Montag, 7. Oktober 2013

Heimweh

Ich habe Heimweh nach Cosima. Liege Abends im Bett und denke an sie. Stehe morgens auf und denke an sie. Laufe den ganzen Tag hierhin und und dorthin und denke an sie. Ich könnte auch losheulen, würde ich es nur zulassen. Die erstickten Tränen machen mich schwerfällig. Wann nur ist Freitag?

Seit vergangenem Samstag früh ist Cosima in die Berge ins Trainingslager ihres Synchronschwimmclubs gefahren. Das erste Mal in ihrem Leben und sie freute sich. Wurde aber die Tage zuvor auch anhänglicher... Und wir sprachen übers Heimweh und dass es zu einem Lager dazu gehöre. Ich dachte dabei vor allem an ihr Heimweh. Ich erwartete nicht, dass ich mindestens so stark Heimweh nach ihr haben werde. Vermissen schon, aber so richtig Heimweh? Heute morgen dann schickte ich ihrer Trainerin ein SMS mit den Worten: Das Mamaherz möchte gerne wissen wie es Cosima geht...

Telefonieren ist nicht geplant, bei 29 Mädchen gäbe das abendfüllendes Programm jeden Tag. Mit dem Resultat, dass dann die meisten weinen, weil die eine die andere anstecken würde. Also werde ich sie erst am Freitag wieder sprechen können. 

Vergangenen Samstag und Sonntag arbeitete ich intensiv. Für eine Ausstellung habe ich mit vier anderen Kunst- und Kulturschaffenden 211 eingereichte Arbeiten von Künstler und Künstlerinnen juriert. Das tat gut, ich konnte mich gut ablenken. Jetzt aber habe ich eine Woche vor mir, die mir viele Gedankenreisen in die Berge zu Cosima zulässt. Wie geht es ihr jetzt, was macht sie gerade? Das frage ich mich immer und immer wieder. Loslassen ist schwer.  

Die Trainerin schrieb heute zurück, dass es Cosima super gehe, obwohl sie abends ein bisschen Heimweh habe... doch sie konnte bisher gut einschlafen. Die Mädchen trainieren alle viel und machen gute Fortschritte. Das Essen sei fein und die Stimmung super. - Diese Worte haben mich beruhigt. Und ich erinnere mich an die Lagererfahrungen aus meiner Kindheit und stelle mir vor, wie viel Spaß und tolle Momente Cosima erleben wird. Und dieses Gefühl, eine Woche lang ganz auf sich selbst gestellt zu sein, ohne Mama im Hintergrund. Ich freue ich für sie! Beim Abschied küsste ich sie und sagte, dass sie nun eine Woche weg fährt, aber ein Jahr älter zurück kommen werde. Sie guckte mich erstaunt an und verstand nicht ganz, was ich meinte. Doch so richtig verstehen wird sie meine Worte, wenn sie nach Hause kommt und den Fuß in ihr Zimmer setzt. Dann wird sie realisieren, dass sie nicht mehr der gleiche Mensch ist, den sie beim Verlassen des Zimmers noch war. Innerlich älter. Schwups, in einer Woche.

Ich zähle die Stunden bis Freitag. Schaffe ich das, noch vier Tage ohne Cosima - vor allem ohne mit ihr sprechen zu können?!? Es ist hart, ein voller Entzug. Ich habe Herzschmerz. Ich habe Heimweh.

Es grüt Euch, 
Iren,

(die mit Thalia heute im Puppentheater "Mein Vater" von Margrit Gysin war. Berührend schön! Sie tourt in der Schweiz, aber viel auch in Deutschland, mit verschiedenen Stücken. Wer kann, sollte hingehen! Es ist träumerisch, tiefgehend, poetisch, philosophisch, lustig... auch für Erwachsene. Oder vor allem?)

Kommentare:

  1. Ach Iren, wie schön, dass du das so tief empfinden kannst. Nimm es als Geschenk. Ich beneide dich fast darum. Ich habe darin schon soviel Routine, dass ich mich manchmal nach dem Heimweh sehne. Der Elfjährige ist für 9 Tage in den Kosovo geflogen mit seinem Chor. So ein bewusster Abschied hätte ihm bestimmt auch gut getan. Ich vergesse manchmal neben den Grossen, welche bestimmt schon 20x in diesem Jahr Abschied genommen haben, wie klein er noch ist. Danke fürs Erinnern, dir eine gute Woche und ein wunderschönes Wiedersehen am Freitag!
    Gabriela

