Mama, ich bin in einer schrecklichen Phase: Die Kinderschuhe gefallen mir nicht mehr, aber meine Füße sind noch zu klein für die Schuhe der Erwachsenen.
So beschrieb Cosima kürzlich während einem Mittagessen ihren, noch zarten, Wandel von einem Mädchen zu einer jungen Frau. Ich war ganz perplex über diese Worte. Es schien mir so treffend formuliert, eine Metapher, die es doch genau beschreibt. In den Kinderschuhen will sie nicht mehr gehen, sie passen nicht mehr zum neuen Weg, den sie nun beschreitet.
Es bewegt mich, ihre neue Entwicklung so nahe beobachten und miterleben zu dürfen. Und manchmal, da lachen wir gemeinsam über ihre Launen, die sie neuerdings hat, über ihren gereizten Ton, den sie mir gegenüber immer wieder mal anstimmt. Wir wissen beide und haben schon darüber gesprochen, dass es mit ihren Hormonen zu tun hat. Ich will aber noch Kind sein, hat sie verunsichert geantwortet, als ihr ihr das erste Mal erklärte, in welche Lebensphase sie nun kommt. Du wirst noch lange Kind sein, keine Angst, du wirst nicht sofort von heute auf morgen eine junge Frau, das braucht Zeit. Und ich strich ihr übers Haar und über ihre Wangen und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss.
Und heute kam sie von der Schule mit einem Zettel in der Hand zu mir und las mir ein Gedicht vor, das sie geschrieben hat. Es ist ihr erstes Gedicht. Ich weiss nicht, welches Thema sie in der Schule besprachen, ob sie ganz von sich aus zu diesem Inhalt kam oder sie schon ähnliche Gedichte gelesen haben. Es hat mich aber sehr berührt und ich darf es mit ihrer Bewilligung hier niederschreiben:
Herzschmerzbalsam
Ich dichte ein Lied
Nur für Dich
Du bist bestimmt
Nur für Dich
Ich sag ein Wort
Das meine ich ernst
Das Wort heisst Stern.
Du bist mein Stern
Und ich sag's das letzte Mal
Dass ich dich mag.
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Wenn ihre neue Lebensphase, in die sie nun eindeutig und unwiderruflich eingetreten ist, auch solche Seiten mit sich bringt, dann freue ich mich umso mehr auf alles, was noch kommt. Oh ja, ich fühle mich wie an der Front. Ich bin zuvorderst dabei und kriege es in jeder Hinsicht hautnah mit (und ab), was Cosima bewegt und wie sie sich fühlt. Es wird nicht immer eine leichte Zeit für sie. Wir alle wissen, dass dieses Erwachsenwerden viele Fragen, Unsicherheiten und Krisen mit sich bringt. Und ich hoffe sehr, dass ich ihr dabei eine Stütze sein kann. Mal mehr, mal weniger. Ich wünsche mir, dass alleine meine Präsenz ihr Boden und Sicherheit gibt.
Neuerdings schläft Cosima mit leiser Musik ein. Das erinnert mich sehr an meine Jungendjahre... Cosima liebt Musik, sie kann mit Melodien in eine ganz andere Welt abtriften und in sich hinein sinken, auch tagsüber. Ihr Blick ist dann jeweils ganz entrückt und ich spüre, wie ihre Seele mitschwingt. So ist es für mich immer schön, mitzubekommen, welches gerade ihre Lieblingslieder sind. Auch wenn sie die Texte noch selten versteht, lässt mich die Stimmung des Liedes ein bisschen ahnen, welche Schwingungen ihre inneren zarten Saiten zum Klingen bringen. Es lässt mich manchmal Tiefen erspüren, die mir sonst verborgen blieben.
Ich hoffe auch, dass ich immer offen und aufmerksam bleibe für diesen Zugang zu ihrem Inneren, auch wenn diese gebotene "Innenansicht" nur klitzeklein ist, eine Minifacette eines riesigen Kosmos.
Iren x.
