Montag, 11. April 2011

Wolfssonate

Vor vielen Jahren las ich einen Artikel über eine Pianistin, die mit Wölfen lebt. Mit Fotos, die sie mit den Tieren auf einer Wiese zeigt und ihre Arme sind um deren Hals geschlungen. Das hat mich tief beeindruckt und ich beneidete sie irgendwie darum. Ich bewundere alle Menschen, die es schaffen, auf der Ebene des gegenseitigen Respekts und Vertrauen mit wilden Tieren zusammen zu leben, ihnen näher zu kommen und ihre Sprache besser zu verstehen. 

Gestern waren Christian und ich über Mittag an einem Klavier Rezital mit meinen Eltern, die fanatische Konzertbesucher sind. Es war ein Geschenk von ihnen und ich konnte mir das Konzert aussuchen. Ich entscheid mich für die Pianistin Hélène Grimaud. Der Name sagte mir nichts, doch ich suchte sie aus, weil sie eine Frau war. Zu selten sind Frauen gepriesene Starmusikerinnen - das ist wie bei den Köchinnen, nicht? 

Nach üblicher hektischer Abfahrt nach Luzern ins KKL, routiniertem Schminken während der Autofahrt und letztem Versuch, die Flecken vom Kleid zu rubbeln, die Calista mit ihrem Porridge mir noch hinterliess, huschten wir buchstäblich zur letzen Minute in den Konzertsaal hinein. Ich freute mich. Ich liebe diesen spannungsgeladenen Moment, wo die Zuhörer ihren Platz eingenommen haben, die letzten Huster aus den Mündern kommen, ein bisschen getuschelt wird und die Bühne mit dem grossen Flügel noch still und viel versprechend vor einem liegt. Und hinter der Bühne die Künstlerin, die sich auf den Auftritt vorbereitet, die wartet, bis ihr Moment kommt, wo sie ins Licht tritt. 

Sie kommt, läuft lächelnd zum Flügel, setzt sich hin, rückt hin und her und sucht den richtigen Abstand zum Instrument. Sie platziert ihre Finger auf die Tastatur und ich halte den Atem an. Gebannt warten mit mir hunderte von Ohren auf den ersten Ton. Ist sie nervös? Was fühlt sie jetzt wohl?
Die ersten Klänge von Mozarts Klavierkonzert ertönen, Entspannung tritt ein. Und nach ein paar Minuten begannen wir, nebenbei das Programmheft zu studieren. Christian las über sie, die Pianistin, und hielt mir dann den Finger hin: Sie hat eine Stiftung für Wölfe gegründet. - Wölfe, Pianistin, Frau. Das muss sie sein, diese Frau, die mich damals, vor über 15 Jahren so beeindruckt hatte. Ich war wie elektrisiert über den glücklichen Zufall. Ohne es zu wissen habe ich mir genau ihr Konzert ausgesucht. Heute durfte ich ihr begegnen, sie erleben und ihre Musik geniessen. Was für ein schöner Tag! Ich legte das Programmheft beiseite, lehnte mich zurück und liess mich aktiv auf ihr Klavierspiel ein. Ich wollte jeden Ton aufsaugen.

Nach der Pause kam Liszt's Sonate in h-Moll. Ich kenne mich kaum aus in der Klaviermusik, doch Liszt fasziniert mich. Ich vergrabe meine Hand in Christians warmen Pranken und schaue nach vorn. Es ist auch unser Tag, unsere Zeit ohne Kinder. Das sind selten gewordene Momente und daher umso kostbarer. Wir können jetzt nicht sprechen, aber wir können gemeinsam erleben und empfinden, uns wortlos auf eine musikalische Reise einlassen. 

Die Pianisten verbindet sich mit ihren schwarzen Kleidern mit dem grossen Flügel und bildet so eine eigene, organische Skulptur. Ihre Hände, weiss und fein, tanzen über die Tasten. Fühlend, streichelnd, bittend, fordernd, klopfend. Mein Blick verschwimmt etwas, es flirrt. Die Töne quellen aus dem Körper des Flügels heraus, voll, rund und erfüllend im Raum. Mein Herz geht mit, mein Kopf öffnet sich und die Gedanken werden frei. Christian drückt meine Hand und guckt mich lächelnd an - ja, ich bin noch da... Mein Blick wandert wieder auf die Bühne, folgt wieder ihren Fingern und verliert sich wieder in deren Tanz. Ist das Herz mal offen, dringt die Musik tief in einen hinein und trägt einen fort. Ich schwinge mit, ich bin widerstandslos und bewegt. 

Kraftvoll und geschmeidig ist ihr Spiel, voller Emotionen. Irgendwie auch roh und archaisch, aber nicht vulgär sondern ungeschminkt, ursprünglich. Meistens ist ihr Kopf nach vorne gesenkt, die Haare verdecken ihr Gesicht. Doch hin und wieder beugt sie sich nach hinten, der Kopf fällt in den Nacken und ihr Gesicht ist entblösst nach oben gerichtet. Anmutig schön ist dieses Bild und sehr intim. Mit den letzten charaktervollen Klängen und grosser Geste steht sie plötzlich auf, hält sich am Flügel fest und verbeugt sich tief, ihre blonden Haare fallen nach vorn. Sie richtet sich auf, lässt los, dreht sich zum Bühnenausgang und geht. Da - die ersten Schritte sind leicht torkelnd, sie fängt sich aber auf und geht die restlichen Meter mit sicherem Auftritt. Sie war in Trance.

Nach frenetischem Applaus, Standing Ovation und einer Zugabe war alles vorbei. Die Menge drängte sich dem Ausgang zu und ich stand auch auf. Es mag pathetisch klingen, aber es fühlte sich in mir an, als ob jemand die letzten 90 Minuten mit einer grossen Kelle in meinem tiefen Topf der Gefühle umrührte. Ich war sehr bewegt und voller Emotionen. Als ob ich unglaublich viel erlebt hätte in dieser kurzen Zeit. Ich fühlte mich sehr lebendig.

Ich erinnerte mich wieder an Thalia, die sich weinend an mich klammerte beim Abschied und Angst hatte, sie schaffe es nicht, diese vier Stunden über Mittag ohne mich zu sein. Ich bereitete zur Ablenkung ihnen einen "Schwestern-Club" vor: kaufte eine neue DVD, stellte Popcorn und Gummibärchen bereit und bat Claudia, meine Perle, den Kindern Ofenpommes zu machen. Sie sollen wie die Mäuse tanzen, wenn die Katze aus dem Haus ist. Doch Thalia interessierte dies beim Abschied nicht. Ich will nur Mama! weinte sie. Diese Phase hat sie seit zwei Monaten: Mama, nur Mama! Aber ich war mir sicher, das wird klappen. Sie wird es schaffen und sie wird dann ganz stolz auf sich sein.

So war es dann auch. Als wir die Haustüre öffneten und mit grossem H-A-L-L-O! herein traten, hörten wir zuerst mal nichts. Und dann: Oh nein, ihr seid schon da! - War das nicht Thalias Stimme?! Unser kleines, grosses Mädchen das eben erst noch so unsicher und traurig war? Ich war erleichtert und froh. Sie hat es geschafft und verkündete ganz stolz: Mama, ich habe kein einziges Tränchen geweint!




Kommentare:

  1. iren

    es ist jedesmal ein kleiner wunderbarer moment deine worte zu lesen. worte voller gefühl und liebe deinen kindern gegenüber.

    danke

    rashida

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  2. Hab Dank Dir, Rashida! Und ich l i e b e es , Deine Facebook-Statements zu lesen!

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