sah nicht sehr feierlich aus... Doch dafür hatte Thalia keine Augen. Sie spürte nur sich selbst und ihre immense Freude, Geburtstag zu haben.



Wie ihr seht, haben wir eine ganz tolle, wunderbare Kindergärtnerin! Sie erzählte mir, dass es heutzutage Kindergärten gibt, die nicht mehr jeden Geburtstag einzeln feiern, sondern nur noch Frühlingskinder, Sommerkinder etc. zusammen nehmen und pro Jahreszeit eine Feier machen. Ist das nicht sehr, sehr schade? Thalia tat es in der Seele gut, ein paar Stunden im Mittelpunkt zu stehen, einmal im Jahr gefeiert zu werden. Und zwar einfach so. Einfach so, weil sie da ist, weil sie geboren ist.
Und müsste ich ein Geburtstags-Manifest schreiben, wäre der Wortlaut so: Jeder Geburtstag aller Menschen soll immer gefeiert werden. Denn an diesem Tag wird man gesehen in seinem "Sein". Ohne eine Leistung erbracht, ohne etwas erreicht zu haben darf man mit anderen Menschen zusammen an sich selber Freude haben. Gibt es eine andere Gelegenheit als am eigenen Geburtstag diese Beachtung zu finden? Mir kommt nichts Vergleichbares in den Sinn. Deshalb sind Geburtstage wichtig, immer, egal wie alt man wird. Und dabei geht es nicht um Geschenke, und eigentlich auch bei den Kindern nicht. Es geht um das bedingungslose "Sein", um das "Da-Sein" der Seele. Das ist wichtig und schön! So schön, dass man in die glänzenden Kinderaugen schauen muss, um sich das wieder voll und ganz bewusst zu werden. Da leuchtet die Seele in die Welt hinaus: Ich bin!

Auf Thalia wartete aber an ihrem grossen Tag noch das langersehnte Ereignis mit ihrer Patin "Gottianja". Anja versprach ihr, an ihrem sechsten Geburtstag zusammen Ohrringe stechen zu gehen. Das war für Thalia ein Initiations-Ritual, ein Meilenstein in ihrem Mädchenleben, auf das sie lange gewartet hat, wofür sie schon einige Tränen vergossen hat, weil sie glaubte, das nie erleben zu dürfen. Schaut Euch Thalias Gesichten an, wie sie mir ihre frisch gestochenen Ohren zeigt. (Ach, ich hätte ja gut noch ein bisschen zuwarten können...) Man spürt richtig, wie sie innerlich gewachsen ist. Ein Leben davor - und ein Lebe danach. So steht es um ihre Mädchenseele.

Anja hat gut aufgepasst, dass die Blümchen schön in der Mitte des Ohrläppchens ihren Platz fanden und versicherte Thalia, dass sie sie fest kneifen dürfe, falls es schmerze. Aber das brauchte Thalia nicht, sie war mutig und schmerzfrei. Thalia und ihre Anja (eigentlich ist es ja meine Freundin, hüstel) sind ein abenteuerlustiges Paar, das immer wieder mal zusammen los zieht.
Spät am Abend, als ich ins Bett ging, da schlich ich noch in Thalia's Zimmer und guckte sie mir an. Dieses kleine Mädchen, das ich vor sechs Jahren zu Hause geboren habe, lag nun da mit frisch gestochenen Ohrringen. Ich strich vorsichtig ihre Haare aus dem Gesicht, aus Angst, sie könnten sich in den blauen Blümchen verfangen und eine Infektion hervor rufen. Dann flüsterte ich ihr ins schlafende Ohr: Happy Birthday Thalia, du bist nun sechs! Und ich glaubte, im Halbdunkeln ein lächelndes Zucken um ihre Mundwinkel gesehen zu haben.
Das nächste, worauf Thalia nun wartet, ist, auch endlich ein bisschen unter den Armen zu riechen...
Beeil dich nicht so, meine Thalia, mir wird sonst schwindlig!
Iren, x.