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    1. Liebe Gabriela

      So sind wir alle Hans-Dampfs....gerade im Moment wäre ich gerne Dich und hätte auch gerne Routine darin... Ich trage seit Tagen diese Sehnsucht in mir herum und quäle mich, mal mehr, mal weniger, durch den Tag. Noch nie war solche Funkstille zwischen mir und Cosima. Immer waren wir in Kontakt. Wenn wir uns nicht sehen konnten, so haben wir telefoniert und ich konnte ihre helle, frische Mädchenstimme hören. Ich fühle mich nur halb. Und ich erinnere mich, dass ich mich auch so fühlte, als ich Calista nach der Geburt auf die Intensivstation geben musste. Es ist mit Liebeskummer vergleichbar... Es fühlt sich an wie tausende feine Beziehungsfäden, von Brust zu Brust, intensiv gewoben zwischen mir und meinen Kindern, die jetzt bei Cosima und mir so stark in die Länge gezogen und gedehnt sind, dass es schmerzt. Aber sie müssen ja gedehnt werden, ich muss meine Kinder in Freiheit gedeihen lassen. Damit wir alle genug Licht und Luft haben. Aber dehnen schmerzt.

      Mit dem Chor ins Ausland zu verreisen ist bestimmt eine wunderbare Sache! Die Musik ist Grenzen sprengend und dies schon als Kind erfahren zu dürfen, ist wie goldene Samen zu setzen. Wünsche ihm viele reiche Momente in Kosovo!
      Liebe Grüsse
      Iren

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  2. Dein Post und Gabrielas Kommentar ... ich seufze tief!
    "Mama" gewöhnt sich wirklich daran. Ich weiss nun gar nicht ob das gut ist. Beim ersten Kind war es noch so wie auch Du empfindest. Dann wurde es leicht und leichter ... für mich, als Mama.
    Und nun hab ich es gelesen hier und mir wurde bewusst, dass es ja für jedes einzelne meiner Kinder immer ein 1.Mal gab ... und ich war beim Robert schon so sehr ans Loslassen gewöhnt. Oh, wenn ich den Gedanken wirken lasse, dann spür ich, dass ich seine Tränen mit dem Satz: "Aber die Tage vergehen so schnell, Du kommst wieder heim und bis dahin hast Du eine schöne Zeit!" ... ja, dass ich mit diesem Satz viel falsch gemacht habe. Ich habe mein geübtes Loslassen auf ihn übertragen, und er war da zum 1.Mal allein in der Kurzzeitpflege. Ich weiss ja nun, dass es gut ging, er hatte schon Heimweh, konnte aber schlafen und hat hinterher recht schnell gefragt, wann er dort wieder übernachten darf ....
    Doch ich habe nun nachzudenken. Ich werde mein Strickzeug holen und das JETZT tun. Ich habe mich zu sehr gewöhnt und möchte Dir "Danke" sagen für den Post, weil er mir etwas sehr Grosses, Wichtiges bewusst gemacht hat.
    liebste Grüsse
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth
      Bitte, sei du nun nicht so hart mit dir! Deine Antwort an Robert war sicher nicht falsch, sondern für dich authentisch, so hast du es empfunden. Und ich bin mir sicher, dass ihm das auch geholfen hast. Zudem war euere Hinreise auch so strapazierend, dass du bestimmt keine Energie mehr hattest, um dich noch in seine Situation so hinein zu fühlen, dass du ihm weise Worte mitgeben konntest. Du bist eine wunderbare Mutter, das bin ich mir sicher!

      Aber stricken und Gedanken reisen lassen tut immer gut. Ich vermisse es manchmal, komme kaum mehr dazu...

      Danke Dir für deinen Kommentar, liebe Elisabeth!
      Liebe Grüsse,
      Iren

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  3. Ja, das Loslassen ...

    Meine beiden Jungs sind jetzt schon 25 und 28 und ich bin immer noch dabei es wieder und wieder ein Stückchen mehr zu lernen. Schwer ... schwer fürs Mutterherz.

    Du genießst Deine Kinder so sehr, ich denke, das macht Dich ganz stark fürs Flüggewerden und dann Flüggesein. Wünsch Dir dazu allen Mut und alle Kraft, die Du brauchst.

    Lieb Ina

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  4. Und schon sind es nur noch knappe 3 Tage... *lächel*

    Ich glaube, die Kinder welche frei ins Leben gehen können/ wollen/ dürfen, die kommen später voller Achtung und Liebe für die Eltern immer wieder zurück. Du legst die Saat für das jetztige und spätere Glück. Das glaube ich.
    Auch wenn das Heimweh ganz sicher arg ist.


    Herzlichst
    Oona

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